Der Neue Merker

WIEN / Leopold Museum: WILHELM LEHMBRUCK / BERLINDE DE BRUYCKERE

LeopoldMus  Lehmbruck  Plakat~1

WIEN / Leopold Museum: 
Retrospektive WILHELM LEHMBRUCK /
Personale  BERLINDE DE BRUYCKERE
Vom 8. April 2916 bis zum 4. Juli 2016 

Gestorben an Elisabeth Bergner…

Das Leopold Museum hat einen neuen künstlerischen Leiter, den 48jährigen Oberösterreicher Hans-Peter Wipplinger, der zuletzt die Kunsthalle Krems geführt hat. Kein einfacher Mann, vor allem der Gegenwartskunst verbunden, während das Leopold Museum ein Haus historischer Bestände ist. Möglicherweise soll mit Wipplingers Wahl hier eine Trendwende angekündigt werden. Wie er bei seiner ersten Pressekonferenz sagte, war er sich des Drucks bewusst, seine erste Ausstellung zu präsentieren: Womit fängst Du an? Nun, er tut es mit der Brückenstellung zwischen klassischer Moderne und zeitgenössischer Kunst, wie es von ihm zu erwarten war. Die Namen: Wilhelm Lehmbruck und Berlinde De Bruyckere. Beide zeichnen sich nicht durch Popularität aus. Die erste Seite der neuen Ära ist aufgeschlagen.

Von Heiner Wesemann

LeopoldMus  Lehmbruck   Fotowand~1

Wilhelm Lehmbruck    Gerade weil Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) bei uns nicht so bekannt ist, war es Wipplinger ein Anliegen, diesen „wichtigen Wegbereiter“ zu präsentieren. Geboren wurde er 1881 in der Nähe von Duisburg, wo sich heute ein Museum befindet, das seinen Namen trägt und das einen großen Teil der Werke für die Wiener Ausstellung geliehen hat. Er studierte u.a. Bildhauerei an der Düsseldorfer Akademie. Als Buchillustrator und später auch mit dem Entwerfen großzügiger Grabdenkmäler legte er seinem Schaffen eine verlässliche finanzielle Grundlage. Schon 1910 übersiedelte er nach Paris und war mit seinen Bildern und Skulpturen in den wesentlichsten Ausstellungen der Epoche vertreten. Im Ersten Weltkrieg war er als Soldat frei gestellt und konnte weiter künstlerisch tätig sein. Lehmbruck war zu seinen Lebzeiten ein ebenso erfolgreicher wie geschätzter Künstler, sowohl aufgrund seiner Werke wie mit Hilfe dessen, was man heute als „networking“ bezeichnet. Die junge Schauspielerin Elisabeth Bergner, die ihm Modell stand, war seine große, unerfüllte Liebe. Man schreibt es ihr zu, dass der an sich erfolgreiche, wenn auch in seiner Ehe unglückliche Künstler im Jahr 1919, erst 38 Jahre alt, Selbstmord beging. (Zitat aus einer „Spiegel“-Besprechung von Elisabeth Bergners „Unordentlichen Memoiren“: Auf der Zugfahrt nach Wien erreichte sie ein Lehmbruck-Telegramm: „Marja, wenn du mich retten willst, komm zurück!“ Sie reagierte nicht. Zwei Tage danach las sie in der Zeitung die Nachricht vom Selbstmord Lehmbrucks.)

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Der Bildhauer und der Maler       Hans-Peter Wipplinger, der diese seine erste Ausstellung als Direktor des Leopold Museums der Gründer-Gattin Elisabeth Leopold zum 90. Geburtstag widmete, hat an die 50 Skulpturen und doppelt so viele 100 Gemälde, Zeichnungen und Radierungen von Wilhelm Lehmbruck zusammen getragen, die Entwurf-Zeichung oft in unmittelbarer Nähe zur plastischen Umsetzung. Die großzügige Gestaltung in Räumen, deren Wände in tief intensive Farben (blau, dunkles weinrot, grün) getaucht sind, gibt den Plastiken Raum und den Betrachtern die Möglichkeit, sie in Ruhe zu umwandern. Die „stille Kunst“ dieses Mannes braucht, so Wipplinger, Platz und Ruhe.

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Von Harmonie zur Tragik     Die Entwicklung Lehmbrucks wird chronologisch nachgezeichnet, wobei frühen Werken manchmal noch etwas wie „Süßlichkeit“ anhaftet. Aber auch dort, wo er nach unserer Sicht „konventionell“ war, ist immer das bemerkenswerte handwerkliche Können präsent. Gegen Ende seines Lebens hatte er sich auch von Vorbildern wie Rodin abgekoppelt: Der „Gestürzte“ etwa aus dem Jahr 1915 zeigt ihn mit  einer abstrahierenden Betrachtung des menschlichen Körpers. Dabei ist, gerade in der oft „unnatürlich“ anmutenden Bewegung, die Nähe zu Egon Schiele nicht zu übersehen, dessen Zeichnungen sich in dieser Ausstellung vielfältig finden. Man kann es wohl auch auf den Krieg zurückführen, dass der harmonisierende Duktus der Anfänge sich in Lehmbrucks Werken verlor und einem Lebensgefühl von Trauer und Tragik Platz machte.

LeopoldMus  Lehmbruck  Kriechender~1

Lehmbruck und die anderen    Überhaupt setzt Wipplinger darauf, Lehmbruck im Kontext zu zeigen, wobei man gerade im  Vergleich etwa zu Käthe Kollwitz, der er anfänglich „verwandt“ anmutete, den eigenen Weg ermisst, den Lehmbruck später ging. Wipplinger fügt auch andere Zeitgenossen Lehmbrucks in die Ausstellung ein, denn es ist, wie er einmal sagte, sein Anliegen, nicht nur Kunst allein zu zeigen, sondern das Fluidum ihrer Zeit mit zu beschwören.

LeopoldMus  Lehmbruck  Beyus~1

Kunst und ihre Folgen    Auch die Nachgeborenen sind dabei: Da ist vor allem Joseph Beuys, der 1986 den Wilhelm-Lehnbruck-Preis überreicht bekam. Seine Rede ist berühmt geworden und auch auf Video zu betrachten. Sein Dank an Wilhelm Lehmbruck beinhaltete, dass er diesen Künstler als seinen „Lehrer“ betrachtete. Er sah das Bild einer seiner Plastiken: „Alles ist Skulptur, rief mir quasi dieses Bild zu.“ Danach entschloss sich Beuys, die Kunst auf seinen Lebensweg mitzunehmen und nicht die alternativ zur Auswahl gestandene Naturwissenschaft… Und schließlich ist es auch das heutige Verständnis von Plastik, das Lehmbruck mit den Werken von Berlinde De Bruyckere gegenüber steht.

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Berlinde De Bruyckere    Die 42jährige Belgierin, die ihr Heimatland 2013 bei der Biennale vertreten hat, bietet mit ihren Werken, die mehr Installationen gleichen, eine den Betrachter verstörende Fortsetzung von Lehmbruck. Menschenkörper, kopflos, die wie Leichenteile wirken, Tierkörper (zwei Pferde, in der Luft schwebend), eine Frauengestalt namens „Hanne“, die Vorderseite ganz von langem Menschenhaar verdeckt – der Beitrag der Gegenwart, „Nahtstellen im Fleisch der Welt“, wie Ausstellungsgestalterin Stephanie Damianitsch es nennt.

Leopold Museum
Bis 4. Juli 2016, täglich außer Dienstag
Zu beiden Ausstellungen sind Kataloge erschienen

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