Der Neue Merker

WIEN / Kasino: LASS DICH HEIMGEIGEN, VATER ODER DEN TOD INS HERZ MIR SCHREIBE

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Fotos: Reinhard Werner/Burgtheater 

WIEN / Kasino des Burgtheaters:
LASS DICH HEIMGEIGEN, VATER ODER DEN TOD INS HERZ MIR SCHREIBE von Josef Winkler
Uraufführung
Premiere: 10. November 2017

Wie viele Autoren haben uns schon von ihrer (notabene unglücklichen) Kindheit erzählt? Der Kärntner Josef Winkler (mittlerweile ein mit Preisen überschütteter Künstler) tat es immer wieder, und er tut es auch nun im Kasino des Burgtheaters. Nur dass „Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“, eine Auftragsarbeit des Hauses, kein Theaterstück geworden ist, sondern eine Textfläche, die sich in mehr als zwei pausenlosen Stunden nicht ganz leicht auf den Brettern des Kasinos entwickelt.

Kind sein auf einem Bauernhof in Kärnten, vom Vater blutig geschlagen, von der Mutter, die an sich nicht viel spricht, auch mal mit der Rute gepeitscht. Von früher Kindheit an in alle Ewigkeit verfolgen ihn die Leichen der Großeltern, die tagelang im Haus aufgebahrt lagen. Nicht die Repressionen der Religion stehen dann im Vordergrund, sondern die Nazi-Vergangenheit der Familienmitglieder, die sich ihren Antisemitismus nie abgewöhnen und eigentlich nur bedauern, dass Hitler den Krieg nicht gewonnen hat… denn damals fühlten sie sich ideologisch daheim.

Und gleich zu Beginn spricht er an, was er dem Vater – unter anderem – nie verzeihen kann: Dass er mit den Kindern ungerührt auf der Feuchtwiese der „SAUTRATTEN“ arbeitete, den Roggen für das tägliche Schwarz-Brot, den Weizen für das Weiß-Brot dort erntete, und nie davon sprach, dass die Engländer nach dem Krieg hier die Leiche des Judenmassenmörder Odilo Globocnik verscharrt hatten – und das Getreide aus dessen Knochen wuchs…

Winkler, Jahrgang 1953, hat seine Vergangenheit nie bewältigt, er kann sie nicht leidenschaftslos erzählen, er muss die Eltern, die Verwandten, das ganze Dorf immer und immer wieder leidenschaftlich anklagen. Haß, Wut und Verzweiflung plagen ihn, zwingen ihn, mit Gift und Galle das Thema zu drehen und zu wenden – ohne Unterlaß, ohne große Variation, ohne den geringsten Lichtblick zwischendurch, auch ohne einen Hauch von Nachfrage, warum die anderen, die „Bösen“, so waren, wie sie waren…

In der leeren Welt des Kasino-Raums musste sich die aus Barcelona gebürtige Regisseurin Alia Luque entscheiden, wie sie diesen Text aufbereitet – der als Hörspiel vermutlich sehr eindrucksvoll wäre, allerdings zweifellos gewinnt, wenn gute Schauspieler die negative Gefühlsskala auf- und abspielen.

Marcus Kiepe, Tino Hillebrand, Leon Haller

Es sind fünf – ein kleiner Junge (zu Kindern muss man immer nett sein, aber man hat Mühe, ihn akustisch zu verstehen) und ein alter Mann (Branko Samarovski, der nicht sehr gefordert wird). Die Hauptlast des Textes liegt auf drei Schauspielern – Leon Haller, der auch das immer erweiterte „Gedicht“ vom „Der Herr, der schickt den Jockel aus“ rezitieren darf, das als tiefsinnige Trennung einzelner Passagen gedacht sein mag, aber nicht so wirkt; Tino Hillebrand, schmal und giftig; und Marcus Kiepe, in Perücke und Gewand als Frau verkleidet.

Sprechen kann immer nur einer, keinerlei „Handlung“ ergibt sich, also hat die Regisseurin Zuflucht zum „Schreiten“ genommen – in einer Art Choreographie, die sich tiefsinnig gibt, aber auswechselbar wäre, eigentlich nur der Bewegung im Raum dient. Daneben läuft die ganze Zeit ein kleiner Fernsehapparat mit Schwarzweißbildern, die – mal leiser, mal lauter – alte Schlager und Chansons liefern… da ist gelegentlich auch ein bisschen Hüftenwackeln und Tanzen angesagt. Es ist ein legitimes Kunstmittel, einen trostlosen Abend so enden zu lassen – es steigert den Applaus, der sehr kräftig ausfiel.

Keine Frage, es ist ein starker Text, wenn er auch in seiner grausamen Aggressivität etwas kalkuliert wirkt – hier wird politisch korrekt die richtige Geschichte erzählt, wird auf die richtigen Leute eingeschlagen, und das erstickt jeden Einwand. Am Ende wurde das alte Feld der „SAURATTEN“ wieder einmal umgegraben. Und die morschen Knochen liegen noch immer darunter.

Renate Wagner

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