Der Neue Merker

WIEN/ Konzerthaus: „AUFSPIEL“ – oder: 200 JAHRE MDW

WIEN / Konzerthaus: „AUFSPIEL“ – oder: 200 JAHRE MDW

 (15.6.2017 –  von Karl Masek)

MDW – oder in der reformierten Kleinschreibung –  mdw: Was verbirgt sich hinter dem Kürzel? Die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Sie feiert heuer ihr 200-jähriges Jubiläum. Und feierte dieses am 15. Juni in allen Sälen des Hauses in der Lothringer Straße. Gründung also: 1817.

1909, noch in Monarchie-Zeiten, wurde das universitäre Musik-Bildungs-Institut verstaatlicht, ein eigenes Gebäude in der Lothringer Straße konnte 1913 eröffnet werden – unmittelbarer Nachbar war und ist das damals ebenfalls neu eröffnete Konzerthaus.

Die letzten 100 Jahre standen im Zeichen von Wachstum sowie von der Entwicklung von Musik und darstellender Kunst. Das Max-Reinhardt-Seminar gehört dazu, die Filmakademie, mehrere musikwissenschaftliche und musikpädagogische Institute, um nur einige zu nennen.

Heute studieren hier etwa 3000 Student/innen aus etwa 70 Ländern.

Allein 500 Student/innen aus allen Musikrichtungen und Instituten präsentierten eine umfassende Leistungsschau von größter künstlerischer Bandbreite und absoluter Spitzenqualität. In sechs Sälen, im Foyer und auf der Feststiege gab es einen groß dimensionierten „Stationenbetrieb“, der an Spannung und Abwechslung nichts zu wünschen übrig ließ! Alte Musik, Kammermusik-Ensembles, Orchester in großer Zahl und in allen möglichen originellen Zusammensetzungen. Jazz, Pop, Avantgarde, drei Kurzfilmprogramme. Preisträger-Präsentationen (z.B. des 10. Hilde Zadek-Gesangswettbewerbs oder des 15. Internationalen Beethoven Klavierwettbewerbs, dazu weiter unten!). Im Wotruba-Salon konnte man sich hochinteressante Beiträge aus den wissenschaftlichen Instituten und Forschungsprojekten der mdw zu Gemüte führen. Klanginseln in den Buffets des Mozart- und Berio-Saales luden zum Verweilen ein, und: sogar ums Eck, in der Lisztstraße, im Akademietheater, gab‘s eine Uraufführung zu sehen: Eine Koproduktion des Reinhardt-Seminars mit dem Wiener Volkstheater (Hose Fahrrad Frau), die ich aber ausließ – ich hätte zuviel im Konzerthaus versäumt …

Beim Betreten des Foyers (kurz nach 17.00 Uhr) erwartete die Besucher bereits ein tolles Präludium mit Studierenden des Leonard Bernstein Instituts (Konzertfach Blas- und Schlaginstrumente). Wer hat schon Ausschnitte aus den „Bildern einer Ausstellung“ in einer Bearbeitung für Saxophon-Ensemble gehört? Die Hütte der Baba Yaga oder gar das Kükenballett? Köstlich! Die mdw-Fanfare  zum 200-jährigen Jubiläum für 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen Tuba, Pauken & Schlagzeug (mit BigBandSound-Flair; Komponist: Daniel Castoral) gab das Startzeichen zum Stationen-Betrieb-Marathon.

Ich startete im Berio-Saal mit dem WebernKammerchor (Studierende des Anton Bruckner Instituts für Chor- und Ensembleleitung), geleitet von Alois Glaßner, auch hoch geschätzter künstlerischer Leiter des Salzburger Bachchors. Brahms und Bartók standen auf dem Programm. Der späte Brahms mit der komplizierten Vielschichtigkeit seines immer wieder durchschimmernden „Goldklangs“ (u.a. Zigeunerlieder 0p. 103, , Nächtens, op.112) und Négy tót népdal (Vier slowakische Volkslieder) gaben einen starken Eindruck von der Qualität dieses Chors und dem pädagogischen Wirken des Chorleiters.

Das Groove Ensemble desselben Instituts (mit 13 Studierenden kleiner dimensioniert als der WebernKammerchor) stellte unter Leitung von Johannes Hiemetsberger von Pentatonix: Can‘t sleep love bis zu einer Bearbeitung Nix is fix (Original: Rainhard Fendrich) stilistische Vielfalt eindrucksvoll  unter Beweis (im Großen Foyer).

Das Webern Ensemble Wien des Joseph Haydn Instituts für Kammermusik (Leitung: Jean-Bernard Matter ) schloss sich dem Pierre-Boulez-Schwerpunkt des Internationalen Musikfestes 2017 der Wiener Konzerthausgesellschaft mit Sur Incises für 3 Klaviere, 3 Harfen und Schlagzeug engagiert an (Berio-Saal).

Im Schubert-Saal konnte man 5 Studierende (Sopran, 2 Mezzosoprane, Bariton und Bass – Tenor war keiner dabei! -) mit Liedern von Franz Schubert aus dem Entstehungsjahr 1817 hören. Damals wohnte Schubert mit seinem Freund, Studienkollegen & Textdichter  in der Wipplingerstraße in einer Künstler-WG, würde man heute sagen. Und es gab eine herrliche Sopranstimme zu entdecken:

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Anita Rosati in den Arkaden der Staatsoper (C: Johannes Salcher)

Anita Rosati. Osttirolerin, in Kindheit und früher Jugend ausgebildet in der Landesmusikschule Lienz, dann in Wien. Bachelor für Oper 2015 mit Auszeichnung absolviert, erste Bühnenerfahrung mit Mozart (Barbarina, Zerline), derzeit noch Studium, Abteilung Lied und Oratorium. Im Sommer 2017 beim Young Singers Project Salzburg dabei. Eine quellfrische Sopranstimme, herrlich timbriert, die Register perfekt verblendet. Die Forelle sang sie mit aller Anmut und Frische, mit sicht- und hörbarer Anteilnahme beim … und plötzlich ward dem Diebe die Zeit zu lang, er macht‘ das Bächlein tückisch trübe … und ich mit regem Blute sah die Betrogne an.Und wie sie den Liebhaber in allen Gestalten (Text: der immer wieder erstaunlich ironische J.W. von Goethe!) servierte: Das war schon große Liedkunst. Namen bitte (vor)merken, ihr IntendantInnen!

Der Bass Florian Köfler (übrigens auch ein Tiroler!) ist schon engagiert: Im Jungen Ensemble des Theaters an der Wien (in Salieris „Schule der Eifersucht“ kürzlich in der Kammeroper schon sehr erfolgreich dabei). Mit Wie Ulfru fischt (Text: Mayrhofer) D525 und Der Schiffer (ebenfalls Mayrhofer) D536 setzte er mit markanten Basstönen und Gestaltungswillen ein sängerisches Ausrufezeichen!

Weiters im Schubert-Saal: „Alte Musik gesungen und gespielt“. Das Collegium musicum auf barocken und modernen Instrumenten unter Leitung des musikalischen Urgesteins Ingomar Rainer trat den Beweis an: Alte Musik klingt immer wieder „herrlich NEU“. Mit entfesselter Spielfreude z.B. Fantasie Les caractéres de la dance (1715) von Jean-Féry Rebel. Den Komponistennamen nie zuvor gehört! Grenzenlose Entdeckerfreude! Und bei Monteverdi war Anita Rosati (Canzonette aus dem 7. Madrigalbuch) gemeinsam mit dem cremigen, weichen Mezzo der jungen Laura Rieger ebenso dabei wie mit der fulminant gesungenen Arie Meine Seele hört im Sehen von G.F. Händel (die kongeniale Begleiterin an der Traversflöte, Gertraud Wimmer, muss unbedingt erwähnt sein).

Hilde Zadek-Preisträgerin Jerica Steklasa
Jerica Steklasa in Aktion (C: Andrea Masek)

Zur Hilde Zadek-Preisträgerin: Sie heißt Jerica Steklasa, stammt aus Slowenien, hat schon etliche Preise eingeheimst, 2015 auch beim Prager Wettbewerb Vissi d‘arte. Bühnensicheres, selbstbewusstes Auftreten, interessant timbrierter Sopran mit bombensicheren Höhen über einer leicht herb gewürzten oberen Mittellage (sprich: leichte Schärfen beim Forcieren). Schlechtes Wetter, op.69, Nr.5 von Richard Strauss machte den Anfang. In der Textbehandlung ist gewiss noch Luft nach oben. Sehr schön und innig gesungen (und hier mit nicht forcierten Mittellagetönen) die Rosenarie aus „Le Nozze“. Und mit der Arie der Frau Fluth Nun eilt herbei (Die lustigen Weiber von Weiber von Windsor von Otto Nicolai räumte sie (das hohe C am Schluss hatte schon was!) mächtig ab …

Maximilian Kromer (Klasse Martin Hughes), Beethoven-Preisträger, spielte die Sonate Nr. 26, op. 81a, Les Adieux, von Beethoven mit festem Zugriff, farbenreich, im Finale auch locker „freigespielt“. Auch eins von den österreichischen (Wiener?) Musik-Hochbegabungen, denen man eine Karriere (bei unendlicher Konkurrenz) wünschen würde.

Das inzwischen sehr renommierte Webern Symphonie Orchester mit Studierenden der mdw spielte im Großen Saal Mendelssohns „Italienische Symphonie“, op.90. Sie legten sich mächtig ins Zeug, glänzten mit perfekten Solostellen (Flöte, Klarinette!) und leichtfüßigem Gesamtklang auch bei wahnwitzig schnellen Tempi, die der Dirigent Franz Welser-Möst vor allem in den  Ecksätzen vorgab. Zum wiederholten Mal fiel mir auf, dass bei Welser-Möst Musik oft „kühl bis ans Herz“ und „extra dry“ klingt. In diesem Fall wenig südliche Wärme, kaum sonniger Saltarello-Charme in der „Italienischen“. Dessen ungeachtet: Starker Beifall!

Prioriten musste man setzen. Manches konnte (weil parallel laufend) gar nicht besucht werden, z.B. Elisabeth Kulman mit ihrem neuen Soloprogramm (das wurde aber im Online-Merker ohnehin besprochen) – und nach fast sechs Stunden war meine Grenze der Aufnahmekapazität erreicht. Willi Resetarits & Co habe ich (obwohl er mich crossover-mäßig natürlich interessiert hätte!) nicht mehr besucht. Das Event ging schließlich bis 2.00 Uhr Früh – für alle, die dann noch Zeit & Lust haben, wie einer der Moderatoren launig anmerkte.

Es war ein großer Abend mit positiven Eindrücken sonder Zahl. Großartig AUFgeSPIELt wurde! Auch war alles perfekt organisiert und logistisch gemeistert. Kompliment an alle! Auf in die nächsten 200 Jahre!

Karl Masek

 

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