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WIEN/ Musikverein: GASTSPIEL DER DRESDNER PHILHARMONIE MIT JULIA FISCHER –

Wien/Musikverein: GASTSPIEL DER DRESDNER PHILHARMONIE MIT JULIA FISCHER – 30.11.2016

Es war ein ungewöhnliches Programm, ohne die üblichen „Ohrwürmer“ und „Publikumsrenner“, das die Zuhörer dennoch in den Goldenen Saal des Wiener Musikvereins strömen ließ. Im Rahmen der Jeunesse-Konzerte, bei denen u. a. junge Stars der Weltklasse präsentiert werden, hatte Julia Fischer, eine der jüngsten Weltklasse-Virtuosinnen und die Dresdner Philharmonie eingeladen.

Sie widmeten sich dem ungewöhnlichen, in seiner transeurasischen überaus temperamentvollen, aber auch wehmütig melancholischen Mentalität so fernen und doch so nahen „Konzert für Violine und Orchester d-Moll“ (op. 46) des in Tiflis geborenen, armenischen Komponisten Aram Khatschaturian, das nach der Uraufführung durch den Widmungsträger David Oistrach (Moskau, 1940) wegen seiner hohen technischen Ansprüche und melodischen Reize zu einem der Standardwerke jedes Geigenvirtuosen wurde, in letzter Zeit aber kaum mehr in den Konzertsälen zu hören war (gestehe, dass ich es, obwohl der Musik Khatschaturians zugetan, zum ersten Mal hörte). 

Solistin und Orchester hatten die typische Tonsprache des Komponisten, eine Mischung aus den traditionellen Techniken westlicher Provenienz und der typischen Tonsprache der Heimat Khatschaturians, der armenischen und tatarischen Folklore, die gerade den Reiz seiner Musik ausmachen, und seine rhythmisch das Konzert durchziehende Melodik und Harmonik in ihrer unverkennbaren Eigenart in schönster Weise erfasst.

Mit frappierender Virtuosität (ohne jede eitle Vordergründigkeit) widmete sich Julia Fischer dem Solopart und reihte sich, mit der Dredner Philharmonie „auf gleicher Wellenlänge“ in akustischem und interpretatorischem  Gleichklang als „Erste unter Gleichen“ (Prima inter pares) in den Orchesterklang ein und blieb dennoch die führende Stimme. Mit ihrer schönen Tongebung und durchgängigem virtuosem Rhythmus gestaltete sie die steten Wiederholungen kleinerer Motive, die eine gewisse Motorik bewirken, und die immer wieder prägnanten, scharf akzentuierten rhythmischen Wendungen mit nicht nachlassender Frische und Konzentration in virtuoser Linienführung zu immer wieder neuen, belebenden Momenten.

Gipfelnd in der brillanten, von ihr ebenso brillant gespielten Kadenz, die ihr großes geigerisches Können in konzentrierter Form erleben ließ, ging es danach in fulminanter Steigerung bis hin zum überwältigenden Finale, von Khatschaturian nach seinen eigenen Worten als ein „Feuerwerk an Geigenvirtuosität, als lebensbejahende Apotheose“ gedacht. Dieses Violinkonzert war auch dank der im besten Sinne virtuosen Ausführung eine Entdeckung und Bereicherung in der Reihe der Solokonzerte.

In einer hinreißend, souverän gespielten Zugabe, dem 3. Satz  aus der „Sonate für Violine g-Moll“ von Paul Hindemith ließ sie noch einmal solo mit wie selbstverständlichen Doppelgriffen und wunderbarer Phrasierung ihr großartiges Können Revue passieren. In großen musikalischen Bögen ließ sie unermüdlich wahre „Hexenkünste“ entstehen – Bravo!

Unter Sanderlings Leitung muszierte die Dredner Philharmonie sehr sauber, präzise und klangschön, ließ der Solistin freie Entfaltungsmöglichkeiten, entwickelte aber in den solofreien Passagen auch mit lauten und kraftvollen, ja zuweilen überschwänglichen Teilen ihre Sicht auf diese Musik.

Die Wiedergabe der, unter politischem Druck entstandenen, „Symphonie Nr. 5  d-Moll (op. 47) von Dmitri Schostakowitsch ließ eine andere seiner vielen Facetten seines kompositorischen Schaffen erkennen, die in den scheinbar heiter und unbeschwert daherkommenden, fast fröhlichen Anlehnungen an deutsche Folklore nach dem Motto: ‚ich möchte gern fröhlich sein, kann es aber nicht‘ oder ’so optimistisch soll ich komponieren, will es aber nicht“, aber auch in fast traurigen Orchesterpassagen zum Ausdruck kamen.

Sanderling ging ganz in der Musik auf, ließ die Symphonie mit dem Orchester in seiner widersprüchlichen „Schönheit“ und Zerrissenheit, auch mit kleinen, feinen solistischen Passagen von Violine, Horn, Flöte, Oboe, Fagott und Harfe erstehen. Er hielt die Fäden in der Hand und formte das Orchester entsprechend seinen intensiven musikalischen Einsichten.

Es war eine großartige Wiedergabe dieser Symphonie – temperamentvoll und lautstark, aber auch mit sehr feinen, sensiblen Piano-Passagen und sehr harten, für Schostakowitsch typischen Paukenschlägen und lautem Blech.

Die Orchesterzugabe kündigte Sanderling mit den Worten „etwas ganz anderes, das zu Herzen geht“ an: „Nimrod“ von Edvard Elgar.

Ingrid Gerk

 

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