Der Neue Merker

WIEN/ Konzerthaus: Robert Land: DER FLUCH „ – Zyklus Film + Musik live im Großen Saal

10.10.2017: „Robert Land: DER FLUCH „  – Zyklus Film + Musik live im Großen Saal des Wiener Konzerthauses

FOTO FLUCH 001
Augen zu und dann rasch ein kleines Wunder: Lilian Harvey als Tochter Ruth und ihr etwas blaustrümpfiger Geliebter Joel …
©  Filmarchiv Austria

Irgendwie sind sie ja doch miteinander verwandt: der Film als Nachfolgemodell der Oper mit der Musik als Vehikel einer Geschichte, die hier auf der Bühne und dort auf der Leinwand erzählt wird. Mit den Zyklen Film + Musik lässt sich da im Konzerthaus eine lange Tradition zurückverfolgen, in der dieses Genre gepflegt wird. Ich erinnere mich da an meine Studienzeit, in der ich eine absolute Rarität erleben konnte: das Ballett Skating Rink, getanzt vom Ballet Suédois, dem nicht ganz so erfolgreichen Gegenstück  des Pariser Ballet Russe von Serge Diaghilev, in der farbenfrohen geometrisch betonten Ausstattung des kubistischen Malers Fernand Léger mit lebendiger Orchesterbegleitung unter dem Dirigat von Theodor Guschlbauer …

Der 1924 entstandene Film „Der Fluch“  des österreichisch-jüdischen Regisseurs Robert Land (1887-1942) ist der Auftakt dieser Saison in dem genannten Zyklus des Wiener Konzerthauses. Robert Land war ein höchst erfolgreicher Regisseur der Zwischenkriegszeit. Er kam vom Schauspiel, verschrieb sich aber bald mit Haut und Haaren dem Film, den er als „den intensivsten Exponenten modernen Lebens“ erachtete. Dass er, der immerhin 28 Filme gedreht und mit dem Fluch beispielsweise die Karriere der jungen Lilian Harvey gestartet hat, in Vergessenheit geriet, ist den politischen Umständen des Nazi-Regimes geschuldet. In diesem Film jedoch, der von Liebe, Treulosigkeit, Schuld und Sühne erzählt, kann er noch mit Hilfe eindringlicher Bildeinstellungen seines Kameramannes Nikolaus Farkas das Leben in streng gläubiger und traditionsgebundener jüdischer Gemeinschaft darstellen. In 4 Capiteln wird die Geschichte von der schönen Lea (Anny Hornik) erzählt, die von ihrem Verlobten, dem geschäftstüchtigen Pferdehändler Jehuda Nachmann (Oskar Beregi sen.) noch am Tag ihrer Verlobung sitzengelassen wird zugunsten der attraktiveren Rahel (Ria Jaszonyi). Aus Verzweiflung geht Lea ins Wasser. Der Vater Esra, der infolge der zeitlichen Differenz von 2 Schauspielern (zunächst von Albert Heine und später im Alter von Heinz Leo Fischer) verkörpert wird, verflucht Nachmann in aller Öffentlichkeit, so dass er aus dem Schdedel verbannt wird. Als er nach Hause kehrt zu seiner Frau ist diese bei der Geburt einer kleinen Tochter am Kindbettfieber gestorben.

Mit seiner kleinen Tochter verlässt er den Ort und kann sich in einem entfernten Grenzort ein neues Leben in Glück und Wohlstand aufbauen, in welchem auch seine Tochter Ruth (Lillian Harvey) zu einer schönen Frau heranwächst. Doch dann wird er von einem ausgesandten Späher entdeckt, und der Fluch beginnt ihn zu verfolgen. Von Rabbi Elisir (Ferdinand Bonn) wird er dazu verurteilt, seine Tochter und sein Anwesen ohne Abschied zu verlassen, heimatlos umher zu irren und allenfalls wiederzukehren, wenn Gott ein Zeichen gesetzt hat, dass ihm vergeben würde. Auge um Auge – Zahn um Zahn, so sagt auch Gott Jehova, aber wie der christliche Gott setzt auch er deutliche Zeichen der Vergebung. Anders als im Tannhäuser gibt es hier die Erlösung noch im Leben mit einem Happy-end.

Das alles wird ohne Dialoge, aber mit erklärenden Texten erzählt. Die eigentliche Dynamik der Handlung entsteht jedoch durch die  total improvisierte Filmmusik der aus Caracas stammenden hochmusikalischen Pianistin, Komponistin und Improvisationskünstlerin Gabriela Montero (*1970), die im Wiener Konzertleben keine Unbekannte ist. Sie hat schon mehrfach Stummfilmklassiker wie Panzerkreuzer Potemkin (Eisenstein, 1925) und Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922) und Faust (1922) intuitiv am Flügel vertont. Sie selbst unterstreicht, dass „keine einzige Note vorher notiert oder vorab gespielt wurde“. Und das funktioniert offenbar wie auf Knopfdruck. Das Publikum war sehr beeindruckt und bedankte sich mit stürmischem, lang anhaltendem Beifall.  

Ursula Szynkariuk  

 

 

 

 

Diese Seite drucken