Der Neue Merker

WIEN / Josefstadt: GALAPAGOS

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Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
GALAPAGOS von Felix Mitterer
Uraufführung
Premiere: 16. März 2017, besucht wurde die Generalprobe 

Natürlich müssen neue Stücke geschrieben werden, und selbstverständlich sollen Theater Aufträge erteilen – an die Jungen ebenso wie an die Arrivierten. Und natürlich gibt es keinerlei Garantie für Gelingen: Die Josefstadt hat in dieser Spielzeit schon bei Turrini und Kehlmann echte Beispiele für Halbgares, nicht Fisch nicht Fleisch, mit Sicherheit nicht wirklich Gelungenes, vorgeführt. Und leider liegt der Fall bei der Uraufführung von Felix Mitterers „Galapagos“ genau so. Gut gemeint ist dergleichen immer. Aber auch die, die schon gezeigt haben, was sie können, haben nicht jedes Mal ein goldenes Händchen…

Mitterer liebt seit längerer Zeit „wahre Geschichten“, und die können ja auch einiges erzählen. Also zurück in die dreißger Jahre, zu einem Fall, der damals durch die Presse ging: Auf der Galapagos-Insel Floreana haben sich in den damals einige deutsche Auswanderer niedergelassen. Die undurchsichtigen Ereignisse – teilweise auch von den Beteiligten geschildert – haben schon damals viel Echo in der Weltöffentlichkeit gefunden und wetterleuchten bis heute in der Literatur, dem Theater und dem Kino.

Mitterer hat die Handlung auf acht Personen verknappt und stellt sie reflektiv auf die Bühne: Indem die Beteiligten dem Polizeibeamten, der die hier vorgefallenen Morde untersucht, ihre Geschichte erzählen, kann diese gespielt und kommentiert zugleich werden. Nicht ungeschickt, aber leider auch nicht wirklich spannend.

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Da kamen zuerst die Idealisten, die frühen Aussteiger, deren Weltflucht auch mit Menschenfeindlichkeit und philosophischer Spinnerei zu tun hatte: der Guru-artige Dr. Friedrich Ritter und seine „Jüngerin“ Dore Strauch. Dann kamen, von den beiden, die schon da waren, gar nicht freundlich empfangen, die Realisten, pragmatische Pioniertypen, die sofort sahen, dass man hier Kaffee und Tabak pflanzen konnte, dass es hier viel Land und vielleicht keine politischen Probleme gab, die auf  Europa unabwendbar zurasten.

Am Ende kamen dann die Abenteurer, und tatsächlich hat sich die so genannte Baronin mit zwei Liebhabern im Schlepptau zur „Kaiserin von Floreana“ erklärt. Vollmundig, aber gänzlich ohne Augenmaß, brachten sie auf der Insel alles durcheinander. Und dann waren die Dame und einer ihrer Adlaten tot… und der andere überlebte seine Flucht von der Insel auch nicht.

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Das klingt als Vorgabe viel spannender, als es dann bei dem Figuren-Mix herauskommt. Es soll eine Psychoschlacht sein, Schicksale aufrollen, klassische Fragen über das Zusammenleben auslösen, wenn es um Besitzansprüche und so elementare Dinge wie eine Quelle geht, und natürlich ist da immer der Krimi im Hintergrund: Wer hat denn nun wen umgebracht? Aber da einem die Dahingeschiedenen so gar nicht sympathisch waren, fiebert man im Zuschauerraum keinesfalls mit Spannung einer „Lösung“ entgegen, zumal man ohnedies das dumpfe Gefühl hat, man bekäme sie nicht. Und Bingo, genau so kommt es.

Die Aufführung von Regisseurin Stephanie Mohr beginnt so affektiert, dass es weh tut: Die Bühne von Miriam Busch wirkt wie ein Misthaufen (vermutlich ist es Papier, das sich da am Boden knüllt, wenn man ganz hinten sitzt, hat man keine Möglichkeit, das genau zu erkennen). Und was tun die Darsteller? Na, die stehen selbstverständlich hinter Mikrophonen. Ohne die geht es ja nicht. Wenigstens gibt es später nur bemalte Zwischenvorhänge und keine Videos: Thank God for little favours…

Da sind die vier Deutschen, der grenzenlos hochmütige, in sich verschlossene, gegen die Umwelt gnadenlose Arzt und Philosoph (Raphael von Bargen) und der zwar leutselige, aber hier gänzlich uninteressant erscheinende deutsche Pionier (Peter Scholz). Zwei bewusst reizlos erscheinende deutsche Alltagsfrauen und Durchschnittstypen haben verschiedene Ausgangspunkte: die eine (Eva Mayer), die gutmenschlich den Kopf in die Wolken streckt, die andere (Pauline Knof), die fest auf dem Boden steht.

Ja, und dann noch die drei anderen – die Wiener Baronin mit Anhang: Wenn jemand exzentrische Frauen glaubhaft machen kann, ist es Ruth Brauer-Kvam, und selbst sie schafft es hier nicht, die Künstlichkeit ist zu groß. Gänzlich ohne Profil bleibt Liebhaber Bubi (Roman Schmelzer), während der hilflose Rudi (Matthias Franz Stein mit Blondhaar) die Möglichkeit erhält, entweder mit Regenschirm oder oftmals in Unterhosen zu erscheinen und wie ein armer Malvolio zu wirken…

Ljubiša Lupo Grujčić als einheimischer Polizist wundert sich über alles, was er sieht und was er hört, und man kann es ihm nachfühlen. Der ganze Abend ist so anstrengend, wie es das Leben auf Galapagos gewesen sein muss. Das hat uns gerade noch gefehlt…

Renate Wagner

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