Der Neue Merker

WIEN / Jüdisches Museum: GENOSSE. JUDE.

Genosse_Jude_Plakat innen~1
Alle Fotos: Jüdisches Museum

WIEN / Jüdisches Museum:
GENOSSE. JUDE.
WIR WOLLTEN NUR DAS PARADIES AUF ERDEN
Vom 6. Dezember 2017 bis zum 1. Mai 2018

Sie träumten den unmöglichen Traum…

Die Zeit ist genau richtig für das Thema: Vor hundert Jahren fegte die Russische Revolution durch das Zarenreich und löste es durch den Kommunismus des Sowjetstaates ab. Im nächsten Jahr wird der 200. Geburtstag von Karl Marx vermutlich so viel Beachtung nach sich ziehen wie das Luther-Jahr – der Mann, der „Das Kapital“ und „Das kommunistische Manifest“ schrieb. Geschichte ist angesagt, und der Kommunismus steht im Zentrum. Auch im Jüdischen Museum, wo „Genosse. Jude.“ das Thema auf breiter Ebene, aber aus jüdischer Perspektive behandelt.

Von Renate Wagner

Juden: zwischen Kapitalismus und „Linke“     Juden waren, wenn sie die Möglichkeit hatten, in der Politik aktiv: Es soll beispielsweise der Liberale Adolf Fischhof gewesen sein, der in Wien die Revolution vom März 1848 lostrat. Das reiche Judentum – besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Bankiers, Unternehmer, Fabrikanten in der Habsburger-Monarchie – stand für jenen Kapitalismus, den die „Linke“ (die ausgebeuteten Arbeiter) bekämpfte. Andererseits fanden sich besonders viele Juden in der Ideologie des Kommunismus gut aufgehoben. „Wir wollten nur das Paradies auf Erden“, lautet der Untertitel der Wiener Ausstellung – und die Idee, dass in der „klassenlosen Gesellschaft“ alle Menschen gleich sein sollten, barg die Hoffnung auf das Ende des Antisemitismus in sich. So stimmten die Juden Russlands in „Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“ ein, nachdem das antisemitische Zarenreich weggefegt worden war. Russland und kommunistische Juden in Österreich, das sind die beiden Ebenen, auf denen sich diese Ausstellung bewegt.

Genosse Jude Trotzki~1 Trotzki, gezeichnet von Emil Orlik

Herr Bronstein im Café Central         Im nachhinein weiß man es immer besser. Wer solle denn die Russische Revolution machen, witzelte man in Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Vielleicht der Herr Bronstein aus dem Café Central? Und nachher, als dieser Herr Bronstein unter dem Namen Trotzki berühmt wurde, war tatsächlich er es, der an Lenins Seite „Revolution“ machte und dem Kommunismus in Russland zum Sieg verhalf… Nach Österreich hatte sich Trotzki gewendet, als er – noch vor dem Zarenreich flüchtend – sich von 1907 bis 1914 im Wiener Exil aufhielt, wo kommunistische Freunde ihn unterstützten und er hier propagandistisch an der Vorbereitung der Revolution arbeiten konnte. In Österreich gab es im Rahmen der Arbeiterbewegung viele Juden: Die Ausstellung widmet ihnen als Personen zahlreiche, auf die/den einzelne(n) abzielende Schwerpunkte, wo man eine Menge persönliches Material zusammengetragen hat. Unter ihnen finden sich gleicherweise Politiker wie Künstler. Klar wird: „Genosse“ zu sein, bedeutete einen starken Zusammenhalt von Menschen (egal welcher Religion) untereinander – fest gehalten durch das Band einer positiv verstandenen Ideologie.

Genosse_Jude_Raum~1

„10 Tage, die die Welt erschütterten“    Es waren tatsächlich „nur“ zehn Tage, die die Russische Revolution währte, aber sie veränderte alles. Die Ausstellung dokumentiert die Revolution (u.a. auch mit einer Szene aus dem Film „Oktober“, den Sergej Eisenstein 1927 darüber drehte) – das bietet eine Überfülle von dokumentarischem Material, vor allem politischer Plakate. Für die Juden bedeutete das Sowjetreich jedoch bald ein herbes Erwachen aus der Illusion, „nur“ noch „Genosse“ und nicht mehr „der Jude“ zu sein. Lenin starb 1924, und Stalin brauchte nur wenige Jahre, seine Alleinherrschaft zu etablieren. Im Machtkampf mit Trotzki wurde dieser 1928 erneut ins Exil geschickt (und Stalin sorgte bekanntlich noch in Mexiko für dessen Ermordung). Der nunmehrige Diktator, der sich „staatsmännisch“ als großer Steuermann an einem Steuerrad darstellen ließ, war Antisemit, und Juden fielen neben anderen Regime-Zweiflern und –Gegnern seinen Verfolgungen zum Opfer. Unter dem dokumentarischen Material findet sich auch traurig Originelles: Ein jüdischer Teppich, in den man ursprünglich das Bildnis Stalins hineingewebt hatte. Nachdem die Enttäuschung evident war, versuchte man, es durch Hinzufügen eines entsprechenden Bartes per Übermalung zu „Theodor Herzl“ umzugestalten…

Genosse Jude Stalin-Herzl-Teppich~1

Neue Heimat Israel   Immerhin hatte es in der Sowjetunion Anfang der dreißiger Jahre ein jüdisches „Experiment“ gegeben – ganz weit im Osten (also gewissermaßen wieder in der Verbannung) durften Juden eine autonome Region errichten (Jüdische Autonome Oblast = Verwaltungsbezirk), in der sie sozialistische Ideale verwirklichen wollten. Doch der (wenn auch kurzfristige) Hitler-Stalin-Pakt 1939 begrub jegliche Hoffnungen, dass der Sowjet-Kommunismus ein für Juden sicheres System sein könnte, wenngleich viele Juden später für Stalin im Krieg gegen Hitler arbeiteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließen zahllose Juden die Sowjetunion, wobei für viele dann schon der neue Staat Israel eine neue Heimat bedeuten konnte – wenn auch auf anderer Ebene ebensowenig sicher wie die alte… Die österreichischen Juden waren, wenn sie nicht in Konzentrationslagern ermordet wurden, schon während des Zweiten Weltkrieges in die Emigration gegangen. Der Kommunismus, mit oder ohne Juden, versickerte in Österreich nach dem Staatsvertrag und dem Abzug der Sowjet-Besatzungsmacht langsam zur Bedeutungslosigkeit. Das kommunistische „Paradies“, das mit so vielen Idealen behaftet war und den Juden so viele Hoffnungen schenkte, hatte sich nicht verwirklicht. Nirgends.

Genosse. Jude. – Wir wollten nur das Paradies auf Erden
Jüdische Museum Wien, 1010 Wien, Dorotheergasse 11
Bis 1. Mai 2018
Von Sonntag bis Freitag 10 bis 18 Uhr

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