Der Neue Merker

WIEN / MuseumsQuartier Halle E: „LE ENCANTADAS“ von Olga Neuwirth bei Wien Modern

WIEN / MuseumsQuartier Halle E: „LE ENCANTADAS“ von Olga Neuwirth bei Wien Modern

20.11. 2017 – Karl Masek

Encantadas, „die Verzauberten“, nannte Herman Melville im Jahr 1854 die Galapagos-Inseln. Die Sage berichtet, dass sie sich bewegen können. In The Encantadas umkreist der Schriftsteller, Visionär und Grenzgänger, wie ihn die Komponistin im Vorgespräch bezeichnet, die Inselgruppe mit 10 literarischen Skizzen, eine Mischung aus Naturschilderung und philosophischer Betrachtung. Er beschreibt wuchernde Natur gleichermaßen wie die abweisende Welt des Vulkangesteins.

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Olga Neuwirth. Copyright: Harald Hoffmann

Bei Olga Neuwirth wird dies zu „einem fiktiven Abenteuerroman durch vielfältige Raumklangwirkungen hindurch“. Das Publikum soll gleichsam eine Reise durch ein Klangarchipel antreten. Wobei jeder seine eigene Reise absolviert, nach dem Motto: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“. In der Tat: Kopfkino ,ganz ohne Bilder. Gegliedert ist das Ganze mit einem Prolog, fünf Inseln, zwei Interludien und einem Epilog.

Aber nicht nur um „verzauberte Inseln“ geht es, sondern klanglich auch um Innen- und Außenräume. Dazu ist es wichtig zu wissen: Olga Neuwirth hat seit ihrer Kinder- und Jugendzeit ein besonderes Faible für Venedig entwickelt – schließlich auch vier Jahre dort gelebt. Musikalische Initialzündung für die 16-Jährige war 1984 eine Aufführung von „Prometeo“ des Luigi Nono in der Chiesa di San Lorenzo. Die besondere Akustik des Kirchenraums nahm Olga Neuwirth gefangen. Leider wurde die Kirche bald darauf geschlossen und nach langen Restaurierungsarbeiten erst wieder 2008 geöffnet. Seither arbeitete Neuwirth mit dem Pariser Institut IRCAM des Centre Pompidou und Gilbert Nouno an einer „Musikalisch-informativen Realisierung“ für sechs im Raum verteilte Ensemble-Gruppen, Samples und Live-Elektronik. 2015 war die Uraufführung anlässlich der Donaueschinger Musiktage. Im MuseumsQuartier war nun die Österreichische Erstaufführung.

Als Zuhörer wird man 70 Minuten lang durch ein Labyrinth von realen und fiktiven Außen- wie Innenräumen durch verschiedene Klang-Insel-Welten mitgenommen, so als säße man im Sakralraum und es würden mannigfaltige Außengeräusche hineindringen.

Eine Kakophonie der Klänge! Ganz naturalistisch das Klatschen des Wassers in der Lagune, Stimmengewirr, Kirchenglocken, Nebelhörner, momenteweise ein „Flageolett-Teppich“, wie ein zeitlich weit entfernter Nachhall zu Mahlers Beginn der 1. Symphonie („Wie ein Naturlaut“). Geräusche von Motorbooten, nach etwa einer halben Stunde die ersten vokalen Einsprengsel, chinesisch anmutende tonale Inseln, verzerrte gesprochene Sequenzen. Außenaufnahmen in der Lagune wurden für das Ensemble transkribiert und die Musiker müssen, so die Komponistin, unisono zu den Aufnahmen die Obertonspektren vortragen. Nur wenn alles ganz genau zusammen sei, ergäbe sich die spezielle Klangfärbung.

Unglaublich aufwändig das alles. Man würde gerne des öfteren aufstehen und sich im Saal bewegen, um sich der „Inversion der Klänge“ hinzugeben, und alles von verschiedenen Punkten aus aufnehmen zu können. Doch die fixierten Sitzreihen erlaubten das leider nicht – und die Halle E war mit Publikum prall gefüllt!

Man war vom musikalischen Kopfkino gefangen gehalten. Posaunenglissandi, Minutenlange Ostinati der Vibraphone beispielsweise versetzten beinahe in einen tranceartigen Zustand. Die eingespielten Textstellen Melvilles hatten suggestive Wirkung.

Das Ensemble intercontemporain, wie gesagt, in sechs Gruppen im Saal verteilt, bot einen staunenswert präzisen Akustikeindruck. Das viel beschäftigte Schlagzeug, die mannigfach geforderten Bläser, die grundierenden Streicher: Sie alle würden einen Solovorhang verdienen. Matthias Pintscher regelte mit stoischer Ruhe, Sicherheit ausstrahlend, den musikalischen Verkehr. Olga Neuwirth saß höchstselbst an den elektronischen Schalthebeln – Toningenieur Sylvain Cadars hatte alle Hände voll zu tun. Markus Noisternig – er fachsimpelte beim Einleitungsgespräch, dass einem Nichtelektroniker die Ohren schlackerten – lieferte die gelungenen Außenaufnahmen von San Lorenzo mit Sopran, Posaune, Countertenor und Sprecher.

Anfangs zögerlicher Applaus, als müsste das Publikum erst aus den Tiefen der Eindrücke auftauchen. Schließlich wurden alle Mitwirkenden aber herzlich gefeiert. Übrigens: Auch der Doyen der österreichischen Avantgarde, Friedrich Cerha (er wird in wenigen Monaten 92!) beehrte mit seiner Frau Gertrud diese ÖEA durch seine Anwesenheit!

Karl Masek

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