Der Neue Merker

WIEN / Leopold Museum: ANTON KOLIG

Kolig Plakat~1

WIEN / Leopold Museum:
ANTON KOLIG
Vom 22. September 2017 bis zum 8. Jänner 2018

Der Künstler und die Zeit

Anton Kolig (1886-1950), in Mähren geboren, „Kärtner“ geworden (Mittelpunkt des „Nötscher Kreises“), zählt zu den eindrucksvollsten Künstlerpersönlichkeiten Österreichs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Zeitgenosse von Schiele und Kokoschka hat in der Nachwelt nicht dieselbe Beachtung gefunden wie diese. Das Leopold Museum holt nun die umfassende Begegnung mit Koligs Werk für den Kunstfreund in einer Personale nach.

Von Heiner Wesemann

 Kolig Saal 2~1 
(In der  Ausstellung fotografiert)

Anton Kolig     Er wurde an 1. Juli 1886 in Neutitschein, damals Mähren und Teil der Habsburger Monarchie, geboren, schon der Vater war Kirchenmaler. So kam der begabte Sohn mit 18 Jahren nach Wien, zuerst an die Kunstgewerbeschule, dann an die Akademie der bildenden Künste. Nach seiner Heirat wurde ab seinem 25. Lebensjahr bis zu seinem Tod Kärnten seine Heimat, Nötsch im Gailtal, das durch Kolig und seine Künstlergruppe zu einem Begriff wurde. Zwei Weltkriege durchschnitten sein Leben. In der Zwischenkriegszeit war er erfolgreich, wenn sich auch eine an sich ehrenvolle, fünfzehnjährige Professur in Stuttgart als gewissermaßen künstlerisches Nebengeleis erwies. Von den Nationalsozialisten abgelehnt und ins Eck gestellt, ereilte ihn 1944 die finale Katastrophe seines Lebens. Damals wurde er bei einem Bombenangriff verschüttet und schwer verletzt. Obwohl er noch einige Schaffensjahre nützen konnte, starb er doch am 17. Mai 1950 in Nötsch an den Folgen dieses Ereignisses.

Die Gefährten der Jugend    Kolig lernte schon auf der Kunstgewerbeschule den gleichaltrigen Oskar Kokoschka kennen, später kam er in den Kreis des um vier Jahre jüngeren Egon Schiele, dessen „Neukunstgruppe“ er beitrat. Zu beiden Künstlern kann man Verwandtschaften entdecken, wenn man Koligs Frühwerk betrachtet. Vor allem der expressionistische Schwung Kokoschkas ist bei ihm zu entdecken, wie auch die Düsternis, die viele Gemälde Schieles auszeichnet. Aber auch Kolig ist ein Opfer der Tatsache, dass das goldene Dreieck Klimt-Schiele-Kokoschka ihre Zeitgenossen so überstrahlte, dass auf diese nicht ausreichend Licht fiel. Wobei Kolig nach dem Ersten Weltkrieg (da waren Klimt und Schiele bekanntlich tot und Kokoschka verließ Wien schon vor den Nationalsozialisten in Richtung einer internationalen Karriere) noch ein reiches Werk vorlegen konnte.

Der „ganze Kolig“   Wie Kurator Franz Smola richtig feststellt, hat sich Kolig sowohl als Maler, Zeichner wie auch „Wandmaler“ – gewissermaßen für Kunst im öffentlichen Raum – herausragend betätigt, und von den bekannten Sujets des Malerischen (Porträts, Stillleben, Genreszenen) nur die Landschaft aus seinem Werk ausgeklammert. Diese Übersicht bietet nun das Leopold Museum, die erste große Personale für den Künstler seit Jahrzehnten, wobei das Haus selbst einen großen Teil der Ölgemälde beisteuern kann: Rudolf Leopold hat als Sammler ja immer auch die Österreicher des 19. / 20. Jahrhunderts im Blick gehabt.

Kolig, Gutheil Schoder~1  Kolig Selbstporträt~1

Porträts – er und die anderen   Kolig war in den 20er Jahren als Porträtmaler gefragt, als Künstler, der sowohl die eleganten Makart-Figuren wie die schönen Klimt-Damen zugunsten starken Ausdrucks hinter sich gelassen hatte. So malte er – eines seiner berühmtesten Gemälde – 1923 mit unglaublichem Schwung, Impetus und herausfordernder Farbenpracht die Sängerin Marie Gutheil-Schoder, als diese in dem Richard Strauss-Ballett „Josephs Legende“ als Frau des Potiphar auftrat. Kolig porträtierte sich selbst in durchaus ungewöhnlicher Posen, desgleichen die Frauen seiner Familie, wobei die Idee erstaunt, dass er seine Tochter Antonia 1930 quasi als Halb-Akt, nur einen Pelz über geworfen, darstellt. Dazu kommen die zahlreichen Männerporträts – nackt und angezogen.

Der männliche Akt   Anton Kolig war seit 1911 mit Katharina Wiegele, der Schwester seines Malerkollegen Franz Wiegele (mit diesem und Sebastian Isepp bildete er den harten Kern des Nötscher Kreises), verheiratet. Das Paar hatte fünf Kinder, vier Töchter, einen Sohn, alle waren verheiratet und segneten die Eltern mit einer überreichen Enkelschar. Kolig führte also, was man damals ein „normales Leben“ nannte. Dennoch begleitete ihn lebenslang die Faszination, die der männliche Körper auf ihn ausübte. Schon im Ersten Weltkrieg zeichnete er statt der Helden verehrenden Bilder, die das Kriegspressequartier von ihm erwartete, die Soldaten mit Vorliebe nackt – und er tat es sein Leben lang. Im Katalog wird (Autor: Otmar Rychlik) seine Zerrissenheit in vielen Bereichen des Lebens charakterisiert: Er „war zugleich fortschrittlich und traditionsverbunden, mutig kämpferisch und ängstlich grüblerisch, begeisterungsfähig und leicht zu enttäuschen, liebte seine Familie und fühlte sich zu jungen Männern hingezogen, die er in tausenden Aktzeichnungen fixierte.“ Das Leopold Museum widmet diesem Bereich von Koligs Schaffens einen eigenen Raum „im Keller“, ohne zu verstecken, was weder künstlerisch noch ideologisch versteckt werden muss. Die Porträts transzendieren zum Allegorischen, wenn er nach dem Zweiten Weltkrieg nackte junge Männer malte, die Totenköpfe vor ihre Geschlechtsteile hielten…

Kolig Raum 1~1

„Kunst im öffentlichen Raum“ Die Ausstellung gibt den Arbeiten, die Kolig in Gestalt großformatiger Werke der Öffentlichkeit widmete (oder auch nicht, wenn sie nicht zur Ausführung kamen), breiten Raum, teils im letzten Zimmer des Erdgeschosses, teils im Kellergeschoß. Kolig hat das Wiener Krematorium ausgestattet, diese Fresken sind erhalten, jene im Klagenfurter Landhaus wurden von den Nationalsozialisten zerstört, denen Koligs Bildsprache keinesfalls konventionell genug war. Besonders bemerkenswert sind Entwürfe, die er ohne Auftrag für Fenster des Stefansdoms schuf, die aber nicht zur Ausführung gelangten – er hat sich damit u.a. eindrucksvoll in die Tradition von „Höllensturz“-Visionen gestellt.

Leopold Museum: Anton Kolig Bis 8. Jänner 2018, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

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