Der Neue Merker

WIEN / Kammeroper: ORESTE

Orest  SzeneMatteoLoi_EricJurenas 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien:
ORESTE von Georg Friedrich Händel
Premiere: 6. März 2017 

Man hat dankenswerterweise in Wien in den letzten Jahren viel Händel gesehen, aber ein „Oreste“ war eigentlich kein Begriff. Es ist ja auch kein richtiger Händel, oder doch, wie man es nimmt: Ein so genanntes „Pasticcio“, das heißt, aus Musikstücken des Meister zusammen gestoppelt (in diesem Sinn ist auch „Wiener Blut“ ein „Pasticcio“, und, wie das Programmheft vermerkt, auch „Ich war noch niemals in New York“ nach Udo Jürgens… aber das nur in Parenthese, nicht als wertender Vergleich…). Händel hatte in London 1734 für Covent Garden drei Opern zu liefern, selbst ein genialer Vielschreiber wie er konnte das nicht schaffen, also wurde der „Oreste“ zu vorhandenen Arien aus früheren Werken (bei veränderten Texten) kompiliert. Es ist wohl nicht, wie der Werbetext des Theaters an der Wien meint, eines der „dramaturgisch besten Opernlibretti, die Händel je vertont hat“.

Eine Atriden-Geschichte, eigentlich jene, die man von Goethe als „Iphigenie auf Tauris“ kennt, vier Personen sind dieselben, Orest, seine Schwester Iphigenie, Pylades (der hier allerdings nicht mit Orest kommt) und König Thoas, der in der Händel-Oper Toante heißt. Dazu gesellen sich noch Ermione, Orests Gattin, die ihm mit Pylades nachreist und ihn auf Tauris findet, und Filotete, ein Krieger des Toante, der am Ende durch seinen Gesinnungswechsel (und Treueverrat, was übrigens dramaturgisch einfach überraschend hingestellt wird) das Happyend für Orest und die Seinen ermöglicht.

Das ganze Geschehen ist extrem düster, die meiste Zeit handelt es von angedrohter, verschobener, fast vollzogener und in letzter Sekunde verhinderter Hinrichtung (Ifigenia hebt schon ein ausgesprochen seltsames Spiral-Schwert), von Klagen und Seelenschmerzen. Das ist keine Handlung, die man zu einem amüsanten politischen Gleichnis in die Gegenwart versetzen kann (wie es Robert Carsen mit der „Agrippina“ im Vorjahr im Theater an der Wien gelungen ist), da müht man sich manchmal schleppend von Arie zu Arie (von den 36 Musikstücken sind es außer einem Duett, zwei Ouvertüren, einer Sinfonia und einem Menuett, die nicht wirklich alle zur Stimmung der Handling passen, nur aufeinander gefädelte Arien). Es ist auch schwer, auf der kleinen Bühne wirklich „Aktion“ zu bieten.

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Ermione im Taucheranzug: Frederikke Kampmann

Dabei hat Regisseur Kay Link im Prinzip recht, die Sänger einfach stehen oder sitzen zu lassen, wenn sie ihre Arien singen, Störungen würden da nichts bringen. Um trotzdem auf sich aufmerksam zu machen, ist die Optik schräg, wobei in der Ausstattung von Olga von Wahl vor allem die Kostüme heftig ins Auge stechen: Ifigenia als Priesterin im Semiramide-Look mit Glatzkopf und zu Beginn mit Plastikschürze und Plastikhandschuhen, blutbefleckt, die Priesterin hat offenbar Schlachthof-Verpflichtung. Sonst sind die Kleider mehr oder minder von heute, selbstverständlich viel Military Look, anders geht es ja nicht. Pointe: Dass Ermione auf der Suche nach dem Gattin im Taucheranzug auf Tauris landet, Pointe: dass Filotete u.a. mit dem Gugelhupf (!) um Ifigenia wirbt, dass Toante nicht nur Uniform, sondern auch Blumen-Look trägt… vieles scheint einfach in Hinblick auf die Fotos gemacht, die es von der Produktion gibt, oder auch, um dem Publikum nachher das Gefühl zu geben, etwas „Modernes“ gesehen zu haben. Sinn im Hinblick auf die Handlung macht es nicht.

Da hat der Regisseur noch am meisten beim Finale geleistet, wenn er das von Händel dann recht überhaps gebotene Lieto fine stark in Frage stellt: Flugs hat Orest die Uniform, die Macht bedeutet, angezogen, die Frau weggeschickt, die Schwester ihres Amts entkleidet (sie schleicht in Unterwäsche weg), während sein nunmehriger militärischer Berater irgendwelche Geschütze (ich bin schlecht in Waffenkunde…) verstaut. Nein, glücklich kann eine solche Geschichte, in der es nur Elend und Düsternis gab, nicht plötzlich ausgehen.

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Oreste und Ifigenia: Eric Jurenas  und Carolina Lippo 

Mit Eric Jurenas stellte sich ein eindrucksvoller Coutnertenor in der Titelrolle vor, keine verführerische Stimme, eher eine scharfe, aber geschmeidig und technisch auf der Höhe, ein veritabler Titelheld. Weniger überzeugend die anderen Herren, Matteo Loi zwar als darstellerisch überzeugender, echt mieser Tyrann, aber stimmlich fahl, und Florian Köfler, ein entwicklungsfähiger Bariton, als Filotete sowie Julian Henao Gonzalez als Pylades.

Die Damen haben große Rollen, Frederikke Kampmann als Ermione und Carolina Lippo als Ifigenia wussten mit ihren Figuren einiges anzufangen, wenn Händel technisch auch so schwer zu singen  ist, dass letztendlich doch Defizite hörbar blieben. Dennoch – alles in allem ein starkes junges Ensemble. Was man vom Bach Consort Wien unter der Leitung von Rubén Dubrovsky aus dem Orchestergraben hörte, klang stellenweise recht trocken.

Wien hat ein Händel-Publikum, das schon nach fast jeder Nummer starken Beifall gespendet hatte und den Abend am Ende für alle Beteiligten zum starken Erfolg machte.

Renate Wagner

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