Der Neue Merker

WIEN / Kunstforum: BALTHUS

Balthus  Schriftzug~1  Balthus  Plakat~1

WIEN / Bank Austria Kunstforum Wien:
BALTHUS
Balthasar Klossowski de Rola
Vom 24. Februar 2016 bis zum 19. Juni 2016

 

Der unheimliche Balthus

Vor gerade zwei Jahren hat das Folkwang- Museum in Essen eine geplante Balthus-Ausstellung abgesagt – von Skandal war die Rede und von Pädophilie einerseits, von der Freiheit der Kunst und von Zensur andererseits. Und damit trat der Künstler Balthus (1908-2001) nach seinem Tod wieder so richtig ins Bewusstsein. Eine große Schau hatte das Kölner Museum Ludwig 2007 veranstaltet („Katz und Graus“ titelte der „Spiegel“), 2013 nannte das Metropolitan Museum in New York seine Balthus Ausstellung „Cats and Girls — Paintings and Provocations”, und nun schließt sich das Bank Austria Kunstforum mutig der Auseinandersetzung mit dem Umstrittenen an.

Von Heiner Wesemann

Warum Balthus?     Außer Frage steht die Leistung von Direktorin Ingried Brugger, der man sicher nicht unterstellen will, mit einem möglichen „Skandal“ zu spekulieren (das hat sie nicht nötig, ihr Haus rangiert in Wien gleich hinter den „großen Vier“ KHM / Albertina / Belvedere / Leopold) und der man ihren Enthusiasmus (es sei eine „hinreißende“ Ausstellung, auf die man „lange, lange gewartet“ habe) ohne weiteres glaubt. Dass hier ein Künstler präsentiert wird, der konnte, was er wollte, und wollte, was er zeigte, steht außer Zweifel. Dass Balthus nicht zu jenen gehört, die einen Betrachter a priori begeistern – das mag an einer Art kühler Abgehobenheit liegen, die diesen Künstler auszeichnet.

Von Rilke bis Madonna     Der Lebensweg von Balthasar Klossowski de Rola (wenn er denn so hieß – er gilt als Mann, der sich selbst gern mit einer Aura von mystischer Ungewissheit umgab) ist mit großen Namen gespickt. Schon die Eltern waren der Kunst verbunden, der Vater als Kunsthistoriker, die Mutter als Malerin. Balthasar war der zweite Sohn des Paares, geboren am 29. Februar 1908 in Paris, lebte er später nach der Scheidung der Eltern mit der Mutter in der Schweiz. Rainer Maria Rilke, der dort mit der Mama liiert war, nahm sich als „Patenonkel“ des „Neffen“ an, er soll auch dessen späteren Künstlernamen als Kosenamen für den Jungen kreiert haben. Wieder in Paris verkehrte Balthus in den erlesensten Künstlerkreisen der damaligen Moderne. Autodidakt lernte er viel von den mittelalterlichen Italienern und den barocken Franzosen. Anfangs vor allem Maler, wandte er sich dann auch der Graphik und der Fotografie zu. Seine Frauenakte – meist junge Mädchen, halbe Kinder – fanden Abnehmer bei den Prominenten dieser Welt, Madonna gilt als Fan und Käuferin. Balthus starb am 18. Februar 2001 93jährig in der Schweiz, und Zeitgenossen wie Nachkommende schwanken zwischen Bewunderung und Skepsis dem Werk gegenüber.

Balthus  Grinsekatze~1

„Der König der Katzen“  Balthus wusste natürlich genau, dass in einer Welt, wo es so viele Bilder und so viele Maler gibt, ein Markenzeichen angebracht ist – nicht nur die für viele fragwürdige Erotik. Schon als Kind hat er seine Katze Mitsou in Holzschnitten dargestellt (Rilke schrieb zur Veröffentlichung das Vorwort). Später hat er sich als der „Katzenmann“ stilisiert, und die Wiener Ausstellung hat dazu gleich im Eingangsraum zwei Hauptwerke zu bieten: Das Selbstporträt „Der König der Katzen“ von 1935, wo er mit lockerem Hüftschwung dasteht und die Katze, die sich mit hintergründigem Blick an sein rechtes Bein schmiegt, das irritierende Element an diesem sonst konventionellen Porträt darstellt; und den Mann mit dem Katzenkopf, der an die „Grinsekatze“ der Wunderland-Alice erinnert („Die Katze des Mittelmeers“ von 1949).

Balthus  Theaterarbeit~1

Von allem etwas   Die Intention der Wiener Ausstellung, bei deren Pressekonferenz und Eröffnung auch Balthus’ japanische Witwe dabei war, bezog sich auf die mögliche Vielfalt des Blicks des Künstlers, der immer gegenständlich, aber hyperreal, oft surreal war. Es gibt Landschaften und Städte-Szenen, fast klassische Porträts, es gibt Graphik neben Ölmalerei und eine besonders schöne Auswahl seiner Theaterschöpfungen, teils Szenenfotos (etwa für seine Arbeiten für Artaud), teils Skizzen, farbige Entwürfe und Teile von Bühnenbildmodellen für eine „Cosi“ in Aix en Provence, die 1950 weniger nach Moderne schmeckte denn nach Mozart’scher Anmut – eine Leichtigkeit, die man im Werk von Balthus sonst so gut wie nicht bemerkt.

Balthus  Mädchenakt~1

Der Unheimliche und die Frauen   Gerade in Wien müsse man für Akte, auch von jungen Mädchen, Verständnis haben, meinte Ingried Brugger ganz richtig, aber das ist auch eine Frage der Ästhetik. Die Bilder von Balthus haben weder die zauberhafte Zartheit Klimts noch die bestrickende Direktheit Schieles, die ihre Geschöpfe von Leinwand und dem Papier leuchten lassen. Balthus, der zu Recht immer als „unheimlicher“ Künstler bezeichnet wird, ist sicher zu allererst ein (allerdings lustlos und verkrampft wirkender) Erotiker, was sein gutes Recht ist, streiften seine Bilder nicht immer wieder Bereiche, die dem Betrachter unangenehm sind – so, wie er die jungen Mädchenkörper auf seinen Bildern verrenkt, hinstellt, ausstellt, hinlegt, ist die Pornographie so nahe wie der Missbrauch. Dafür braucht man nicht moralinsauer sein, sondern nur seine Gefühle beim Betrachten der Bilder befragen. Da man im Kunstforum gar nicht prüde sein wollte, hat man auch ausgestellt, woran die Ausstellung in Essen scheiterte – jene Serie von Polaroid-Fotos, auf denen der alte Balthus über Jahre ein junges Mädchen in verschiedenen Stadien der Nacktheit abgelichtet hat. Ihre Mutter mag, wie versichert wird, bei diesen „Sitzungen“ dabei gewesen sein. Der unangenehme Nachgeschmack bleibt.

Bank Austria Kunstforum: Balthus / Balthasar Klossowski de Rola
Bis 19.Juni 2016, täglich 10 bis 19 Uhr, Freitag bis 21 Uhr
Katalog im Kehrer Verlag

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