Der Neue Merker

WIEN / KHM: WETTSTREIT IN ERZ

KHMWettstreit in Erz Buch

WIEN / Kunsthistorisches Museum Wien / Münzkabinett:
WETTSTREIT IN ERZ
Porträtmedaillen der deutschen Renaissance
Vom 03. Juni 2014 bis zum 25. Januar 2015

 

Die Visitenkarten ihrer Epoche

Sie werden im Münzkabinett ausgestellt, aber sie sind keine Pfennige, die von Hand zu Hand gingen, im Gegenteil. Bei „Wettstreit in Erz“ handelt es sich um die sehr großen Schwester einer Münze, mit der sie oft nur die runde Form gemeinsam hat: Die Porträtmedaillen der Renaissance erweisen sich als historisch interpretierbare Objekte ersten Ranges – und als Kunstwerke noch dazu. Das Kunsthistorische Museum hat die kleine, aber sehr feine und aussageschwere  Ausstellung aus München geholt, nachher reist sie nach Dresden weiter: Die Zusammenarbeit der drei Institutionen ergab sich aus dem reichen Porträtmedaillenbestand der Häuser, die ja jeweils auf die heimischen fürstlichen Sammlungen zurückgreifen konnten.

Von Heiner Wesemann

Menschenbild und Repräsentation   Übergänge in der Geschichte sind fließend, aber man setzt die Epoche der „Renaissance“, die dem Mittelalter folgte, in deutschen Landen in groben Zügen mit dem bewegten 16. Jahrhundert an (in Italien um einiges früher). Beherrschte bis dahin die Religion weitestgehend das Leben und folglich auch die Kunst, trat dann – als Folge der Wiederentdeckung der Antike – der Einzelmensch in den Vordergrund. Und damit auch sein Selbstbewusstsein als Individuum. Erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts findet sich in der europäischen Kunst mit dem Porträt Rudolfs des Stifters (um 1360) überhaupt das erste Gemälde, das einen realen Menschen darstellt. In der Renaissance will man sich plötzlich bildlich verewigt finden – und für Herrscher wird dies zu einer Grundlage ihres Selbstverständnisses, ihrer Repräsentation.

Maximilian und die Propaganda    So vieles im Hause Habsburg begann mit dem geistig immer vorwärtsgewandten Kaiser Maximilian. Er war es auch, der für sich die Porträtmedaille als ein hervorragendes Mittel der Propaganda entdeckte (wobei die deutschen Lande wie so oft in der Kunst Italien nachhinkten, wo man Porträtmedaillen schon früher kannte). Man konnte damals sein eigenes Bild auf Gemälden nur bedingt herumsenden, und auch die Kupferstiche, mit denen man Werke vervielfältigte, konnten das neue Bedürfnis nach Bildnissen nicht ausreichend befriedigen. Medaillen hatten den ungeheuren Vorzug, dass sie – auch wenn es größere Stücke unter ihnen gab – im allgemeinen handlich waren, in großen Mengen herstellbar, auch leicht im Reisesack zu transportieren. Wenn Fürsten bei einem Reichstag eintrafen, sandten sie Medaillen mit ihrem Abbild herum, wie heute Visitenkarten verteilt werden. Folglich legte man logischerweise größten Wert auf die hohe künstlerische Ausgestaltung dessen, was man von sich verteilte, war es doch eine Frage des persönlichen Prestiges. Wie auch die Kostbarkeit der Materialien, ob Silberprägung oder Bronzeguss.

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Kaiser Karl V., Vorder- und Rückseite, nach einem Entwurf von Albrecht Dürer   Fotos: KHM

Wer es sich leisten konnte…     Die neue Kunstgattung der Porträtmedaille umfasste, wer in der Welt von damals Bedeutung hatte – kein Wunder, dass der Pressetext des KHM von einem „einzigartigen Who is who des 16. Jahrhunderts“ spricht, das von hoher Aussagekraft ist. Dabei haben nicht nur Herrscher diese Medaillen von sich selbst herstellen lassen, sondern oft auch von Familienmitgliedern oder sich selbst gemeinsam mit diesen. Darüber hinaus gab es selbstverständlich Medaillen von Päpsten, Wissenschaftlern wie Erasmus von Rotterdam, aber auch die Reichen dieser Welt (von den Fuggern bis zu Bürgern, die es sich leisten konnten)  ließen sich Porträtmedaillen verewigen, die dann auch zu Sammelobjekten wurden. Bekanntlich besaß Goethe eine Sammlung von Porträtmedaillen der Renaissance und der Klassik…

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Auch Albrecht Dürer ließ sich – von Kollegen Hans Schwarz – verewigen  Foto: KHM

Eine Arbeit für Künstler     Das Herstellen der Medaillen war mehr als ein Handwerk, es zählte neben Malerei, Druckgraphik und Skulptur zu den in der Renaissance am weitesten verbreiteten Künsten. Man verbindet damit Namen wie Albrecht Dürer, der etwa den Entwurf für die Medaille des jungen Kaisers Karl V. schuf, die dann vermutlich von Hans Krafft in Nürnberg (einem Zentrum dieser Kunst) ausgeführt wurde. Dürer selbst wurde auch von seinem Kollegen Hans Schwarz aus Augsburg, der einer der bedeutendsten „Conterfetter“ seiner Zeit war, verewigt – Dürer notierte, dass er für die Bronzeguss-Medaille „zwei Gulden an Gold“ gezahlt habe…. Auch Lucas Cranach, Hans Burgkmair oder Peter Vischer d. J waren Meister dieses Genres, das vielfach auch von „Quereinsteigern“, also Bildhauern oder Goldschmieden, betrieben wurde.

Seitlich, frontal, real, ideal     Die Ausstellung vermittelt in ihren Beispielen die vielfältigen Möglichkeiten, Porträtmedaillen zu gestalten, wobei auch die Rückseiten interessant sind, die oft zusätzliche „Botschaften“ zu der oft auf der Vorderseite befindlichen namentlichen Identifikation boten. Profildarstellungen überwiegen im Vergleich zur Frontalansicht, aber es gibt verhältnismäßig wenige „idealisierte“ Bildnisse wie die „Dedikationsmedaille der Stadt Nürnberg“ für Kaiser Karl V., die mit ihm auch keine besondere Ähnlichkeit hat. Im übrigen haben keine konventionellen Schönheitsideale, sondern weit eher die Kraft des Ausdrucks diese Bildnisse geprägt.

Bis 25. Januar 2015, Juni bis August täglich, dann Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.  Münzkabinett, 2. Stock

Der voluminöse Katalog ist im Deutschen Kunstverlag erschienen

 

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