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WIEN/ Konzerthaus“Wien modern“: „CLAUDIO ABBADO KONZERT“ als Kooperation des Webern Symphonieorchesters und Studierenden des Conservatoire de Paris

WIEN / Konzerthaus: „CLAUDIO ABBADO KONZERT“ als Kooperation des Webern Symphonieorchesters und Studierenden des Conservatoire de Paris bei WIEN MODERN
4.11. 2017 – Karl Masek

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Claudio Abbado, der Gründer. Fot0:  Archiv Wien modern

Claudio Abbado, der Wien Modem-Gründer, hätte sicher große Freude gehabt, als Namensgeber eines Konzertes zu fungieren, in welchem Student/innen zweier Musikhochschulen gemeinsam „auf der Höhe der Gegenwart“ Uraufführungen bzw. Erstaufführungen präsentieren.

So geschehen im Konzerthaus: Zum 30-Jahr-Jubiläum von Wien Modern und anlässlich der 200-Jahr-Jubiläumsfeiern der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) brachte man Studierende aus Wien und Paris zusammen. Unter der Leitung des souveränen israelischen Dirigenten Ilan Volkov stellte sich der hoffnungsvolle Nachwuchs in riesiger Orchesterbesetzung mit jugendlicher Begeisterung, mentaler Belastbarkeit, höchster Konzentration und  hervorragendem Können der Herausforderung, an einem Abend eine Uraufführung und zwei Österreichische Erstaufführungen zu stemmen.

Im chronologischen Programmablauf: Die Überquerung des Styx heißt das 2014/15 entstandene Opus des Franzosen Hugues Dufourt (Jahrgang 1943), Mitbegründer der computeraffinen Stilrichtung der „Musique spectrale“, die von Paris aus im Laufe der 70er Jahre neue Klangfarben in die Konzertsäle brachte. Bildnerisches Vorbild für Dufourts Werk: ein Gemälde des Renaissancemalers Joachim Patinir, der 1520 von Naturdarstellungen zu abstrahiert-zeitlosen Landschaftsformen überging.  Den Unterschied zwischen der Nachkriegsavantgarde eines Stockhausen oder Ligeti und der „Musique spectrale“ erklärte Dufourt sinngemäß so: Stockhausen und Ligeti stellten Theorien auf, mit dem Aufkommen der Computer konnte man aber viel genauer erfahren, wie Klänge entstehen, sie gleichsam sichtbar machen und ihnen somit eine Art dritte Dimension geben.  Von „Musik und neuen physikalischen Erkenntnissen“, von „Musikinformatik“, war im Einführungsgespräch viel die Rede. Und von der „Rückkehr auf die Erde nach einem Ausflug auf den Mars“.

So klang es dann auch in der musikpraktischen Umsetzung. Weitgehend denaturierte Klänge mit immer neuen Akkordballungen, immer enger werdenden Intervallreibungen, immer neuen Crescendo-Decrescendo-Kurven („Lassen sie sich ein auf fließendes Hören!“, so der Komponist – Übersetzerdienste leistete der künstlerische Leiter von Wien Modern, Bernhard Günther). Lust am Experiment wie bei einem Klang- und Geräuschbaukasten. In der Tat: Die Klangflächen schienen tatsächlich „vom Mars“ zu kommen. In der gleichbleibenden Art der Stilmittel allerdings mit der Zeit monoton und ermüdend. Im Auditorium: verstohlene Blicke auf die Uhr, sie sandten einen stummen Impuls: Die Reise auf den Mars ist zu lang und letztlich einförmig ausgefallen (Dauer der ÖEA: ca. 35 Minuten). Höflicher, aber eher verhaltener Applaus.

Das Konzert für Akkordeon und Orchester von Georges Aperghis, ebenfalls aus dem Jahr 2015, ÖEA: Da ist nicht mehr eine „Langsamkeit des Seins“ oder die Bereitschaft des „Sich-Versenkens“ gefragt. Die Klangfarben des Akkordeons evozieren Klangsinnlichkeit, haben Feinstofflichkeit, einzelne „Tanzschritte“ gar einen Hauch von Charme. Originell die Kombination mit dem zweiten Soloinstrument, der Orgel. Ein farbiges Werk des von Xenakis, John Cage und Mauricio Kagel beeinflussten französischen Komponisten mit griechischen Wurzeln (Jahrgang 1945). Jean-Etienne Sotty war dem Werk ein beredter Anwalt. Hier fiel auch der Beifall wesentlich animierter aus.

Höhepunkt des Abends die Uraufführung von „Das Imaginäre von Lacan“ der deutschen Komponistin (und Professorin am mdw) Iris ter Schiphorst für Darstellerin/Singstimme, Orchester und Live-Elektronik (2017). Text: Helga Utz nach altarabischen Dichtungen. Jaques Lacan (1901-1981) erweckte in der Stadt des Sigmund Freud als eine Art Freud-Nachfolger unter den Psychoanalytikern Interesse der aus Berlin stammenden Komponistin. Das „Ich“ (die Selbsterkenntnis) des Menschen entwickle sich, vereinfacht gesagt, im Spiegelstudium. Daher sei der ursprüngliche Arbeitstitel auch „Spiegel“ gewesen. Davon kam man aber wieder ab (die Erfahrenen wissen: Da gibt’s schon einen Werktitel von Friedrich Cerha!).  Und das „Imaginäre“ (nur in der Vorstellung Stattfindende) soll sich in den poetischen Texten (überraschend hoher Anteil an Frauen!) widerspiegeln.

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Salome Kammer. Copyright: Christoph Hellhake

Iris ter Schiphorst verleiht diesen Texten nicht nur musikalische Inspiration, sondern darüber hinaus hohe emotionale Dringlichkeit. Und mit Salome Kammer hat Schiphorst eine idealtypische Interpretin dieser 16 Sequenzen. Diese sind im Wien Modern-Almanach mit „Die Wölfe frei, die Hirten sind in Ketten!“ übertitelt. Die gleichbleibenden Texte werden verschiedensprachig und in wechselnden Kostümen (zwischen westlich-europäisch und muslimisch samt Schleiern changierend) mit packender Intensität gestaltet. Kammer ist ein künstlerisches Multitalent (Sängerin mit weichem Timbre, stratosphärisch anmutenden Hochtönen; Schauspielerin mit vergleichsweise dunkel grundierter Stimme mit großer Ausdruckskraft gerade auch im dramatisch zugespitzten Sprechgesang, aber auch eine Cellistin). Die Kostümwechsel auf „offener Bühne“ gestaltet sie mit Geschmack und ohne jede Aufgesetztheit. Das „künstlerische Experiment zum aktuellen Verschleierungsverbot“ wurde voll goutiert – ganz ohne künstliche Erregung, wie sie im Alltag mitunter anzutreffen ist. Live-Elektronik (Wolfgang Musil), Tonassistenz (Jon Geirfinnson) und die geschmackvollen Kostüme (Anna-Sophie Lienbacher) rundeten eine durchaus denkwürdige Aufführung trefflich ab.

Verdiente Ovationen für alle Beteiligten! Ilan Volov und das Webern Orchester, glückhaft fusioniert mit dem Orchester des Conservatoire Paris, wurde nach einer interpretatorischen Sonderleistung gefeiert. Das ruft weiterhin nach Kooperationen dieser und ähnlicher Art!

Karl Masek

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