Der Neue Merker

WIEN / International Theatre: RELATIVELY SPEAKING

WIEN / International Theatre: 
RELATIVELY SPEAKING by Alan Ayckbourn
Premiere: 3. Mai 2012   
Besucht wurde eine Voraufführung

Andreas Mailath-Pokorny wird einst mit dem Beinamen „der Kultur-Killer“ in die Wiener Lokalgeschichte eingehen. In einem Kahlschlag ohnegleichen hat er in den letzten Jahren die ungemein reiche „kleine“ Szene Wiens bereits scharf reduziert, aber der Zerstörungswut ist noch kein Ende gesetzt. Frau Gabor wurde aus der Kammeroper geschmissen, angeblich soll Hubsi Kramar seinen originellen 3raum-Schauplatz verlassen, und mit Ende Juni wirft man Marilyn Wallace nach 32jähriger Tätigkeit aus dem von ihr und ihrem Mann gegründeten International Theatre Ecke Porzellangasse / Müllnergasse. Was nicht den modernen Mainstream bedient und verschmäht hat, sich politische Netzwerke der richtigen Couleur zu schaffen, findet bei der Gemeinde Wien keine Gnade.

Die vorletzte Produktion nach all den vielen Jahren gibt sich leichtfüßig, will keine Trauer aufkommen lassen: Lachen mit Alan Ayckbourn, einem der großen britischen  Boulevardiers. Sein Vier-Personen-Stück „Relatively Speaking“ (zu Deutsch als „Halbe Wahrheiten“ immer wieder gespielt) ist ein Meisterstück der Ökonomie – wie kann man, rein verbal (die Situationskomik ist da, aber sekundär) einen Theaterabend lang Missverständnisse über die Bühne jagen, die das Publikum zu seinem eigenen Vergnügen durchschaut, die Beteiligten allerdings nicht (oder erst gegen Ende?).

Da sind die leichtfertige Ginny, ihr seriöser Verlobter Greg, ihr alter Ex-Chef und Ex-Freund Philip, den sie besucht und der fix als ihr Vater ausgegeben wird, als Greg auftaucht, und Philipps Gattin Sheila, die ärgerlicherweise nicht, wie erwartet, in die Kirche gegangen ist, sondern es nun mit Gästen zu tun hat, von denen sie nicht einmal weiß, wer sie sind… Aber britische Höflichkeit waltet, und es ist ein teuflisches, schon ein wenig sadistisches Vergnügen zuzusehen, wie in ausgefeilten sprachlichen Wendungen und Pointen die Lügner zappeln und die Unschuldslämmer nichts begreifen…

Don Fenner hat dies in zwei so hübschen wie praktischen Bühnenbildern auf die schmalen Bretter des International Theatre gestellt, und ein Quartett reüssiert: Joanna Laverty lügt und lügt und lügt, Alan Burgon greift in seiner resoluten Ahnungslosigkeit ans Herz, Jack Babb als lüsterner Ehebrecher hantelt sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs entlang, und Laura Mitchell als betrogene Ehefrau schießt den Vogel ab: Beschwingt und liebenswürdig wie einst Queen Mum, ist sie bei aller Freundlichkeit und Höflichkeit nicht so dumm, wie alle meinen. Sie lässt das Publikum an ihrem großzügigen Begreifen des erotischen Qui-pro-quo ergötzlich teilnehmen…

Sicher, das ist „nur“ Boulevard, das International Theatre hat in den Jahrzehnten seiner Arbeit für Wien vieles mehr und vieles Anspruchsvolle gebracht (abgesehen von dem zur Institution gewordenen alljährlichen „Christmas Carol“): Man wird die kleine Bühne vermissen.

Renate Wagner

Till June 30, Thursdays, Fridays, and Saturdays
Curtain: 19:30

 

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