Der Neue Merker

WIEN / Kasino: PLATONS PARTY

Platon  Bühnenbild 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kasino des Burgtheaters: 
PLATONS PARTY
Zwei Dialoge von Platon:  Symposion und Phaidon
Premiere: 25. März 2017  

Wer liest heutzutage Platon? Menschen mit dem Spezialinteresse Philosophie und Studenten, die es für ihr Philosophicum brauchen. Wer aus einem dieser Gründe die Platon-Lektüre unternommen hat, der weiß, dass das harte Arbeit ist, dass man – außer natürlich die hyperintelligenten, besonderen Begabungen – jeden Satz zwei- bis dreimal lesen muss, um sich langsam durch die Gedankenfülle zu kämpfen und die Zusammenhänge nachzuvollziehen, statt sie zu verlieren. Wer glaubt, an einem zweistündigen Theaterabend, wo flott vor sich hingeplaudert wird, legitimen Platon-Nachhilfeunterricht zu erhalten, wird zweifellos ebenso enttäuscht wie jener, der hofft, sich bei „Platons Party“ bei klugem Geplaudere schlicht gut zu unterhalten zu können…

Nun, Regisseur Stephan Müller hat sich mit Karl Heinz Ott als Co-Autor daran gemacht, zwei sehr berühmte und auch sehr unterschiedliche Platon-Dialoge zu dramatisieren, einmal für fünf, dann für drei Herren. Der erste, das „Symposion“, handelt von der Liebe, dem Eros, und unter den Herrschaften, die da ihre Geschichten erzählen und Meinungen austauschen, sind immerhin Sokrates und Aristophanes. Vielleicht zeigt das Bühnenbild im Kasino des Burgtheaters (Claudia Vallant) deshalb einen Ausschnitt, der an eine Wolke gemahnt – „Wolkenkuckucksheim“ vielleicht?

Platon  alle fünf

Wie dem auch sei, fünf Herren im Smoking, mit Bauchbinde, sind sehr vergnügt, treffen nicht allein zum Suff zusammen, wobei diesmal (ausnahmsweise?) „kein Trinkzwang“ herrscht, sie sind auch so fröhlich bereit, jederzeit in rhythmisches Tanzen, Springen, Hüpfen zu popiger Musik auszubrechen – und das, obwohl zumindest zwei von ihnen keinesfalls die Jüngsten sind.

Was hier alles aus verschiedenen Gesichtspunkten über den „Eros“ gesagt wird, ist trotz des „leichten“ Themas durchaus Philosophenkost und auch mit lustiger Verbrämung nicht so einfach „nach-zu-denken“. Immerhin, die Herren bekommen ihre Aufgaben und Rollen, Daniel Jesch legt als Arzt Eryximachos die physische Seite der Liebe dar, Hermann Scheidleder bringt die von Aristophanes vorgebrachte Parabel vom ursprünglich zusammen gewachsenen, dann geteilten Menschen über die Runden, dann ist Merlin Sandmeyer als zickiger junger Dichter Agathon an der Reihe, Martin Schwab gibt hier schon den ironischen Sokrates, der von Diotima berichtet, am Ende verkündet Michael Masula als gewaltsamer, den Hals silbern geschminkter Alkibiades, dass er die Nacht mit Sokrates verbringt…  

Das Ganze wird rhythmisch, tänzerisch, choreographisch, ironisch aufbereitet, Party, Party, man wundert sich dann höchstens, dass die Herrschaften sich so gespreizt ausdrücken, obwohl die Bearbeiter – die den Text vielfach unter den Figuren splitten – um Geradlinigkeit bemüht sind.

Nach der Pause gibt es nur noch drei Herren, der Smoking ist schwarzen Anzügen mit schwarzen Hemden gewichen. Denn es wird gnadenlos, optisch allerdings nicht ganz einsichtig: Turnmatten, ein Harmonium, ein paar Sessel, und die Souffleuse braucht man auch nicht mehr, weil die Darsteller große Strecken ihres Textes aus einem Bühnenmanuskript ablesen dürfen.

Platon MartinSchwab   Platon MerlinSandmeyer

Und lustig ist es auch nicht mehr, denn hier geht es um den Tod des Sokrates. Bevor er den Schierlingsbecher leert, will er Kebes und Simmias noch rasch die Unsterblichkeit der Seele beweisen – das heißt, im Zusammenhang mit dem Bewusstsein und dem Seienden an sich, wofür dann auch ein paar Beispiele mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet und per Video auf die Rückwand übertragen werden.

Der Dialog ist weltberühmt und knifflig, denn natürlich gelingt es selbst Sokrates nicht, die Unsterblichkeit der Seele mit den klassischen Windungen griechischen philosophischen Denkens wirklich zu beweisen, auch wenn er es sich einbilden mag. (Darum hat ja die Katholische Kirche später auf der Basis des Glaubens Himmel und Hölle angeboten, um ihren Gläubigen ein Jenseits für ihre Seelen zu garantieren. Die Römer hingegen, gnadenlos pragmatisch wie immer, sagten: Wir wissen nicht, was vor unserer Geburt war, wir werden nicht wissen, was nach dem Tod ist. Was auch nichts viel anderes ist, als das Wagner’sche/Holländerische „in Nichts vergehen“ – Take Your Pick!)

Martin Schwab dominiert diesen zweiten Teil mit einer Beweglichkeit, die angesichts seines nicht mehr ganz jugendlichen Alters (der 80er kommt im November) geradezu ein Wunder ist, Daniel Jesch und Merlin Sandmeyer (so erfolgreich und doch mit einem S-Fehler belastet) sind hier seine Zuhörer und zweifelnden Mitspieler.

Was immer sich Stephan Müller erhofft hat – garantiert hat niemand im Publikum, der ohne Vorbildung Platon in die Arme geworfen wird, nachher wesentlich mehr Ahnung von dem Philosophen als zuvor. Was soll eigentlich die Absicht des Abends gewesen sein?

Renate Wagner

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