Der Neue Merker

WIEN / Kasino: LUMPENLORETTA

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Fotos: Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Kasino des Burgtheaters: 
LUMPENLORETTA von Christine Nöstlinger
Uraufführung
Premiere: 26. Oktober 2015 

Sie wurde am 13. Oktober 80 Jahre alt, und die Lobeshymnen ertönten allerorten. Christine Nöstlinger ist seit 1970, als sie mit „Die feuerrote Friederike“ auf Anhieb einen Bestseller landete, die erfolgreichste und möglicherweise auch fleißigste Kinderbuchautorin des Landes, immer wieder verfilmt, gelegentlich auf die Bühne gebracht. So wie jetzt wieder, als Regisseurin Martina Gredler und Dramaturg Klaus Missbach ihren Roman „Lumpenloretta“ von 2010 dramatisierten.

Die Nöstlinger geriet in den Zeitgeist-Trend (bzw. hat ihn selbst mitbestimmt), wo die Kinder nicht mehr aufgefordert wurden, brav zu sein, sondern im Gegenteil – aufmüpfig, widerständig, störrisch, unangepasst. Das schlimme Kind war bei ihr immer das richtige Kind, und auch in der „Lumpenloretta“ geht es um die Wandlung des Bürgersohnes Konrad, der sich aus dem Einfluß der Mutter befreit.

Mit Hilfe von Loretta, deren Eltern als Trödler herumziehen, ein Geschöpf als die reine Provokation in den Augen der guten Gesellschaft. Aber weil dieses Mädchen so vom Zirkus schwärmt, wird „Glatze“, wie Konrad sich gerne nennen lässt, vielleicht einmal (zum Entsetzen der Mama) ein Clown werden… oder?

Dramaturgisch wirklich griffig ist das –  zumal am Ende – nicht. Eher funktioniert schon das bürgerliche Entsetzen, als das „Lumpenpack“ in die noble Reihenhaus-Siedlung einzieht, während für den braven Sohn Konrad die in jeder Hinsicht verwahrloste Loretta ein natürliches Faszinosum darstellt. So etwas erzählt sich wohl leichter zwischen Buchdeckeln, als es sich auf die Bühne bringt, denn die Verklärung der Außenseiter geht ja, wenn man ehrlich ist, doch mit einem gewissen Unbehagen Hand in Hand – was auf der Bühne so lustig-unangepasst wirkt, hätte man im wirklichen Leben wohl nicht gern in der Nähe…

Auch weiß die Aufführung nicht, wofür Loretta eigentlich steht – ein Beispiel ist sie wohl nicht, ablehnen darf man sie natürlich auch nicht (was man sich sonst über seine Intoleranz, Hochnäsigkeit etc. anhören müsste, igitt), und dass sie am Ende „brav“ wird, wirkt noch seltsamer, ebenso wie die Wandlung des heiß in sie verliebten Glatze / Konrad…

Besser als die Bearbeitung ist Martina Gredler die Inszenierung auf der Mehrzweck-Simultan-Bühne im Kasino gelungen: Jura Gröschl hat die blitzsaubere Wohnung der braven Bürger vom Chaos des Lumpenproletariats durch eine Spielwiese für die Jugend getrennt, ganz links gibt es noch eine Hollywood-Schaukel, die Halbwüchsigen und die Erwachsenen finden bei Überschreitungen der Hoheitsgebiete zu ihren Konflikt- und Konfrontationszonen. Kostümbildnerin Moana Stemberger ist vor allem für Loretta allerhand Abgefahrenes eingefallen.

Die Nöstlinger war nie subtil in der Argumentation, sie schreibt für ein kindliches Publikum, dem man sagen muss, was Sache ist, wenn auch die Darstellung der schrillen, intoleranten, schlechtweg ekelhaften Mütter (voran Petra Morzé, aber auch Dunja Sowinetz) schon ein bisschen überzeichnet ist. Dazu gibt es einen lächerlich schwächlichen Vater (Robert Reinagl) und einen Opa (Hans Dieter Knebel), der sogar zum „Verräter“ wird und für die verwahrloste Loretta doch glatt eine Sozialarbeiterin zu Hilfe ruft… Nein, mit den Erwachsenen ist nichts zu machen, die Nöstlinger mag sie nicht. Außer Lorettas Vater natürlich – der passt zu ihr (Stefan Wieland).

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Die Kinder mag sie natürlich  – Zecke (Florian Appelius), Zahn (Aaron Friesz) und Locke (Nélida Martinez) sind die teils Rad fahrenden, teils Rad schlagenden, teils die Handlung kommentierenden Freunde der beiden Helden: Simon Jensen (der schon als Ulrich Tukurs Sohn vor der Fernsehkamera stand) geht tatsächlich als Teenager durch, und Sarah Viktoria Frick ist einfach sie selbst, das von Vitalität und Persönlichkeit platzende Geschöpf, das nie in irgendwelche Klischees passt (es sei denn in das des um jeden Preis „Andersseins“).

Die Nöstlinger saß bei der Premiere in der ersten Reihe Mitte, sah sich das Ganze an und schien nicht sonderlich amüsiert. Wer weiß, wie sich die Lumpenloretta in ihrem Kopf gemalt hat? Nun, es wird ausreichend gerülpst, um die Kinder im Kasino des Burgtheaters höchst vergnügt zu machen… Es gibt Billigkeiten, die immer wirken.

Renate Wagner

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