Der Neue Merker

WIEN / Josefstadt: DER SCHWIERIGE

Schwierge  Plakat x

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
DER SCHWIERIGE von Hugo von Hofmannsthal
Premiere: 6. Oktober 2016
besucht wurde die Generalprobe  

Unter den „großen“ österreichischen Stücken war „Der Schwierige“ von Hugo von Hofmannsthal immer ein Juwel der Krone. Früher ist man ihm auf der Bühne in und um Wien sozusagen permanent begegnet. Ältere Theaterbesucher datieren ihren Ideal-„Schwierigen“ auf Robert Lindner im Burgtheater zurück (flankiert von einer unvergesslichen Adrienne Gessner, einer zauberhaften Aglaia Schmid, einer hinreißenden Jane Tilden und natürlich dem Stani aller Stanis, Peter Weck). Man sah dann auch noch (bei den Salzburger Festspielen) einen O.W.Fischer, in der Josefstadt einen Karlheinz Böhm, für diese Rolle gingen auch Filmstars auf die Bretter, für diese Rolle mutierte Peter Weck (damals schon nur noch Fernsehstar) auch vom Stani zum Kari. Im Burgtheater spielten ihn Heltau und Hackl, an der Josefstadt zuletzt im Jahr 2000 – etwas zu alt, aber herrlich „schwierig“ – Helmuth Lohner. Und dann hat man offenbar das Interesse an dieser Art von Theater verloren.

Schwierge  alle x
Fotos: Barbara Zeininger

Wenn der „Schwierige“ nun wiederkommt – wo sonst als in der Josefstadt, sollte man meinen -, wird man mit ihm allerdings nicht mehr so wirklich glücklich. Wieder einmal hat der Versuch, ein Stück gewaltsam aus seiner eigenen Welt herauszunehmen, gleich das ganze Stück mitgerissen und ziemlich ramponiert hinterlassen. Denn dieser „Schwierige“ spielt, das wird zu oft erwähnt, um es leicht zu nehmen, nach einem Krieg – und in diesem Fall kann es nur der Erste Weltkrieg gewesen sein. Zurück geblieben ist damals eine Gesellschaft, die es in der Monarchie recht behaglich hatte und nun, an sich eher orientierungslos, gerne weitermachen möchte wie immer. Was wir auch gegen diese Leute haben mögen – eine  „gute Gesellschaft“, wie es sie heute nicht mehr gibt, waren sie noch allzumale. Darum tun die Störfaktoren, die Hofmannsthal einbaut (ob es ein unerzogener Mann aus dem Norden ist oder ein neuer Diener mit durchaus primitiver Vorstellungswelt), auch so weh. Kurz, die Karis und Helenen, die Altenwyls und die Höhenbühls, sie brauchen ihr „Ambiente“, um zu funktionieren.

Schwierge  Szene

Dergleichen wird heute gerne geleugnet, auch von einem an sich so interessanten Regisseur wie Janusz Kica, von dem man an der Josefstadt schon einiges Gute gesehen hat. Wenn er dachte, den Schwierigen in der Ausstattung von Karin Fritz in den „luftleeren Raum“ zu stellen, um das Schwanken einer Gesellschaft in ihren eigenen Totentanz hinein zu imaginieren, hat er sich getäuscht: Ja, sie wirken vor leeren weißen Wänden, ohne Mobiliar (auf einem Hocker kann sich der Graf Bühl nur zusammenknotzen!, sonst muss er sich auf den Boden lümmeln! Bedeutet das etwas?) wirklich wie Skelette ihrer selbst, aber damit wird nichts anderes erzielt, als die Schwächen des Stücks – so man sie als solche betrachten will – mit klappernden Knochen auszustellen.

Auf einmal fragt man sich, ob das sensible Getue des Kari noch auszuhalten ist, ob seine Schwester nicht unter die Kategorie „überzogene Theatercharge“ fällt, ob man den Stani (zumal beim Vorstadt-Zungenschlag, der dem Darsteller immer wieder passiert) wirklich als Prolo da findet, warum alle so viel Getue machen, etwa diese seltsame Helen’, was man einer modernen jungen Frau mit modernem Haarschnitt, die eigentlich die Verinnerlichung selbst sein sollte, dann gar nicht mehr glaubt – kurz, auf einmal stimmt nichts mehr. Und solcherart ist einem das ganze Getue um Herzenssachen und Herzensschlampereien, auch um Entfremdung und Selbstverständnis herzlich egal. Und das einst so stimmige Abbild einer österreichischen Gesellschaft mit all ihren Tiefen, Untiefen und Oberflächlichkeiten gleicht einem zerborstenen Spiegel. Was sieht man darin schon? Verzerrtes.

Schwierge  Kari knotzend  x

Michael Dangl ist nicht der erste Darsteller, der vom Stani (der er 2000 an Lohners Seite war) zum Kari mutiert, Peter Weck tat es, wie erwähnt auch (ob es dem derzeitigen Stani-Darsteller je gelingen könnte, möchte man bezweifeln). Dangl wirkt rollenadäquat zögerlich und verzagt, aber den ungewollten Charmeboy, den alle Frauen umflattern, macht er nicht wirklich glaubhaft. Um diesen Mann müsste wirklich ein faszinierendes Flirren sein – hier ist vor allem eine gewisse Trockenheit zu orten.

Ulli Maier (mit einer scheußlichen Weißhaar-Perücke, um die man sich dauernd Sorgen macht, sie könnte ihr vom Kopf fallen) spielt mit der Souveränität der Könnerin alles, was die Crescence an Pointen hat – diese wie unabsichtlich fallen zu lassen, das kann sie nicht. Dabei ist sie noch unterwegs, ein Genre zu kopieren, das nicht das Ihre ist – die anderen Darsteller geben sich diese Mühe gar nicht.

Schwierge  Maier x  Schwierge  Hasum x

Was an der geschätzten Alma Hasun soll eine Helene Altenwyl sein, die so gar nichts von dem besonderen Ausnahmegeschöpf hat, das Hofmannsthal über die Bühne schweben ließ? Diese junge Frau würde nicht so viele Umstände machen, wenn sie sich ihren Kari schnappen und abschleppen möchte.

Auch die Antoinette Hechingen ist eine „aufgelegte“ Rolle, und Pauline Knof spielt sie, ganz  in Rosa, nach Regel, wobei bei ihr wenigstens noch ein leiser Zauber dazu kommt: ein in die Enge getriebenes, gerne hysterisch reagierendes Weibchen, das alle gern haben und über die alle (außer ihrem wirklich dümmlichen Gemahl: Roman Schmelzer) den Kopf schütteln. Und die treue Zofe natürlich auch nicht (brav im Sinn einer Charge unterwegs: Therese Lohner).

Schwierge  Knof x  Schwierge  Krismer x

So muss man unter den Damen die Palme des Abends zu seiner eigenen Überraschung Alexandra Krismer geben: Selten hat jemand die Dümmlichkeit der Edine so exakt, so brillant ausgespielt: Die einzige, die wirklich in unsere Zeit reicht und in jeder „Seitenblicke“-Gesellschaft reüssieren würde. War das am Ende das Ziel der Inszenierung?

Für Matthias Franz Stein ist der Stani die große Chance, endlich die große Rolle nach Jahren treuer Dienste am Haus. Er zählt zur penetranten, gänzlich uncharmanten Interpreten-Sorte, aber in diesem Rahmen, wo ohnedies nichts stimmt (programmatisch nichts im alten Sinn „stimmen“ soll), ist das am Ende noch passend.

Als eklig intrigante Gegenwarts-Pflanze kann man auch den Neuhoff von Christian Nickel nehmen. Nobel zurückhaltend (wie Burgschauspieler von anno dazumal sie verkörpert hätten) sind Michael König als Altenwyl und Alexander Strobele, zweimal besetzt als alter Diener, der weiß, was sich gehört (Personalmangel in der Josefstadt?). Weiters dabei: Christian Futterknecht als peinlicher berühmter Mann, Wojo van Brouwer als nicht minder peinlicher Sekretär Neugebauer, Oliver Rosskopf als „Kretzen“ von neuem Diener. Dort, wo Hofmannsthal dick aufgetragen hat, um in den Nebenrollen Kontra-Positionen zur Figur des Kari zu schaffen, tut sich eine Inszenierung wie jene von Kica leichter. Aber letztendlich hat er nur das gute alte Porzellan zerschlagen und statt dessen ein paar Tassen aus einem Ikea-Laden hingestellt… Und – daraus schmeckt’s nicht.

Vielleicht ist Hofmannsthal wieder einmal den Versuch wert, ihn aus seiner Zeit zu begreifen und aus dem rückwärts gewandten Blick etwas für heute zu lernen.

Renate Wagner

 

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