Der Neue Merker

WIEN / Josefstadt: DAS MÄDL AUS DER VORSTADT

20161128_144647 Bühnenbild breit
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater in der Josefstadt: 
DAS MÄDL AUS DER VORSTADT von J.N. Nestroy
Premiere: 1.Dezember 2016 

Unter den rund 70 Stücken des Johann Nestroy gibt es ein sattes Dutzend von sehr, sehr guten, und „Das Mädl aus der Vorstadt“ von 1841 zählt mit Sicherheit dazu. Nicht nur, weil es in einem Strang der Handlung eine sehr wienerische soziale Realität aufzeigt und direkt auf Schnitzler voraus weist – junger reicher Mann aus besseren Kreisen sucht sich sein „G’spusi“ bei den materiell und vom sozialen Status her armen Mädeln aus der Vorstadt. Bei Schnitzler sind es dann die „süßen Mädels“, die ganz schön handfest sein können, die aber im besten Fall ein Hauch von Poesie und Zauber umweht, mit dem ihre Geschlechtsgenossinnen in der Stadt nicht mithalten können.

Genau so verwendet Nestroy – der wohl wusste, wie es in der Vorstadt zuging – in diesem Fall das „Mädl“ als Metapher des Reinen, Schönen, Besseren. Dass dergleichen im Theater in der Josefstadt nicht stattfindet, wenn Michael Schottenberg sich Nestroy hernimmt, war zu erwarten, wurde von der Josefstadt-Direktion wohl auch mit dem Engagement des ehemaligen Volkstheater-Direktors beabsichtigt.

Wie immer, wenn man Stücke historisch aus ihrer Welt herausholt und in eine andere Zeit versetzt, muss man natürlich gewaltsame Veränderungen vornehmen. Anfangs, im ersten Akt, merkt man es nicht so sehr. Der spielt zwar laut Ausstattung (Hans Kudlich / Erika Navas) in einem eher reizlosen Heute, weil man anfangs schließlich bei reichen Leuten wäre (später wird es noch viel, viel geschmackloser), aber wie die Frau von Erbsenstein herumzickt, das ist durchaus Nestroy’sch und eine witzige Leistung von Michou Friesz. Schottenberg gibt ihr einen Adlatus, der als Mann für alle Fälle mit ausländischem Zungenschlag agiert: Ljubiša Lupo Grujčić ist nicht nur der Schneider, der – weiß Gott, wie – unter ihrem Rock herumfummelt, er wird im zweiten Akt, wenn die Madame einen Auftritt à la Claire Zachanassian hinlegt, auch als ihr Bodyguard alles zerlegen. Immerhin darf die Erbsenstein sich am Ende dann menschlich so geläutert zeigen, dass man angenehm überrascht ist – tatsächlich steht sie ja für eine jener älteren Frauen, die meinen, dass man alles kaufen kann, auch die jungen Liebhaber.

20161128_131759 Mädl  20161128_131317 Erbesnstein
Daniela Golpashin,  Michou Friesz

Nochmals Geld, und zwar in seiner schmutzigsten Form verkörpert ihr Onkel, der Herr von Kauz, der aus seiner wohl gefüllten Brieftasche das junge Gemüse (um nicht zu sagen: das junge Fleisch) bezahlt – und der im übrigen durch Lug und Trug zu seinem Reichtum gekommen ist. Wie aktuell. Für diesen Kauz ist der herrliche Martin Zauner, der schon korpulenter war, derzeit eher zu schlank (weil sein Umfang auch im Text wieder angesprochen wird), aber sehr überzeugend als älterer Mann, der es nicht wahrhaben will (die Beispiele laufen im wahren Leben herum), und im übrigen mutiert der Nestroy’sche Spekulant wohl zu einem Anlageberater, der nur an seine Vorteile denkt, nicht an die seiner Kunden. Auch das, schon vom originalen Autor her, ganz heutig und sehr stimmig.

Die Figur des „Schnoferl“ (kommt von Schnüffeln), mit der an sich herrlich altmodischen Bezeichnung „Winkelagent“ (kennt sich in allen schmutzigen Winkeln der Gesellschaft und auch den verschiedenartigsten Winkeln der menschlichen Herzen aus), ist einst sogar von Nestroy mit dem versehen worden, was bei ihm nicht so häufig war: Gemüt. Wenn Schottenberg Thomas Kamper  für diese Rolle in die Josefstadt mitbringt, haben wir da – mit fettigem Haar, stechendem Blick, mephistophelischer Attitüde – einen durchaus unliebenswürdigen Zeitgenossen. Dass weder er noch die anderen die vielen kostbaren Pointen im Text bedienen – über die Ursache kann man nur spekulieren. Da man Schottenberg sicherlich keine mangelnde Nestroy-Kenntnis unterstellen will, ist es wohl Absicht, geht es wohl darum, das Stück von seiner teils brüllenden Komik weg zur Unfreundlichkeit zu schärfen. Wir sollen nicht lachen, es soll uns gruseln.

20161128_142436 Kauz  20161128_124638 Schnoferl
Martin Zauner, Thomas Kamper

Und das passiert ab dem 2. Akt mühelos, wenn das „Milieu“ gnadenlos verändert wird. Der gute „Pfaidler“ (darunter verstand man anno dazumal den Besitzer einer Weißnäherei) namens Knöpfel ist hier zu „Saftl, Besitzer einer Vergnügungsstätte in der Vorstadt“ geworden, kurz, ein schäbiges Privatpuff mit einer Reihe wirklich unattraktiv-abgerissener junger Damen. Hierher verlegt sich die Handlung, wenn der junge, reiche Herr von Gigl, der die alte Erbsenstein eigentlich nicht heiraten will, sich auf der Suche nach seinem idealen „Mädl“ begibt. Macht man Abstriche, dass dieser Gigl sozial aus einer „besseren“ Welt (sprich: reicheren Kreisen) stammen soll, ist Matthias Franz Stein mit seiner Prolo-Sprache hier noch immer besser aufgehoben als im „Schwierigen“ und stolpert halt, wie es Nestroy will, über seine Verliebtheit und Unbedarftheit.

Dass sein Mädl in Gestalt von Daniela Golpashin meist so betropetzt dreinsieht, dass sie leicht debil wirkt, verstärkt durch eine rote Zipfelmütze, als käme sie aus einem der „Sieben Zwerge“-Filme von Otto – das erledigt das Titelrollen-Traumgeschöpf, das Urbild des „Süßen Mädels“ als Theater-Poesie, vollends. Aber was hätte das Original in dieser Nestroy-Welt von Schottis Gnaden schon zu suchen?

Siegfried Walther und Susanna Wiegand stehen ihrem Puff überzeugend vor, die dort herumkreischenden Geschöpfe sind nicht der Rede wert, auf Musik wird weitgehend verzichtet (schon gar auf das berühmte Quodlibet des Stücks), wenn zu irgendwelchen dissonanten Tönen von Sabina Hank „gesungen“ wird, kleben sich die Darsteller Mikros ins Gesicht, die dann wieder abgenommen werden… kommt nicht drauf an, Desillusionierung ist Konzept.

Man dachte eigentlich, Anna Badoras Volkstheater habe vorige Saison im Zerlegen von Nestroy einen Tiefpunkt erreicht. Stimmt, soooo schlimm war es diesmal nicht. Aber wenn man Nestroy zertrümmert und aus den Stücken nichts aufbaut, was Sinn macht (wer wagt schon Unterhaltung über menschliche Schwächen einzufordern?), dann schleicht man auch recht – noch einmal das Wort – betropetzt aus dem Theater.

Renate Wagner

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