Der Neue Merker

WIEN / Musikverein: LA STRANIERA

WIEN / Großer Musikvereinssaal:  LA STRANIERA von Vincenzo Bellini
Konzertante Aufführung am 8. Februar 2013  

Die Titelheldin lässt auf sich warten: Vincenzo Bellinis „La Straniera“ läuft seit mehr als einer halben Stunde, bietet Bariton und Mezzo, Chor und Comprimarii, dann auch den Tenor auf, bis endlich die Fremde, die Unbekannte kommt, die wenigstens einen Namen hat: Alaide. Man hört sie aus der Ferne – ein „Ah!“, das kein „Ah“ ist, sondern eine lange, wunderbare Phrase, eine Vokalise mit Koloraturen und Trillern, kurz, ein Gustostück für die Gelüste der Belcanto-Assuluta unserer Tage, Edita Gruberova.

Knapp drei Stunden später (der ganze Abend dauert dreieinviertel) tut diese Alaide ihren letzten Schrei im halben Wahnsinn, nicht bevor sie einen Lieblingswunsch der Gruberova erfüllt hat: eine gewaltige Schlussszene, die ihr allein gehört (denn der Chor im Hintergrund ist bestenfalls Dekoration). Von allem, was sie davor zu singen hat, ganz zu schweigen. Die Anforderungen sind so hoch, wie sie die Diva mit Wonne erklimmt.

Nun weiß man also, warum die Gruberova sich die „Straniera“ als jene zentrale Partie gewählt hat, mit der sie die nächsten Jahre verbringen will, oftmals konzertant, aber heuer noch in Zürich  und 2015 bei uns im Theater an der Wien auch szenisch auf der Bühne. Sie wollte wohl nicht den Fehler der Callas begehen, an der diese Straniera vorüber gegangen ist. Auch sonst wurde diese frühe Bellini-Oper seit ihrer Uraufführung 1829 an der Scala selten gespielt, an der Wiener Staatsoper überhaupt noch nie. Bellini ist ja doch vor allem mit der „Norma“, der „Sonnambula“, den „Puritani“ und bestenfalls noch mit seiner Romeo-und-Julia-Oper in den Opernhäusern lebendig. Um solche Raritäten auszugraben, bedarf es schon der Lust der großen Diven an den besonderen Rollen…

Die Handlung will man gar nicht erzählen, da kann sich Regisseur Christof Loy dann die Haare raufen (oder wir als Zuschauer werden es tun?), darüber reden wir in zwei Jahren. Zu beurteilen ist die konzertante Aufführung, die sich im Musikverein rund um die Gruberova abspielte. Sie hat dazu einen Teil ihres bewährten Teams versammelt, das schon in der „Anna Bolena“ dabei war – Sonia Ganassi für die Mezzorolle, José Bros als Tenor, der es an hitziger, aufgeladener Energie mit der Hauptdarstellerin aufnehmen konnte. Dazu Paolo Gavanelli mit nach wie vor schönem Bariton und unter den Nebenrollen herausragend Sung-Heon Ha – da hat sich Mannheim einen höchst viel versprechenden jungen Bass aus Asien geholt, von dem man vermutlich noch viel hören wird.

Das Münchner Opernorchester unter Pietro Rizzo begleitete einen Abend, der mehr auf kraftvolle Dramatik als auf jene Lyrik ausgerichtet war, die man Bellini gerne nachsagt (aber es ist ja ein Frühwerk, da waren seine musikalischen Künste noch schlichter), und der Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh) klang  ausgesprochen stimmschön.

Die Diva bekam ihre Ovationen, und wenn sie den Abend am 18. Februar wiederholt, der dann das absolut exakte Datum ihres ersten Auftretens ist (sie hat sich ja auf dieses 45jährige Berufsjubiläum hingearbeitet), werden auch Gruberova-Fans, die es nicht live in den Musikverein schaffen, dabei sein können: via www.sonostream.tv

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken