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by ac | 8. November 2011 15:22

Finale der Wiener Festwochen 2017: EIN ABGESANG AUF BÜRGERLICHE KULTUR

Kann man es als Verleugnung der heimischen Identität, als Weglegung eigener kultureller Kreativität ansehen? Die diesjährigen Wiener Festwochen haben sich von ihrer bisher gepflegten Kultur abgemeldet, haben dabei einen konträren Kurs eingeschlagen. 

Tomas Zierhofer-Kin, der neue Intendant dieses hochdotierten Unternehmens der Stadt Wien, hatte mit seiner Absicht, bei der Programmierung das bürgerliche Publikum ins Abseits zu führen, sein Ziel durchaus hoch gesteckt: „…. wir haben nicht einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Wir setzen auf Diversität, lassen unsere Gastkurator*innen aus Accra, New York und Berlin aus ihrer Perspektive heraus unser Programm bereichern.“ Die Wiener Festwochen seien für ihn Wiens fünfte Jahreszeit: „Kultur überall! Von Hoch- über Sub- und Gegenkultur ….“ um hier zu landen:“Ein Fest, das herrschende Denk- und Handlungsmuster in Frage stellt, aber auch Raum schafft für ekstatische Erfahrung.

Rauschhaft beglückend ist diese beworbene neue fünfte Jahreszeit heuer jedenfalls nicht ausgefallen. Der Erfolg einer Aufbauarbeit in die Richtung einer glaubwürdigen queeren Kultur-Szene ist den vielen kritischen Kommentaren nach nicht gegeben. Und distinguierte Hochkultur? War nur am äußersten Rand bemerkbar. Dagegen sind in vielen Kleinveranstaltungen überwiegend Randgruppen oder Freaks, vor allem Wortführer der aktuellen Gendergeneration präsentiert worden. Zierhofer-Kin hat seine Neigungen nicht verleugnet. Doch künstlerische Autoritäten mit nachhaltig wirkenden geistigen Geschenken haben sich in diesen Festwochen-Neue Jahreszeitwochen offensichtlich keine gezeigt. Bitte, natürlich, man mag im Programmtopf schon manch positiv schillernde Regenbogenfarben übersehen haben.

Österreichs einziger größerer Beitrag ist die im Schlepptau von Jonathan Meese mitgezogene Patchwork-Musik des Linzers Bernhard Lang für dessen Richard Wagner-Parodie „Mondparsifal Alpha 1 – 8“ gewesen. Großer theatralischer und finanzieller Aufwand für bescheidene drei Aufführungen im Theater an der Wien, untermalt von einem konvertiblen heutigen Sound, weit weg von pathetischen Wagner–Qualitäten. Titel und der Untertitel „Erzmutterz der Abwehrz“ scheinen nach psychologischer Überwachung zu rufen. Doch Meese ist ganz und gar kein Fall für den Psychiater: Gesund scheint er zu sein, frech und selbewußt marschiert er kreuz und quer herum um das Publikum zu manipulieren. Ja, so ist sie, die wahre Zeitgeist-Kunst: Diese veräppelte Mondgestalt Parsifal bietet wenig anderes als ein zwischen witzigen und banalen, zwischen passenden wie unpassenden Gags und Einblendungen pendelndes Assoziationsspiel zu dieser gedankenschweren Jahrhundert-Thematik von anno dazumal.

Einige weitere Absurditätenkabinette sind festwöchentlich offen gestanden. Etwa als Draufgabe noch dieses mit den neun barfüssigen brasilianischen Macaquinhons (Äffchen, Männchen und Weibchen). Vor dem sie umrundenten Publikum haben sie sich am Boden niederkauernd total entblößt. Das abschließende Festwochen-Kunstwerk hier: Der zuerst tastende, dann fest zupackende Griff in den Allerwertesten des Nächsten….. und in Schlangenlinien ist dieses recht fest verschmolzene Nackerpatzerlknäuel durch den weiten Raum gekreiselt, lautlos und ganz ohne zündende Samba-Rhythmen. Gedacht als eine gesunde Therapie für so manch zu konservativ eingestellten Wiener? Oder ist es von Zierhofer-Kin als Persiflage mit hinterlistigem Lächeln auf die politischen Verantwortlichen der Stadt Wien gemeint gewesen?

Meinhard Rüdenauer  

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AUSSTELLUNG IM „MOZARTHAUS VIENNA“: Mozart und seine Wiener Netzwerke (bis 14.1.2018)

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Leopold Mozart (links). Neben ihm Joseph Haydn. Copyright: Mozarthaus Vienna

Anders als etwa Johann Sebastian Bach, dem John Elliot Gardiner in seiner Monografie Bach. Musik für die Himmelsburg  bestätigt, absolut kein Netzwerker gewesen zu sein, sondern eher eigenmächtig und unbeirrbar seine innovativen und kühnen musikalischen Ideen umzusetzen, zeigt die neue Sonderausstellung im Mozarthaus Vienna uns Mozart als virtuosen Unternehmer. Kurator Manfred Wagner arbeitet heraus, wie Mozart von seinem Vater in Salzburg nicht nur das musikalische und intellektuelle Handwerk lernte, sondern auch tragfähige und weitreichende Netzwerke in vielerlei Gesellschaftsschichten hinein zu bilden. Leopold Mozart war beispielsweise, wo immer er sich aufhielt, auch ohne all die sozialen Medien von heute stets ausgezeichnet über die Verhältnisse in seiner Heimatstadt Augsburg informiert. Als aktiver Manager nutzte er die zur Verfügung stehenden Printmedien, um in geschickter Unternehmerstrategie etwa seine Violinschule oder auch die Konzertreisen mit seinen Kindern zu bewerben.

Als Wolfgang Amadeus Mozart 1781 nach Wien kam und den Schritt vom Salzburger Angestellten zum Wiener Unternehmer wagte, suchte er gleich am neuen Ort aktiv nach neuen Auftraggebern und hilfreichen Freunden, angefangen von Kaiser Joseph II über Militärs, Gelehrte, Künstler, Dichter, Theatermitarbeiter bis hin zu Freimaurern. Das Talent, Menschen für sich und seine Kunst einzunehmen, mit jedem aus der jeweiligen sozialen und beruflichen Schicht im richtigen Tonfall zu kommunizieren, half ungemein. Sein Streben nach der freien Entfaltung der Persönlichkeit, nach einer humanitären Geisteshaltung und nach menschlicher Vervollkommnung hat ihn sicher nicht all zu viele, aber doch ausgewählte und verlässliche Freunde finden lassen. Auch finanziell lohnte sich das Netzwerken, denn diese Freunde subskribierten seine Akademien und Konzerte, vermittelten Schüler, halfen so bei der Aufrechterhaltung seines Repräsentationsbedürfnisses und seines aufwändigen Lebensstils, denn nicht nur die Wohnungen waren in Wien teuer, auch der Erhalt der Instrumente kostete Geld. So kommunizierte er mit den verschiedensten Freundeskreisen individuell, nur anlässlich von Opernpremieren oder Akademien trafen Vertreter der verschiedenen „Cliquen“ aufeinander. Belegt ist, dass mindestens 40 Prozent der Konzert- und Opernbesucher Freimaurer waren, die Mozart somit unterstützten, ein Mehrwert, wenn man in solchen Verbindungen verkehrt. So ist verständlich, dass eine Vitrine den Freimaurern bzw. denen der Logen gewidmet ist, die Mozart besuchte: Die Loge Zur Wohltätigkeit mit ihrem Stuhlmeister, dem Publizisten Otto Heinrich Freiherr von Gemmingen, die Loge Zur wahren Einheit mit dem Stuhlmeister Ignaz von Born und die Loge Zur Neugekrönten Hoffnung.

Neben den Dokumenten und Silhouettenbildern von Johann Hieronymus Löschenkohl aus der Sammlung des Wien Museums sind beispielsweise eine wertvolle Schnupftabakdose aus Mozarts Besitz aus dem Jahre 1780 zu besichtigen, die Mozart als Geschenk für seine Leistung bekam. Ein bislang noch nie gezeigtes Gemälde von Christian Ludwig Seehas aus dem Jahre 1785, das Joseph Haydn zeigt und 2015 von der Joseph Haydn Privatstiftung in den USA angekauft wurde, ist bemerkenswert. Zwei Musikinstrumente runden die Ausstellung ab, ein Bassetthorn aus der Werkstatt von Franz Schöllnast und ein Englischhorn von Theodor Lotz, zwei Instrumente, die Mozart begeisterten und die gerade in seinen Freimaurermusiken zur Vollendung kamen.

Die Ausstellung ist zu sehen bis 14. 1. 2018

Beate Hennenberg

 
ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT FÜR MUSIKTHEATER (1090, Türkenstraße 19, Große Stiege links. Programm  – abzurufen unter www.iti-arte.at/musiktheater[1] . Telefon: 317 06 99. Auszug aus dem Programm: ( HAUS HOFMANNSTHAL: Infos: www.haus-hofmannsthal.at[2] , Tel. 714 85 33. _______________________________________
 
 Das Programm der STADTINITIATIVE WIEN (Konzerte im Ehrbar-Saal) ist im Internet unter www.stadtinitiative.at[3] ,  abrufbar. Tel.. 585 08 88, Mail. konzerte@stadtinitiative.at[4] .
Programminformationen über „LEO – Letzes erfreuliches Operntheater“ www.theaterleo.at[5].  
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  1. www.iti-arte.at/musiktheater: http://www.iti-arte.at/musiktheater
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  4. konzerte@stadtinitiative.at: mailto:konzerte@stadtinitiative.at
  5. www.theaterleo.at: http://www.theaterleo.at/
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