Der Neue Merker

WIEN / Josefstadt: HEILIG ABEND

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Alle Fotos: Theater in der Josefstadt

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
HEILIG ABEND von Daniel Kehlmann
Uraufführung
Premiere: 2. Februar 2017 

Wenn Daniel Kehlmann seit der „Vermessung der Welt“ ein Autor ist, dem man permanentes Interesse zuwendet und dessen neue Werke man immer kennen möchte, dann hat er mit „Heilig Abend“ in der Josefstadt eine Enttäuschung bereitet. Sicher, der Dialog, der ein Verhör ist, ein bißchen Katz- und Maus-Spiel (wenn auch mit geringer Spannung), behandelt Themen von hier und heute, so punktgenau, dass man sie leider auswendig kennt. Die Thesen auf beiden Seiten kommen mit der üblichen Argumentation, so dass man schon gar nicht mehr zuhört.

In Thomas, dem Mann, der das Verhör führt, und Judith, der Frau, die an Heilig Abend eineinhalb Stunden vor Mitternacht zum Verhör „genötigt“ (aus dem Auto gezerrt) wurde, stehen sie einander gegenüber: Die einen, die den Status quo erhalten wollen, weil sie ihn für den besten halten, der zu erzielen ist, die anderen, die ihre Änderungen nicht anders als mit Gewalt postulieren können, aber wohl für den Ernstfall keine Konzepte haben. Lernen Sie Geschichte, hat Bruno Kreisky einmal gesagt, schauen wir uns an, welche verheerenden Folgen  fast ein Jahrhundert lang die Russische Revolution nach sich gezogen hat…

Ein Diskussionsstück, das man an den Menschen festmachen muss, damit es ein bisschen interessant wird. Aber natürlich will man Thomas nichts glauben, was er von sich gibt, weil man ihn ja nur der Manipulation verdächtigt. Und Judith, Philosophieprofessorin mit Schwerpunkt Gewaltforschung, müsste eigentlich die Sympathieträgerin sein. An ihr würde man sich gerne empören über den Überwachungsstaat, der Denker verfolgt. Nur ist diese Frau leider ein denkbar schlechtes Beispiel, wollte man gerade diesen Aspekt der gegenwärtigen Terroristen-Problematik in den Mittelpunkt stellen, denn die Dame ist ja keinesfalls unschuldig. Sie glaubt ja – Kehlmann betont selbst das Altmodische ihrer „idealistischen“ Haltung, ein bisschen Rote Garde-Agit-Prop, Kaufhäuser wegsprengen, damit der Kapitalismus jault – an Gewalt als „Signal“. Natürlich will man niemanden töten. Kollateralschaden… ja, das kann natürlich vorkommen, bedauerlich aber doch. Und was käme nach der Bombe? Darauf gibt es ja klassischerweise keine Antwort…

Kehlmann sagt natürlich nicht, ob diese Judith eine Bombe platziert hat, die an Heilig Abend Mitternacht hoch geht, wie Thomas glaubt – das darf sich das Publikum schon selbst ausdenken. Aber so, wie er diese Judith angelegt hat, kann man nur sagen: Zuzutrauen wär’s ihr. Und dann ist man über die Behörden, die präventiv schnüffeln, als Durchschnittsmensch, dessen Schicksal das „Kollateralopfer“ sein könnte, nicht mehr so ausschließlich empört über die Abhörmethoden: „Wenn Sie wüssten, wie viel wir herausfinden, wenn wir uns für jemanden interessieren.“ Und wenn sie es nicht tun, dann fließt Blut – und Presse und Öffentlichkeit sind die Ersten, die sich über mangelnde Sorgfalt empören (der letzte Fall des Attentäters, der beobachtet worden war, ohne Hinderung seine Tat beging, ohne Einschränkung durch Europa reiste und nur durch den reinen Zufall einer Polizeikontrolle gefasst und erschossen wurde, ist ja noch nicht so lange her).

Dass das Thema der Gewalt und wie man sich davor schützt, nicht zu lösen ist, weiß Kehlmann selbst. Dass er unter einer in Echtzeit laufenden Uhr (die Darsteller müssen akkurat um Mitternacht fertig sein) ein Gespräch führen lässt, welches das Für und Wider brav aufrollt, steht außer Frage. Und es soll sie ja geben, die Stücke, die uns betreffen. Und es geht ja nicht um Antworten, die jeder einzelne ohnedies nach seiner Ideologie gibt (und die durch die Argumente eines solchen Stücks nicht geändert werden), sondern um saubere Fragestellungen. Ein bisschen Hörspiel, ein bisschen Schulfunk. Theater braucht mehr.

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Für das Theater in der Josefstadt ist es ein Abend, wo man wieder heimlich sparen kann – ein Bühnenbild, zwei Darsteller, eineinhalb Stunden, das kann nicht allzu teuer kommen. Immerhin, einmal dreht sich das Bühnenbild (Walter Vogelweider), das an sich nur einen ganz schlichten  „Hinterglas“-Raum zeigt, zu einem teuren Kurzeffekt, und dann sieht man ein halbes Dutzend „Beamte des Verfassungsschutzes“, wie der Programmzettel sie nennt, vor einer Anzahl von Bildschirmen, die Außenansichten, vor allem aber das Verhör aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen. Vermutlich sind, Heiliger Abend oder nicht,  die Psychologen und Profiler (falls es die nicht nur im Kino und in Romanen gibt) heftig daran, aus der Körpersprache des „Opfers“ (so gibt sich die Professorin empört, wie auch anders) herauszuanalysieren: Sagt sie die Wahrheit? Hat sie mit ihrem Ex-Mann irgendwo eine Bombe für Mitternacht hinterlegt? Oder ist alles nur falscher Verdacht als Folge der zum Aufruhr rufenden Texte in ihrem Computer? Dass dieser Computer nicht mit dem Internet verbunden war – ist das nicht besonders verdächtig? Heißt das nicht, dass sie etwas zu verbergen hat?

Aber nein, so wirklich spannend will es nicht werden, wenn Herbert Föttinger als Direktor und Regisseur auch stark besetzt hat (wobei er die Darsteller mit Kopfmikrophonen ausrüstete, die den Text unheimlich verfremden). Wieder einmal Bernhard Schir, der Mann hat Power, der holt alles an Effekten aus seiner aggressiven Verhörführung. Maria Köstlinger hat es weniger leicht, muss in ihrem Stuhl sitzen, nicht gerade wie ein Häuflein Elend, aber sie kann wenig vorbringen – und wenn sie ihren intellektuellen Hochmut heraushängt, verliert sie ja weiter an Sympathie…

Und oben tickt die Uhr. Aber man wird nicht vor Spannung gebeutelt. Man fragt sich eher, wann es denn aus ist. Aber auch das weiß man ja: um Mitternacht… Mit Bombe oder ohne. Man erfährt es nicht. Wie schon Reich-Ranicki mit Brecht zu sagen pflegte: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Renate Wagner

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