Der Neue Merker

WIEN / Kammerspiele: SHAKESPEARE IN LOVE

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Fotos: Theater an der Josefstadt

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
SHAKESPEARE IN LOVE
Nach dem Drehbuch von Marc Norman & Tom Stoppard, Bühnenfassung von Lee Hall
Premiere: 7. September 2017

Alles Kino, oder was? Es ist ja nicht nur die Josefstadt, die mit seltsamer Häufigkeit Filmdrehbücher auf Theaterbretter stellt („All About Eve“ wartet schon), Burgtheater („Willkommen bei den Hartmanns“ steht bevor) oder Volkstheater (demnächst „Die zehn Gebote“ nach Kieślowski-Filmen) tun es ja auch. Tatsache ist allerdings, dass noch nie ein wirklicher Erfolg zu verzeichnen war – dass das Theater mit dem, was der Film kann, mithalten konnte, wenn es um die Umsetzung eines Themas geht.

Und man will ja wohl die Inhalte? Und lockt mit den bekannten Titeln? Und am Ende weiß das Publikum regelmäßig, wenn es sich denn locken ließ, dass der Live-Aufguß mit dem Leinwand-Original nicht mithalten konnte. Bei „Shakespeare in Love“ in den Josefstädter Kammerspielen ist das nicht anders.

Vor knapp 20 Jahren kam die fiktive Geschichte um William Shakespeare, seine Liebe zu Lady Viola De Lesseps und die Entstehung von „Romeo und Julia“ ins Kino – nach einem Drehbuch von Meisterdramatiker Tom Stoppard und Marc Norman. Eine wunderschöne Geschichte, ein wunderschöner Film über Liebe, Verwirrung der Geschlechter und der Gemüter, über Theater und Theaterbetrieb und noch über die wüste Shakespeare-Zeit unter der allmächtigen, schrulligen Queen von damals. Ultimativ luxusbesetzt und von zauberhafter Lockerheit. Es regnete „Oscars“, der Film wurde Kult.

Dergleichen reizt zur Wiederverwertung. Lee Hall, seines Zeichens auch Drehbuchautor (demnächst kommt von ihm „Victoria und Abdul“ ins Kino, eine überaus gelungene Geschichte über Queen Victoria und einen indischen Diener), machte – gewissermaßen auf die Schnelle, das Ganze riecht nach Routine – ein Stück daraus, ein einziger Schauplatz, schneller Vorlauf der Geschichte, sie dauert auf der Bühne gerade mal pausenlose eineinhalb Stunden (und damit eine Dreiviertelstunde weniger als der Film) – und das lieblose Konstrukt war nach der Uraufführung 2014 kein wirklicher Erfolg und schleppte sich gerade acht Monate über die Bühne: Im Londoner Westend gilt das nicht als große Leistung.

Dennoch – die Josefstadt spielt das Stück, obwohl es das Haus mit einem Ensemble von 20 Darstellern sehr belastet (abgesehen davon, wie angeräumt die kleine Bühne der Kammerspiele mit Menschen ist, die sich geradezu über die Füße stolpern). Und was kommt heraus? Die alte Erkenntnis: Nimm einen berühmten Filmtitel, erwecke die höchsten Hoffnungen – und zeige im Endeffekt, wie mikrig die Bühnenumsetzung ist.

Fabian Alder inszeniert das in einem inetwa Shakespeare-Bühnenraum von Ines Nadler, in „historischen“ Kostümen von Frank Lichtenberg, hauptsächlich versuchend, die Drängelei zu ordnen: Dennoch herrscht Dauer-Gewure – die Kamera kann halt Geschehen deutlicher nach seinen Gewichtungen sortieren… Die Luxusbesetzungen des Films hat die Josefstadt nicht zu investieren, abgesehen von Ulli Maier: Ihre maliziöse Queen Elizabeth I. hat – wenn auch nur in wenigen Auftritten – etwas für den Abend und auch für die Schauspielerin selbst zu bieten.

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Dominic Oley ist Jung-Shakespeare in Love und in dichterischen Nöten, Oliver Rosskopf als Christopher Marlowe zeigt, dass er es schon weiter gebracht hat. Wie witzig Marius Zernatto als John Webster ist, begreift man vor allem, wenn man (aus der Geschichte) weiß, was aus ihm geworden ist…

Neben den Dichtern stehen die Theaterleute, Siegfried Walther zappelt den Henslowe, Alexander Strömer ist der rabiate Burbage, und Claudius von Stolzmann teilt das Schicksal seiner Rolle, des Schauspielers Ned Alleyn: Einer, der sich für einen Star hält, wird mit einer Nebenrolle (im Fall von „Romeo“ mit dem Mercutio) abgespeist… Oliver Huether als Fennyman ist der Inbegriff des lästigen, sich wichtig machenden Fans. Nikolaus Barton gibt den Adeligen, der sich von der Schauspieler-Bande sehr geärgert fühlt. Unter den Massen der Darsteller, die sich kaum profilieren können, ragt das charakteristische Gesicht von Ljubiša Lupo Grujčić mit seiner Begabung für Komik hervor.

Und da ist schließlich noch die Lady, in die sich der Dichter so hoffnungslos verliebt wie Romeo in Julia: Swintha Gersthofer hat damit ihre erste große Rolle an der Josefstadt, die junge theaterbesessene Adelige, die (wie Julia in „Romeo“) eine treue Amme in Gestalt der riegelsamen Therese Lohner zur Seite hat. Diese Viola kann absolut nicht verstehen (man hat zu dem Thema schon andere Filme gedreht, etwa das großartige „Stage Beauty“), warum damals keine Frauen auf Theaterbühnen stehen durften und ihre Rollen von Männern gespielt wurden. Wenn sie sich als „Schauspieler“ bewirbt, muss sie es natürlich als junger Mann tun, und nur ein Meister wie Stoppard konnte so viele zauberhafte Fäden zwischen der „Shakespeare in Love“-Handlung und den Werken des Dichters spinnen…

Ja, der Zauber der Geschichte überragt die Überzeugungskraft der Aufführung bei weitem…

Renate Wagner

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