WIEN / Leopold Museum: POETIKEN DES MATERIALS

by R.Wagner | 24. Oktober 2016 10:35

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WIEN / Leopold Museum: 
POETIKEN DES MATERIALS
Vom 21. Oktober 2016 bis zum 30. Jänner 2017 

Leopold Poetik Mayer
 Christian Kosmas Mayer / Alle Fotos: Leopold Museum

Auf neuen Wegen

Dass mit Hans-Peter Wipplinger als Direktor im Leopold Museum vieles anders werden würde, war klar. Er hat bisher die Verbindung zwischen dem, was das Haus ausmacht, und der Moderne gesucht, aber keinerlei Zeit verloren, diese zeitgenössische Kunst allein in den Mittelpunkt einer Ausstellung zu stellen. Im Tiefgeschoß finden sich unter dem Motto „Poetiken des Materials“ sieben Künstler (sechs Schwerpunkte, denn zwei arbeiten gemeinsam) zusammen. Grundsätzlich muss man sagen, dass Ausstellungen wie diese nur ein paar Schritt weiter – im MuMok, in der Kunsthalle – von der Tradition und vom Publikum her goldrichtig wären. Bei Leopold wirkt sie vergleichsweise aufgezwungen. Andererseits – wer weiß, ob der immer so wache Rudolf Leopold, ruhte er nicht auf dem Grinzinger Friedhof, nicht auch neue Wege gegangen wäre?

Von Renate Wagner

Leopold Poetik Pöschl
Mathias Pöschl

Zitat   Weitverbreitet ist heute die Überzeugung, dass die Realität in zunehmendem Maß hinter der künstlich erzeugten medialen Bilderflut „verschwindet“. Trotz – oder gerade wegen – der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche lassen sich gegenwärtig im Bereich der Kunst unter dem Schlagwort eines „Neuen Materialismus“ Strategien beobachten, welche dem Material sowie materiellen Phänomenen der Wirklichkeit einen hohen Stellenwert einräumen. Diese künstlerischen Bestrebungen sind nicht als schlichte Reaktion auf die Entmaterialisierung der Lebenswelt misszuverstehen. Vielmehr operieren sie auf dem dadurch bereiteten Feld. Denn zeitgenössische Kunst, die dem „Neuen Materialismus“ zugeordnet werden kann, verleiht der gegenseitigen Durchdringung von materiellen Phänomenen und immateriellen Aspekten der Wirklichkeit Ausdruck. Letztere zeigen sich etwa in der Bedeutung der Sprache oder der kulturellen Prägung von Wahrnehmung. Bei den in der Ausstellung Poetiken des Materials versammelten Werken handelt es sich demnach um Kunst, die, so Christiane Heibach, „das Materielle und dingorientierte Aspekte in der Beschreibung von Kultur und Gesellschaft zwar in den Vordergrund rückt, ihre immateriellen Ordnungs- und Spiegelfunktionen aber nicht leugnet und Dinge als Akteure von Netzwerken kultureller Prozesse versteht.“ Gemeinsam ist den Arbeiten von Benjamin Hirte, Sonia Leimer, Christian Kosmas Mayer, Mathias Pöschl und Anne Schneider sowie dem Beitrag von Misha Stroj und Michael Hammerschmid daher der Einsatz vorgefundener Objekte, Alltagsgegenstände und „kunstfremder“ Materialien. Diese werden als Träger kultureller Bedeutungsgehalte hinterfragt. Eingebunden in die Struktur der vorwiegend skulpturalen und installativen Kunstwerke werden ihre Ästhetik und Geschichtsträchtigkeit freigelegt sowie ihr semantischer Gehalt analysiert – und dies häufig auf der Basis eines spielerischen Wechselverhältnisses von Material und Sprache.
Diese Erklärungen verdankt man vermutlich Kuratorin Stephanie Damianitsch und zeigen, wie schwierig die sprachliche Vermittlung zwischen bildender Kunst und verbaler Interpretation mitunter sein kann.

Leopold Poetik Leimer  Leopold Poetik Misha StrojMichael Hammerschmid
Sonia Leimer  /  Misha Stroj und Michael Hammerschmid

Theorie und Realität   So weit der theoretische Überbau dieser Ausstellung. Tatsächlich handelt es sich, wie Wipplinger selbst ankündigte, um eine neue Reihe großer zeitgenössischer Ausstellungen, wobei in diesem Fall  sechs Künstler „jeweils fast eine Personale“ erhalten. Die Objekte liegen großzügig verstreut in den großen Räumen. Die Wände bleiben unbeschriftet – auf Anhieb keine Hilfestellung, welcher Künstler hier was geschaffen hat. Ein Tipp: Die A 4 großen Zettel, die man an den Wänden aus Behältern entnehmen kann, enthalten nicht immer dieselbe Information, sondern berichten dann über die einzelnen Künstler, so zart gedruckt und klein geschrieben allerdings, dass man neben der Lesebrille auch am besten eine Lupe bei der Hand hätte. Oder man geht durch die Ausstellung, ohne sich über das Wer und Was und Warum den Kopf zu zerbrechen (theoretische Erklärungen sind überflutend zu haben, praktikabel für das Verständnis sind sie nicht), und sieht, was zu sehen ist.

Leopold Poetik Schneider 1 Leopold Poetik Schneider 2
Anne Schneider

Rosa und Blau, Holz und Metall     Anne Schneider (* 1965 in Enns) hat gleich links vom Eingang ihren eigenen „Saal“. Was ihre meist rosa ummantelnden Stelen bedeuten, muss man sich aus der Erklärung holen, aber die Mischung aus Beton darunter (sieht man nicht) und Textilien ist zumindest amüsant („Beton und Textilien, wie Anne Schneider sie verwendet, stehen nicht nur für sich selbst. Sie bringen hier auch ihre Geschichte und Funktion mit, erzählen vom Bauen und von der Kleidung. Und so verweisen Schneiders Plastiken nicht zuletzt auf die Strategien des Menschen, seine Existenz zu bewältigen.“) Christian Kosmas Mayer (*1976 Sigmaringen) lenkt das Auge auf blaue Zäune, blau bemalte Baumteile. Die weiteren „skulpturalen und installativen Kunstwerke“ bieten, wenn man sie durchschlendert, durchaus rätselhafte Schauwerte. Mit versuchten Erklärungen kann man sich das Hirn verrenken oder dies den berufenen Interpreten überlassen und sich durch deren Texte durchbeißen, auf dass man dann gescheiter ist oder nicht. Am Ende weiß man nicht, ob man sich auf einem grundsätzlichen Irrweg für das Haus befindet – oder ob man dem Kuratorium des Leopold Museums für seine Offenheit gratulieren soll. Take your pick.

Leopold PoetK Hirte
Benjamin Hirte

Leopold Museum
POETIKEN DES MATERIALS
Benjamin Hirte, Sonia Leimer, Christian Kosmas Mayer, Mathias Pöschl, Anne Schneider, Misha Stroj und Michael Hammerschmid
Zweites Untergeschoß
Bis 30. Jänner 2017, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr

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