Der Neue Merker

WIEN / Konzerthaus: ERWIN SCHROTT „CUBA AMIGA“

schrott Plakat

WIEN / Konzerthaus:
ERWIN SCHROTT „CUBA AMIGA“
15.
November 2016

Wenn Erwin Schrott zu einem Tango-Abend bittet, dann ist das nicht „Folklore“ oder eine „Funiculi Funicula“-Show, dann ist das – Kunst. „Cuba Amiga“, das Folgeprogramm des erfolgreichen „Rojotango“, den Schrott schon an der Wiener Staatsoper gezeigt hat, bewies das in einem ausverkauften Großen Konzerthaussaal. Die Musik Südamerikas ist bestenfalls in zweiter oder dritter Linie „Unterhaltung“ – sie ist Stimmung, Ausdruck, eine Welt für sich mit stellenweise durchaus auch düsterer, dramatischer Textur.

Schrott Siegerpose 400

Die vollen drei Stunden stellen eine in jeder Hinsicht unglaubliche Leistung von Schrott dar, der keine Sekunde die Bühne verlässt und singend, tanzend, mitmusizierend, das Orchester dirigierend, mit dem Publikum auf Englisch plaudernd immer hundertprozentig präsent ist. Mit seiner prächtigen dunklen Opernstimme, die durch das Mikrophon schier unglaublich vergrößert wird, dazu sein großes „Cuba Amiga Orchester“ von durchwegs meisterlichen Musikern, die Schrott auch immer wieder lobt und dem Publikum präsentiert. Er weiß, dass dieser Abend nur mit ihnen möglich ist.

Die Wiener feiern in seiner Crew besonders die blonde, aus Hollabrunn stammende Gina Schwarz an ihrem riesigen Kontrabaß, die sich auch mit einer selbst komponierten, temperamentvollen Salsa-Nummer vorstellen darf – der Heimvorteil wirkt natürlich, die Begeisterung ist groß.

Gewidmet hat Schrott diese „musikalische Reise“ (die immer heiterer wird, je nördlicher sie zieht, um am Ende in einer Art Fiesta Cubana zu enden) dem legendären Tango-König Carlos Gardel, mit dem der Abend eröffnet wird und der Funke zwischen Erwin Schrott und dem Publikum sofort überspringt. Sinnliche Leidenschaft, schwellendes Pathos, ironische Lockerheit – die einzelnen Nummern ermöglichen ihm nach und nach das ganze Repertoire von Tönen und Stimmungen, die er seiner Stimme entlocken darf, eingebettet in den „Sound“ Südamerikas.

Als Gast holte Erwin Schrott an diesem Abend den erst 15jährigen (!), in Barcelona lebenden Deutschen Michael Andreas Häringer, nicht nur ein erstaunlich souveräner Pianist, sondern auch erfolgreicher Arrangeur für opulenten Orchesterklang. Weniger Eindruck hinterließ Sängerin Deborah Lee als Partnerin für zwei Nummern. Wenn Schrott hingegen seinen Musiker Claudio Constantini herausfordert, ihn mit zwei Instrumenten zugleich zu begleiten, mit dem Bandoneon (einer Art kleinem, eigentümlichen, dem Akkordeon verwandten Handzuginstrument) und, mit der anderen Hand, auf dem Klavier, dann schäumt die Begeisterung hoch. Da ist man dann auch schon in der vollen halben Stunde der Zugaben…

Den ganzen Abend hindurch plaudert Schrott – der perfekte Entertainer – zwischen den Nummern mit dem Publikum, das sich von ihm mühelos zu allem animieren lässt, was er ihm abverlangt, mitklatschen, mitsingen, am Ende mittanzen. Sie tun wie verzaubert, worum er sie bittet und wofür er mit allem Charme der Welt dankt. „Wenn sie mich lieben, werden sie mit mir singen und tanzen“, meinte Erwin Schrott im Merker-Interview bezüglich seiner Hoffnung auf das Wiener Publikum. Nun, das war eine leidenschaftliche Liebesgeschichte.

Renate Wagner

 

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