WIEN / Kammerspiele: DIE KEHRSEITE DER MEDAILLE

by R.Wagner | 15. Dezember 2016 22:33

Bühnenbild
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt: 
DIE KEHRSEITE DER MEDAILLE von Florian Zeller
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 15. Dezember 2016 

Erstens: Wir lügen immer.
Zweitens: Alles ist Wettbewerb.
Drittens: Nichts frisst an uns so stark wie der Neid.

Von diesen drei Prämissen geht Florian Zeller, der französische Autor mit dem deutschen Namen, bei seinem Vier-Personen-Stück „Die Kehrseite der Medaille“ aus, das nun an den Josefstädter Kammerspielen seine Österreichische Erstaufführung erlebt und an alte Boulevard- und Konversationsstück-Tradition anschließt.

Wenn zwei Paare auf der Bühne stehen, sind wir mittlerweile gewohnt, reflexhaft „Yasmina Reza“ zu denken, und gar so weit entfernt ist die Geschichte nicht. Wie bei der Reza werden auch hier durchaus heutige Probleme reflektiert und vor allem in der Peinlichkeit des täglichen Umgangs ausgestellt.

Aber Zeller hat einen alten Theatertrick neu belebt: Das A-Part, das Beiseitesprechen einzelner Figuren, das nur für den Zuschauer gedacht ist, von den Mitspielern aber angeblich nicht bemerkt wird. Also erfährt man das, was die Figuren denken, und was natürlich dem, was sie laut sagen, durchaus diametral entgegen gesetzt sein kann. Das produziert mühelos Pointe für Pointe.

die vier

Dabei hat die Geschichte, so schwankhaft sie sich gibt, in einer Welt andauernder Partnerwechsel realistische Substanz. Freunde von Paaren, die sich trennen, geraten in echte Loyalitätsprobleme. Wie Daniel und Isabelle, einst „beste Freunde“ von Patrick und Laurence, bis Patrick die Gattin von Jahrzehnten gegen eine junge Frau austauschte – und nun ausgerechnet diese Emma zum Abendessen mitbringt. Natürlich, um stolz seine Trophäe zu zeigen… dieser Angeber!

Im Grunde ist Daniel der tragikomische Held der Geschichte, die Alexandra Liedtke in einem sensationellen Bühnenbild von Volker Hintermeier (so etwas hat man in den Kammerspielen noch nicht gesehen) inszeniert: Der großbürgerliche Wohnraum auf einer Drehbühne, vor Dschungeltapeten, mondän und künstlich, so wie Daniel (der erfolgreiche Verlagslektor) und Isabella (die erfolgreiche Geschichtsdozentin) selbst. Zwei, die sich dauernd einreden, alles sei bestens. Und da muss der alte Freund nur die junge Schönheit mitbringen, und schon fängt Daniel geradezu peinlich zu hecheln und zu zappeln an… Ein Klischee natürlich, aber vermutlich kein ganz falsches.

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Michael Dangl ist Daniel, eigentlich ein feiger Pantoffelheld, der angesichts der jungen Emma in lächerliche Männer-Verhaltensrituale verfällt und sich vor Neid und Begierde richtig körperlich verbiegt. Marcus Bluhm hat das Burgtheater einst verlassen, als er noch spät-jugendlichen Heldenumriß hatte – nun begegnet man ihm mit Glatze, mittelalterlich, angesichts seiner  Beutefrau vor öliger Zufriedenheit strahlend.

Diese ist Alma Hasun, schlank, lockig, sexy, vielleicht ein bisschen zu wenig ordinär für die Stripperin, die sie wahrscheinlich ist. Und eigentlich hätte Sona MacDonald als in vieler Hinsicht verbissene Isabelle den schwarzen Peter – Loyalität gegenüber der Freundin, deren abtrünniger Mann mit billiger Frau ihr nun gegenübersitzt, Ärger über das Verhalten des sich lächerlich machenden eigenen Gatten, da verliert man schon mal die Souveränität. Aber Zeller lässt sie am Ende siegen, und im Grunde beherrscht Sona MacDonald als stärkste Persönlichkeit von allen permanent die Bühne mit bissiger Brillanz.

Eines allerdings nervt auf die Dauer: Die A-parts werden zu viel, die ganze Sache retardiert, was anfangs urkomisch wirkt, ist am Ende kaum noch lustig. Die Schauspieler allerdings tragen den Abend – bis zum heiteren Ende.

Renate Wagner

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