Der Neue Merker

WIEN / Leopold Museum: FREMDE GÖTTER

Fremde Götter Plakat~1 Fotos: Heiner Wesemann

WIEN / Leopold Museum:
FREMDE GÖTTER  
FASZINATION AFRIKA UND OZEANIEN
Vom 23. September 2016 bis zum 9. Jänner 2017

Die Magie der Maske

Fremde Götter Maske breit~1

Man weiß, dass Rudolf Leopold einer der großen Sammler Österreichs war, der seine Interessen nie beschränkte, also auch auf außereuropäische Kunst erstreckte. Der Zusammenhang von afrikanischer Kunst und moderner Malerei hat ihn so sehr interessiert, dass er auch die „Stammeskunst“-Objekte in überwältigend großer Zahl erwarb. Das zeigt die derzeitige Ausstellung des Leopold Museums: „Fremde Götter“. Expression und Formkraft, die der Sammler so sehr bewundert hat, springen in der von Erwin Melchardt und Ivan Ristić kuratierten Zusammenstellung von 250 Objekten zum Thema „Faszination Afrika und Ozeanien“ den Betrachter regelrecht an.

Von Heiner Wesemann

Der Reiz der „Wilden“    Die Kolonialreiche der Deutschen, der Franzosen in Afrika und Ozeanien plünderten nicht nur die Reichtümer dieser Länder aus. Sie konfrontierten Europa auch mit einer ganz neuen Art von Kunstgegenständen, die nicht nur für ein breites Publikum ein Faszinosum darstellten. Französische wie deutsche Künstler ließen sich von Werken und von Erfahrungen auf ihren Reisen inspirieren. Die Franzosen betrachteten die Kunst der Naturvölker eher von ihrer fremd-irritierenden Form (die von manchen auch als „hässlich“ empfunden wurde), die Deutschen sahen das Fremde eher romantisch. Man sehnte sich nach einer Ursprünglichkeit, die einer industrialisierten und bereits technologischen Welt Paroli bot.

Fremde Götter Raum mit Boot~1

Die Sammlung Leopold     Rudolf Leopold sammelte offenbar alles, was ihn faszinierte. Zu Lebzeiten war er damit beschäftigt, den Weltrang von Egon Schiele zu zementieren und die österreichische Kunst rund um diesen mehr und mehr ins Bewusstsein zu holen. Das hatte zur Folge, dass er zu Lebzeiten nicht damit „fertig“ wurde, alles für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten, was er zusammen getragen hatte. Es war seine Witwe und Mit-Sammlerin Elisabeth Leopold, die Erwin Melchardt mit einer Bestandsaufnahme ihrer Afrika- und Ozeanien-Bestände beauftrage. Melchardt, als Kunstkritiker der „Kronen Zeitung“ bekannt, ist nun als freier Fachmann in der Kunstszene mit Schwerpunkt außereuropäische Kunst unterwegs. Er erkannte Wert und Wichtigkeit dieses Teils der Sammlung („Ganz wenige Fälschungen darunter“, betonte er bei der Pressekonferenz) und kam der Aufforderung, damit eine Groß-Ausstellung zu gestalten, nur zu gerne nach. Ivan Ristić hat ihn dabei unterstützt, sich um den Dialog mit der klassischen Moderne gekümmert und war im so wichtigen Ausstellungsaufbau ständig vor Ort. 

Fremde Götter Masken~1

Afrika sieht uns an!    Wenn der Grundgedanke der Ausstellung auch darin besteht, die afrikanische und ozeanische Kunst als Quelle der Inspiration für Europa zu zeigen, so hat man mehrere Säle doch den Stammeskunst-Objekten allein gewidmet. Da stehen vor allem Masken und  Figuren quasi kommentarlos nebeneinander, von frappierender Unterschiedlichkeit: abenteuerlich üppig die einen, bis auf das allernötigste reduziert die anderen. Man weiß von dieser „Kunst“, deren Zweck nie Selbstzweck, sondern immer im tieferen Sinn „religiös“ war, letztendlich als Laie wenig. Aber darum geht es nicht. „Afrika sieht uns an!“ beschwor Elisabeth Leopold die Journalisten bei der Pressekonferenz. Die Intention dieses Teils der Ausstellung besteht darin, das Geheimnisvolle, Mystische der Objekte emotional auf sich wirken zu lassen.

Die künstlerische Reflexion    Die weiteren Räume vergleichen, und sie tun es mit verblüffender Relevanz. So findet sich eine ganze Vitrine mit kleinen geschnitzten Ibeji-Figuren, die bei den Yoruba in Nigeria nach dem Tod eines Verwandten als „Ersatz“ dienen und für ihn im Haus aufbewahrt werden. Als Emil Nolde 1912 „Mann, Fisch und Frau“ malte, ist die Ähnlichkeit mit diesen Figürchen verblüffend. Pablo Picasso zitierte in seinem Bild „Mutter und Kind“ 1907 eindeutig afrikanische Masken, und Max Pechstein, der 1914 die Südsee besucht hatte, malte seinen kleinen Sohn 1917 am Sofa liegend – zusammen mit einer Südsee-Frau, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ebenso selbstverständlich widmete er das europäische Genre des „Stillebens“ dermaßen um, dass diese nun nicht aus Blumen, Früchten oder Tieren, sondern afrikanischen Figuren gebildet wird. Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff haben ganze Werke (Kästchen, Tische, Stühle) in direkter Nachahmung von Stammeskunst-Schnitzereien geschafften. Und dass es besonders die Magie der Maske den Künstlern angetan hat, zeigen Werke von Amedeo Modigliani – manche wirken nahezu „afrikanisch echt“.

Fremde Götter Kronen Atter~1

Das Statement von heute     Hans-Peter Wipplinger, der (nicht mehr ganz neue) Direktor des Leopold Museums, hat den algerischstämmigen Künstler Kader Attia zu zwei heutigen Beiträgen in die Ausstellung eingeladen. Er hat als Intervention vier Masken der Dogon mit Spiegelsplittern überzogen, womit er, wie der Pressetext erklärt, „Vereinnahmungsmechanismen“ hinterfragt. Seine Videofilme, die man in einem eigenen Raum per Kopfhörer betrachten kann, bietet Gesprächsmaterial zum Kontinent Afrika heute, ein „diskursives Labor“, das die „moralische Hypothek“ klar machen soll, die in Bezug auf die Kolonialvergangenheit von „Tätern“ wie  „Opfern“ zu tragen ist.

Leopold Museum:
Fremde Götter. Faszination Afrika und Ozeanien
Bis 9. Jänner 2017, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, So 21 Uhr

Fremde Götter Titel~1

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