Der Neue Merker

WIEN / Jüdisches Museum: DIE UNIVERSITÄT. EINE KAMPFZONE

JüdMus Plakat 3~1 Foto: Jüdisches Museum

WIEN / Jüdisches Museum / Dorotheergasse:
DIE UNIVERSITÄT. EINE KAMPFZONE
Vom 3. November 2015 bis zum 28 März 2016

 

Der nicht ganz so festliche Beitrag

Die Wiener Universität hat ihr 650jähriges Bestehen heuer in aller Würde und gewiß auch mit berechtigtem Stolz gefeiert. Die Aufforderung an das Jüdische Museum, sich hier zu beteiligen, fiel aber dann nicht so festlich aus, wie man es vielleicht gehofft hat und wie man es natürlich auch hätte darstellen können. Man hätte nur die lange Reihe bedeutenden jüdischer Wissenschaftler rühmen müssen, die aus dieser Universität hervorgegangen sind und dort gelehrt haben. Doch das wäre Beschönigung pur gewesen. Das Jüdische Museum Wien zeigt neben dem Kampf der jüdischen Intelligenz auch „die Brutalität der akademischen Elite“ auf – kein Ruhmesblatt der Geschichte. Und das mehr als 600 Jahre lang.

Von Heiner Wesemann

Saalsicht mit Tandler~1 
Foto: Wesemann

Von den tragischen Anfängen      Es waren nicht die Nationalsozialisten, die den Antisemitismus erfunden haben. Sie konnten sich auf eine schier „ewige“ Tradition stützen. Die Lage der Juden in Wien war, je nach der Laune der jeweiligen Herrscher, immer von Unsicherheit geprägt. Sie mochten im Mittelalter ihr blühendes Geistesleben entwickelt haben – doch kurz nachdem Rudolf IV. in seinem Todesjahr 1365 die Wiener Universität gegründet hatte, wurden die Juden 1421 von seinem Großneffen Herzog Albrecht V. nicht nur vertrieben, sondern vernichtet. Aus den Trümmern ihrer Synagoge baute man der katholischen Universität ein neues Gebäude…

Was hilft „verordnete“ Toleranz?     Kaiser Joseph II. kommt das Verdienst des „Toleranzpatents“ zu, das den Juden die Universitäten öffnete und ihnen im 19. Jahrhundert die große Stellung im Geistesleben der Monarchie ermöglichte. Um welchen Preis dies geschah, macht die Ausstellung klar. Denn Joseph II. mochte Toleranz verordnen – die Bevölkerung konnte sie unterlaufen. Wenn es kein Rechtsmittel gab, die Juden von der Universität fernzuhalten, versuchte man es mit Schlägertruppen. Jeder kleine Fortschritt (auch durch die Revolution 1848, an der die Juden in vorderster Reihe beteiligt waren) musste mühselig erkämpft werden.

JüdMus Plakat Verjudung~1

Zeitzeuge Arthur Schnitzler     Unter den Männern, die es schafften, in Wien ihren Weg nicht nur als Studenten, sondern auch als Professoren zu machen, war auch ein Johann Schnitzler finden. Die Memoiren von dessen Sohn Arthur Schnitzler, „Jugend in Wien“, ist eine von vielen lebendig gebliebenen authentischen Schilderungen der Zeit. Weil man Juden „demütigen“ wollte, erklärte man sie für „nicht satisfaktionsfähig“ – Grund genug für viele von ihnen, selbst die Waffen in die Hand zu nehmen und sich das Recht zu erkämpfen, in Duellen zu sterben. Wie die Intrigen gegen jüdische Professoren von statten gingen („Verjudung der Universität“ war ein beliebtes Schlagwort der deutschnationalen Antisemiten), hat Schnitzler ja in seinem unsterblichen Stück „Professor Bernhardi“ dargestellt. Dass die Stimmung auch nach der Monarchie, in der Zwischenkriegszeit, nicht besser wurde, beweist ein Ausspruch von Bruno Kreisky, der in den zwanziger Jahren in Wien Jus studierte: „Es war schlicht und einfach eine Hölle.“

Text zu Richard Wagner Begräbnis~1

Was mich nicht umbringt…     Die Ausstellung mag den Terror gegen Juden an der Universität dokumentieren, wobei auch Richard Wagner instrumentalisiert wurde: Seine Totenfeier benutzten deutschnationale Studenten zu einer weiteren antisemitischen Kundgebung. Aber nach Nietzsches Motto „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“, leisteten die Juden Widerstand – und wenn sie selbst ihre Promotionsurkunden zerstückelten… Erinnert wird übrigens an den hohen Anteil von jüdischen Frauen an der Universität: Mochte der jüdische Bevölkerungsanteil Wiens damals um die zehn Prozent ausmachen, so stellten sie doch ein Viertel der Studentinnen.

JüdMus Lucky Luke 5_ausschnitt~2

Jüdischer Humor übrigens auch hier: Noch in den sechziger Jahren hat René Groscinny in Frankreich, Enkel eines Rabbiners, Sohn eines Chemikers, in einer Folge von „Lucky Luke“ einen streitbaren alten Sigismund Freudenreich (im französischen Original: Gustav Frankenbaum) gezeichnet. Seine flotte Degenführung geht dann auf dessen kämpferische Vergangenheit in jüdisch-nationalen Studentenverbindungen von einst zurück…

Die starken Persönlichkeiten     Die Ausstellung bietet jede Menge historischen Materials auf und gedenkt auch immer wieder einzelner Persönlichkeiten, die es trotz ihrer Kämpfe zu Weltruhm brachten – wie viele jüdische Mitglieder der Wiener Medizinische Schule in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Mediziner Julius Tandler, der in einem großen Ölgemälde von der Wand blickt, hat als Universitätsprofessor begonnen, um später einer der wichtigen sozialdemokratischen Politiker zu werden. Wie viele Nobelpreise vertriebene jüdische Wissenschaftler bis heute in der Emigration erarbeitet haben, ist kaum zu zählen… diese werden dann aber fast wie selbstverständlich für Österreich beansprucht. „Die Wiener sind Heuchler“, sagte der gebürtige Wiener und Neurologe Eric Kandl, der im Jahre 2000 den Nobelpreis erhielt.

JüdMus Borodajk

Bewusstseinswandel     Dass der Antisemitismus auch nach dem Zweiten Weltkrieg an der Universität weiter „blühte“, hing nicht zuletzt damit zusammen, dass viele Professoren der Nazizeit auch später noch ihre Ämter ausübten. Und doch gab es schon in den frühen sechziger Jahren Widerstand, wie am Beispiel der Demonstrationen gegen Taras Borodajkewycz klar gemacht wird (der Kampf gegen ihn zog sich über Jahre, bis er 1966 zwangspensioniert wurde).

Materialfülle     Die von dem Studio Stefan Fuhrer, Wien optisch sehr ansprechend gestaltete Ausstellung wurde von Kurator Werner Hanak-Lettner auch mit modernen „Interventionen“ und Installationen zur Geschichte bestückt. Vor allem aber besticht die Präsentation durch den Reichtum von Fotos und Dokumenten, die man in der gebotenen Fülle dann erst zuhause in dem ausgezeichneten Katalog aufarbeiten kann. Es gibt sehr viel zu erzählen in mehr als sechs Jahrhunderten.

Bis 28 März 2016, täglich außer Samstag 10 bis 18 Uhr

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