Der Neue Merker

WIEN / Jüdisches Museum: DIE BESSERE HÄLFTE

Jüdinnen  Plakat x~1
Alle Fotos: Jüdisches Museum

WIEN / Jüdisches Museum in der Dorotheergasse: 
DIE BESSERE HÄLFTE
Jüdische Künstlerinnen bis 1938
Vom 4. November 2016 bis zum 1. Mai 2017

Die vergessene Hälfte

Als „bessere Hälfte“ bezeichnet man allgemein die Ehefrau, und solcherart ist der Titel der neuen  Ausstellung im Jüdischen Museum (Haupthaus in der Dorotheergasse) eindeutig irreführend. Die Damen, um die es geht, waren zwar teilweise verheiratet (viele trugen einen Doppelnamen, was noch nicht so üblich war wie heute, aber von ihrem Selbstverständnis zeugt), aber keinesfalls stehen sie in dieser Rolle im Zentrum. Es geht vielmehr um eine „vergessene“ Hälfte der Weiblichkeit, um jene jüdischen Künstlerinnen, die im Wien des Fin de Siècle unter unendlichen Schwierigkeiten ihre Stimme (Pinsel und Meißel) erhoben und begehrten, Künstlerinnen zu sein. Was immer sie erreicht hatten – spätestens 1938 war es für sie in ihrer Heimat zu Ende.

Von Renate Wagner

Nicht alle sind vergessen       Eine trug die Fahne, und sie steht an der Spitze dieser von Andrea Winklbauer und Sabine Fellner kuratierten Ausstellung. Tina Blau (1845-1916) hatte sich ihre herausragende Stellung unter den Künstlern Wiens so nachhaltig erobert, dass sie nicht in Vergessenheit geriet – aber sie erregte mit ihren großartigen Landschaftsbildern keinerlei Anstoß, und sie starb früh genug, um nicht vom Nationalsozialismus vernichtet zu werden. Das Foto, wo sie sich mit einer Staffelei in einem Korbwagen, der gut als Kinderwagen taugen mochte, in den Prater aufmacht, zählt zu den signifikantesten überhaupt – grenzenlos zu interpretieren. Ihre jüdischen Kolleginnen waren weniger glücklich. Immerhin, einige von ihnen erlebten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine zögerliche Wiederentdeckung, oft verbunden mit der Initiative einzelner Kuratoren, die Ausstellungen durchsetzen konnten. So kam Broncia Koller-Pinell (1863-1934) wieder ins Bewusstsein, desgleichen Marie-Louise von Motesiczky (1906-1996), die den Holocaust überleben konnte und bis ins hohe Alter aktiv blieb, und man entdeckte auch – vielleicht weil ihre Arbeiten so hinreißend originell waren – die Keramikerin Vally Wieselthier (1895-1945) wieder. Tatsache aber ist, dass viele der 44 Künstlerinnen, die in der Ausstellung vorgestellt werden, tatsächlich vergessen sind. Sehr zu Unrecht.

Der Kampf um die Berufung      Die Frauen mussten sich ihre Emanzipation auf allen Gebieten schwer erkämpfen, die Männerbastionen hielten, nicht nur Wahlrecht, auch Ausbildung wurde ihnen vorenthalten. Jüdische Mädchen mit künstlerischen Ambitionen (Juden stellten um 1900 zehn Prozent der Bevölkerung Wiens, der Anteil jüdischer Künstlerinnen lag bei über 30 Prozent) hatten es vergleichsweise leichter, weil sich das jüdische Bildungsideal auch auf Töchter erstreckte und oft das Geld da war, sie in Privatschulen, zu Privatlehrern oder ins Ausland zu schicken. Das war aber schon der einzige Vorteil. Wollten sie sich im Alltag etablieren, sahen sie sich extremer männlicher Feindseligkeit ausgesetzt.

Jüdinnen  riess  Hexe xx  Jüdinnen  Ehrlich Bauer Johnny spielt auf xx
Teresa Feodorowna Ries / Bettina Ehrlich-Bauer

Auch Adolf Loos beschimpfte die Frauen    Nicht nur, dass man es etwa für unsittlich erachtete, dass Frauen Aktstudien betreiben könnten, auch Männer, denen man mehr Intelligenz zugetraut hätten, schütteten Kübel von Verachtung über Künstlerinnen, die in ihren Augen ohnedies nur Dilettantinnen waren und sich auf männliches Terrain wagten, auf dem sie nichts zu suchen hätten („unerhörte Pupperlwirtschaft“ orteten die empörten Herren). Ein Fehlurteil, dem die Ausstellung eine Überfülle an Objekten aller Art – Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte, Plastiken, Keramiken – entgegenzustellen hat.

Das Leben retten, dann die Kunst     Dokumente aller Art, von Schulzeugnissen bis zu Pässen, mit denen man die rettende Emigration anstrebte, geben Einblicke in die Leben dieser Künstlerinnen, von denen manche schon vorzeitig ins Ausland gegangen war… Am Ende ging es nur noch um das Leben, nicht um das Werk: Bettina Ehrlich-Bauer (aus der Bloch-Bauer-Goldene Adele-Familie stammend) rettete das Werk ihres Mannes Georg Ehrlich in die Emigration, nicht ihr eigenes: Die Ausstellung kann ihre Werke nur in Fotos zeigen, hat aber ein Selbstporträt von 1928, eine nachkolorierte Fotografie, als Sujet für das Plakat und  Titelbild für den Katalog gewählt…

Weg durch die Spiegel     Die Ausstellung bedient sich vieler Spiegel, die für die Besucher durchaus verwirrende Wirkung haben können, was allerdings beabsichtigt ist. Schließlich betritt man eine Welt der Unsicherheit, um dort allerdings großen künstlerischen Reichtum vorzufinden. Es gab nichts von all dem, was die Männer sich vorbehalten wollten, das die Frauen nicht auch gekonnt hätten – sie waren Bildhauerinnen (Teresa Feodorowna Ries begrüßt mit der herausfordernden Statue einer Hexe, Ilse Twardowski-Conrat gestaltete die Brahms-Büste am Grabmal des Komponisten am Zentralfriedhof, Gustav Mahlers Tochter Anna hatte eine lebenslange Karriere als erfolgreiche Bildhauerin), sie malten in Öl, sie schufen eindrucksvolle Gebrauchsgraphik, sie belebten die Wiener Keramik in schier unglaublichem Ausmaße: ein Saal mit den Werken von Vally Wieselthier, Susi Singer und Kitty Rix birst geradezu vor Farbigkeit und Vitalität.

In ihrer Zeit aktiv     Kunst und Künstler der Zeit erscheinen in diesen Ausstellungsräumen – Bettina Ehrlich-Bauer hat „Johnny spielt auf“ ein spektakuläres Gemälde gewidmet, Marie Mautner-Kalbeck hat nicht nur ein Buch über Josef Kianz geschrieben, sondern auch eines der berühmtesten Bilder (als Mephisto) von ihm geschaffen, Edith Kramer malte Berthold Viertel, Lilly Steiner Alban Berg… Aber die Themen der Künstlerinnen waren auch durchaus politisch, gingen in die Arbeitswelt (für Marie-Louise von Motesiczky war ein Arbeiter ebenso ein Sujet wie ein reicher Mann, der sich porträtieren ließ) oder reagierten direkt auf das Zeitgeschehen: Lilly Steiners „Composition baroque“ war 1938 ein Aufschrei gegen eine Welt, in der die einen in die Luft flogen und die anderen dies mit katholischer Frömmigkeit (in Gestalt einer Betenden) hingebungsvoll ertrugen… weil es ja nicht sie traf.

Jüdinnen  Steiner  1938
Lilly Steiner

Hilfe beim Katalog      Man müsste die Ausstellung vielfach besuchen, um sowohl die einzelnen Werke zu rezipieren, wie auch die 44 Persönlichkeiten, die im Raum nicht wirklich von einander abgesetzt sind, in den Griff zu bekommen. Der Katalog hilft hier, bringt bemerkenswerte Untersuchungen zu den verschiedensten Themen. Dass jede Künstlerin zumindest eine Doppelseite bekommen hätte, um ihr Schicksal ausreichend zu umreißen und auf ihr Werk zu fokusieren, das wünscht man allerdings vergeblich – von den berühmten abgesehen, bleiben die weniger berühmten wieder nur Kurzartikel im Anhang. Und es gälte doch, sie nicht nur als Kollektiv, sondern auch als Einzelpersönlichkeiten hervorzuholen.

Ergänzung: „Das Wohnzimmer der Familie Glück“    Im Extrazimmer neben den großen Ausstellungsräumlichkeiten präsentiert das Jüdische Museum jene Möbelstücke (Eckbank, Buffet, Barschrank, Tisch und zwei Hocker aus den zwanziger Jahren), die Henry Glück dem Haus geschenkt hat. Die Glücks waren eine wohlhabende Kürschnerfamilie, die aus Galizien kam und es in Wien zu Wohlstand brachte. Als die Familie floh, konnte sie diese Möbel in die USA verschiffen lassen und nahm ein Stück Wien mit. Nun, zurückgekehrt, lässt der Raum eine Welt von gestern in ihrem Zauber, in ihrer Tragik aufleben.

Jüdisches Museum Wien:
Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938
Vom 4. November 2016 bis zum 1. Mai 2017,
täglich außer Samstag 10 bis 18 Uhr, Freitag nur bis 14 Uhr

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