Der Neue Merker

WIEN / Josefstadt: DIE VERDAMMTEN

Verdammte  Szene
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
DIE VERDAMMTEN
Nach dem gleichnamigen Film von Luchino Visconti
Premiere: 10. November 2016.
Besucht wurde die Generalprobe

Nicht jeder Theaterbesucher hat das Glück, dass er sich Viscontis Film „Die Verdammten“ nicht gerade angesehen hat. Denn dann ist das, was sich unter diesem Titel auf der Bühne des Theaters in der Josefstadt abspielt, ein allzu kläglicher Abklatsch. Zwar wird man sich von Seiten des Theaters wohl Vergleiche mit dem Film verbieten, denn Theater sei ja „etwas ganz anderes“ und man habe die Erlaubnis, mit dem Stoff nach Belieben zu verfahren.

Nun ist aber auch ein Drehbuch ein Kunstwerk, man kokettiert zumindest mit der Erinnerung an einen Film (bzw. an dessen legendären Ruf), und so ist die Frage doch berechtigt, welchen Sinn es macht, ein Stück entstehen zu lassen, wo so gut wie alle Charaktere im Vergleich zum Original anders (teilweise total anders und immer gröber) gezeichnet sind? Ist das dann nicht wieder einmal der klassische Etikettenschwindel? Wenn man Visconti mit „Niveau“ gleichsetzt, also auch noch von Formalem spricht, kommt das zusätzlich erschwerend dazu.

Was sieht man also auf der Josefstadt-Bühne, wieder in einem der öden Einheitsbühnenbilder (von den „Kleinen Füchsen“ bis „Niemand“ ist das mittlerweile Josefstädter Markenzeichen, wenn auch nicht eben positiv besetzt), diesmal von Silvia Merlo und Ulf Stengl (letzerer zeichnet auch für die „Bearbeitung“ des Textes verantwortlich). Was bei den „von Essenbecks“ spielt, Viscontis Paraphrase einer Krupp-artigen Familie, die sich aus Berechnung mit den Nationalsozialisten einlässt, ist hier schäbig genug, wird auch von den Darstellern mit Umbauverpflichtung hin- und hergeräumt. Ein paar als Diener verkleidete Bühnenarbeiter wären entschieden eleganter gewesen, aber wer redet von Eleganz? Visconti vielleicht, was man ihm damals als überzeichnete Nazi-Ästhetik vorgeworfen hat (darüber kann man gut diskutieren), aber nicht Regisseur Elmar Goerden.

Er hatte ohnedies nur die Struktur des Films zur Verfügung – die politische Frage: Wie gerät man in die Hände einer totalitären Macht –  und hätte man überhaupt die Möglichkeit, sich zu wehren? (Eindeutige Antwort: nein, denn alle, die es versuchen, bezahlen mit dem Leben.) Und das läuft in dunkler Einförmigkeit in jeder Hinsicht grau in grau und schleppend ab, ohne dass die Schauspieler für den nötigen Glanz sorgen würden. Obwohl die Menschen immer fieser werden und sich auf Fischmarkt-Niveau Gemeinheiten unter der Gürtellinie entgegenschreien, für die sie bei Visconti wirklich zu – elegant, ja, aber auch zu gepflegt gewesen wären. Auf der Bühne wirkt es letztendlich peinlich, wie tief die Essenbecks sinken (dank der Bearbeitung…). Der Vergleich mit einem Shakespeare’schen Königsdrama wurde in der Vorberichterstattung immer wieder zitiert. Wie bitte?

Da sich das „Stück“ nicht aus dem Familienrahmen hinaus begibt, fallen nicht nur die (auch bei Visconti nur „pittoresken“) Szenen im Stahlwerk weg (muss man dankbar sein, dass keine Videoschirme dauernd flimmern? Ja!), sondern auch die minutiöse Ermordung von Röhms SA in Wiessee, die ein integraler Teil des Films ist. Der Essenbeck, der dort gemetzelt wird, fällt hier im Wohnzimmer einem Schuß aus der Pistole des Familien-SS-Manns zum Opfer…

Vor allem aber wird die Figur des Essenbeck-Enkels Martin, im Film Helmut Berger und Zentrum des Geschehens, ganz an den Rand gerückt. Visconti, selbst betroffen, war vorsichtig mit der Homosexualität, bei ihm ist Martin Transvestit und Liebhaber einer Hure, ein Kinderschänder und Mörder und als solcher erpressbar. Hier bleibt Martin – in schwuler Beziehung zu seinem Cousin Gunther – am Rande, und was sich im Film so allmählich aufbaut, seine Machtgelüste, die ihn in die Arme der SS führen, kommt hier am Ende abrupt, unvermutet und nicht sehr plausibel. Wenn die Mutter ihn im Film verführt, ist das ein Akt parfumierter inzestuöser Erotik, was auf der Bühne in reine Brutalität des Sohnes ausartet (in Nachahmung einer Sexszene zwischen der Mutter und ihrem Geliebten, die es im Film in keiner Weise gibt).

Die Grundkonstellation wurde, wie gesagt, beibehalten – der Familienbetrieb mit dem alten Joachim von Essenbeck (im Film Albrecht Schönhals, hier Heribert Sasse, nasal hochmütig) an der Spitze. Dass Hauptsturmführer Wolf von Aschenbach, der im Film als graue Eminenz und Katalysator für alles Böse fungiert (herrlich das so blond-deutsche Gesicht von Helmut Griem und die Abgründigkeit dahinter), ein Verwandter der Sippe ist, kommt auf der Bühne kaum heraus, Raphael von Bargen kann in der Theaterfassung der Bedeutung der Figur nicht gerecht werden. Eine gewaltige Wandlung hat Friedrich Bruckmann (von André Pohl ältlich und zornig dargestellt) durchgemacht – im Film in Gestalt von Dirk Bogarde ein schwankender Schwächling, der nur von der Geliebten getrieben wird, ist er hier (auf der Bühne mit anzusehen) für brutale Sexpraktiken und jegliche Gewissenlosigkeit zuständig. Die grandiose Hochzeitsszene zwischen ihm und Sophie ist hier gänzlich auf einen brutal erzwungenen Selbstmord reduziert – wie die Vergröberung des Geschehens auf allen Ebenen durchgreift.

Verdammte  Bargen Pohl
Raphael von Bargen, André Pohl

So ist Sophie nicht (wie einst Ingrid Thulin) eine wirkliche Dame von hoher Hintergründigkeit, sondern in Gestalt von Andrea Jonasson kraftvolle, schamlose, niveaulose Intrige und geballte, vordergründige Bösartigkeit. Wo ist das Traumgeschöpf geblieben, als welches Charlotte Rampling als Elisabeth durch den Film nachtwandelte? Bettina Hauenschild ist eine fiese „deutsche Frau“, die gewöhnt ist, alles mit Sex zu erkaufen (oder sich diesen zu holen). Als ihr Mann kommt Peter Scholz (im Film Umberto Orsini) in einer psychologisch stark reduzierten Studie (vor allem seine Rückkehr wird überhaupt nicht klar) zumindest der Figur des „anständigen Menschen“ nahe, der logischerweise untergeht. Peter Kremer hat nicht annähernd die physische und mentale „Macht“ eines René Koldehoff, ist aber immer noch verbohrt „böse“ genug.

Verdammte Jonasson
Andrea Jonasson

Bleiben die jungen Leute, wobei Meo Wulf als schöngeistiger Gunther (im Film von Renaud Verley auch wesentlich differenzierter gestaltet in seiner Hilflosigkeit) hier als Homo-Spielkamerad für den Cousin fungiert, dieser Martin aber in Gestalt von Alexander Absenger zwischen ein bisschen Jugend-Protest und ein bisschen Aufbegehren gegen die Demütigungen durch die Mutter (die es im Film richtigerweise nicht gibt) am Rande bleibt, statt sich als die Hauptfigur in dem wilden Familiengetriebe zu etablieren. Ob Zuschauer, die den Film nicht kennen (der die Familienverhältnisse sehr klar macht), hier durchschauen, wer bei den Essenbecks eigentlich wer ist, mag bezweifelt werden.

Elmar Goerden fügt hinzu (man durfte ja schließlich ändern) –  die zwei kleinen Mädchen sind hier angehalten, „Es zittern die morschen Knochen“ immer und immer wieder zu singen, was sie mit der Willfährigkeit von Marionetten tun. Wasch- und Putzorgien als äußeres Gleichnis für einen verlogenen Sauberkeitswahn. Möbelrücken, womit man sich selbst beengt und einschließt, damit die Zwänge von Situationen klar werden. Ja, das alles sind legitime Theatermittel und funktionieren auch. Aber reicht das? Ist das die „Götterdämmerung“, die Visconti einst schuf? Nicht einmal ein blasses Abziehbild.

Renate Wagner

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