Der Neue Merker

WIEN / Leopold Museum: SENGL MALT

Sengl Plakat~1  Sengl im Kokoschka~1

WIEN / Leopold Museum:
SENGL MALT. Eine Retrospektive
Vom 30. Oktober 2015 bis zum 8. Februar 2016

 

Ich und die anderen

Wenn man es nicht besser wüsste, nämlich dass Peter Sengl im übertragenen Sinn im Leopold Museum malt – dann könnte man den Titel „SENGL MALT“ am Ende für eine edle Whiskymarke halten. Tatsächlich ist es eine Ausstellung, die man dem gebürtigen Steirer, der in Wien lebt, nun zu seinem 70er widmete. Was er wiederum damit erwiderte, dass er sich „selfie-artig“ in ein paar der berühmtesten Gemälde des Hauses, ob Schiele, ob Kokoschka, „hineingesetzt“ hat. Übermalen und Bearbeiten ist ein Teil seiner Kunst, und man erlebt diesen Peter Sengl im Untergeschoß des Hauses mit der ganzen Wucht seiner ungezügelten Phantasie.

Von Renate Wagner

 

Sengl Raum~1

Peter Sengl    Geboren am 4. März 1945 in Unterbergla, Weststeiermark, war Peter Sengl an der Wiener Akademie u.a. Schüler von Sergius Pauser. Schon seit den siebziger Jahren ist sein Werk in vielen Einzelausstellungen zu sehen gewesen, in Wien zuletzt 2001 im Wien Museum, und 2005 wurde er im Essl Museum ausgestellt. Die Originalität, Krudität, teilweise Obszönität seiner Bilderwelt hat ihm im gegenwärtigen Kunstbetrieb eine ganz eigentümliche Stellung eingeräumt.

Sengl liegende Kuh~1  Sengl Kuh gezeichnet~1

Malen für Leopold    Die Retrospektive, die man im Leopold Museum dem malerischen und zeichnerischen Werk von Sengl widmet (auch die ausgestopfte Kuh, einst für eine andere Ausstellung geschaffen, die sonst in seinem Arbeitszimmer zuhause ist, liegt in einem der Ausstellungsräume), hat den Künstler offenbar dazu bewogen, dem Museum selbst seine Reverenz zu erweisen. Man erlebt zwar „nur“ 80 Arbeiten („nur“, wenn man von den mehreren Tausend ausgeht, die er im Laufe seines Lebens geschaffen hat), aber diese haben es in sich. Auch den Sengl in sich: Im Dialog mit sieben berühmten Werken der Leopold-Sammlung bringt er sich selbst ein. Da sitzt er, im karierten oder einfarbigen Anzug, seitlich im Schiele und mitten im Kokoschka, drängt sich zwischen die Beine eines Bauern, der bei Egger-Lienz entschlossen einherschreitet. Allerdings hat er diese „Selfie“-Methode nicht für die Leopold-Ausstellung erfunden – es wird fast zur Suchaufgabe, ihn auch in anderen seiner Werke zu entdecken… Jedenfalls sind „freie Paraphrasen“ vorhandener Werke bei ihm immer wieder zu finden – man betrachte nur seine Nach- und Umformung der doppelten Frida Kahlo. Es war eine Qual, so Kurator Carl Aigner, sich angesichts der Fülle von Sengls Werk auf diesen Ausstellungs-Ausschnitt reduzieren zu müssen.

Sengl Kahlo~1

Surrealismus plus Humor plus Erotik plus Tod…   Lässt man Sengls Werke in ihrer wilden Farbigkeit auf sich einstürmen, dann ist der erste Eindruck jener von Wahnsinn. Bald entdeckt man, dass es zwar Wahnsinn sein mag, aber Methode hat. Surrealistisch könnte man seine Collage aus echten Versatzstücken zu Schöpfungen einer verqueren Phantasie betrachten, deren Markenzeichen ein aggressiver Humor ist – ebenso wie exzessive Sexualität, wenngleich man Sengls Forderung an die Wand geschrieben hat: „Mit Sadomasogeschichten möchte ich nicht in Zusammenhang gebracht werden“ – was dem Betrachter nicht ganz leicht fällt…Man ist eigentlich sicher, dass so manches seiner Werke im Besitz von anspruchsvollen Porno-Sammlern gekommen ist. Dass der Tod bei Sengl immer wieder „mittanzt“, darauf verweisen die zahlreichen Skelette und Totenköpfe, die in seinen Werken so regelmäßig auftauchen wie Tiere. Und überall Anspielungen auf Künstlerkollegen und Versatzstücke der heutigen Realität. Wahrlich ein Kosmos.

Sengl Totentanz~1

Die ungelöste Sinnfrage     Antworten auf Fragen, die dem Publikum der Ausstellung auf der Zunge liegen, gibt Sengl in Aussprüchen an der Wand, als ob er es geahnt hätte: Wo zielt diese seine Kunst hin? „Mir ist es nie darum gegangen, gesellschaftliche Probleme aufzuzeigen“, lässt er wissen. „Ich glaube nicht, dass Kunst wirklich etwas verändert.“ Dennoch macht er etwas, was rein vom Können und der Originalität der Ideengebung her hohe Kunst ist – und überlässt dem Gegenüber, sich seinen Teil zu denken. Gäbe er sich ideologischer, er hätte es wohl leichter. So schafft er „Grausliches“ und erklärt, es sei nicht so, sondern bloß schön. Womit er auf eine gewisse, verquere Art auch wieder recht hat…

Bis 8. Februar 2016, täglich außer Dienstag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

 

 

Diese Seite drucken