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WIEN/ ImPulsTanz: WILDE MISCHUNG AUS DER WUNDERTÜTE. ImPulsTanz mit bunten Actions von Jan Fabre und Michael Laub

ImPulsTanz mit bunten Actions von Jan Fabre und Michael Laub: WILDE MISCHUNG AUS DER WUNDERTÜTE

18.7.2017

Zwei arrivierte belgische Allround-Künstler haben am Beginn der Wiener ImPulsTanz-Reihe kräftig mitgemischt und den Ton angegeben: Jan Fabre und Michael Laub mit je drei Abenden ihrer theatralischen Actions, die als Multimedia-Shows und als eine aktuelle Art von Nummernrevuen mit abwechslungsreichen bunten Bilderfolgen bezeichnet werden können.

Zuerst der bekanntere Name – aber auch das nicht so ganz völlig beglückende Stück. Denn an die 230 Minuten ohne Pause (und auch einiges an Nonsens dazwischen) können schon ermüdend wirken: Jan Fabre als Konzeptgeber und Regisseur in Teamarbeit mit dem Performanceensemble Troubleyn und der Uraufführung von „Belgian Rules / Belgium Rules“. Fabre, ein trickreicher, sehr zielgerichteter Macher, holt sich hier aus der belgischen Historie die bekanntesten Künstlernamen – Pieter Breugel d. Ä. etwa, oder Jan van Eyck, Paul Delvaux – , um sie als Aushängeschilder und Inspirationsquelle für einfallsmäßig sehr unterschiedlich gelungene ‚Kapitel‘ zu nutzen. Mal amüsant parodierend, dann mit zuviel langatmig rezitiertem Geplapper (Johan de Boose schrieb die belgische Mentalität in negativer Weise ironisierenden Texten), dann wieder unnötig in die Länge gezogene Repetitionen der in ihren attraktiven Kostümierungen hüpfend aufmarschierenden sexy Majoretten oder Karnevalstänzer.

Was purzelt aus dieser Wundertüte heraus? Nicht nur in ‚Chapter 4‘ etwas geht es kreuz und quer: ‚Peter Paul Rubens (1577 – 1640)‘ steht über dieser Sequenz. Mit der Szenenfolge ‚Guns and Girls in Fur‘, ‚Pigeons Cleaning‘, ‚At the Beergym (it is forbidden)‘, schließlich noch ‚The Calvery‘, musikalisch schwankend zwischen U-Musik und Francois-Joseph Gossecs Totenmesse aus dem Jahr 1760. Resümee dieses dreieinhalb Stunden langen pausenlosen Spektakels: Lockere Assoziationen, interessante wie beiläufige, durchaus überzeugend in der bildhaften Gestaltung; eher banal Texte (überwiegend jedenfalls); Tanz minimal, recht kunstlos und stereotyp. Jedenfalls aber schon sehr groß: die Erschöpfung der Besucher.

Schöpferisch mit weit feinerer Sensibilität denkend inszenierte Michael Laub, der als Gestalter eines ‚postdramatischen Theaters‘ bezeichnet wird, seine sehr eindrucksvolle Szenenfolge „Fassbinder, Faust and the Animists“ mit siebzehn aus aller Welt zusammen gekommenen Schauspielern und Tänzern (ein Österreicher unter ihnen: der Grazer Lukas Gander). Faust ist zu hoch gegriffen, Rainer Werner Fassbinder ist sehr präsent, und the Animists in ihrer Naturbeseeltheit sind nur in Filmeinspielungen auf dem Video-Wall zu erleben. Fassbinders Kultfilm „Warnung vor einer kleinen Nutte“ aus dem Jahr 1971 bestimmt die künstlerischen Aussagen, gibt in gezeigten kurzen Ausschnitten die Intentionen vor. Laub arrangierte eine sehr präzise ausgespielte Folge geistreicher wie hintergründiger Sketches oder meist knapp gehaltener Szenen. Diese pikanten Spielchen als Paraphrasen eines von Fassbinder gezeigten zerstrittenen Filmemacher-Kollektivs werden immer wieder von Tanzepisoden in Fluss gehalten. Speziell von Vorführungen des Linedance Madison, die vom exzellenten Ensemble bewegungsmäßig super elegant und mit leeren Blicken getanzt werden. Die Dynamik stimmt, die Länge der Performance ist vielleicht übertrieben, und Fassbinders sarkastische Reflexionen aus diesen Jahren einer aufbegehrenden Generation mit ihren schillernden Hinterfragungen von Macht, Erwartungen, Enttäuschungen, Eitelkeiten, Sexualität, Unterwerfung, Perversionen und und und verfehlen im wirbeligen Ablauf der Statements nicht ihre Wirkung. Suggestive Bilder in einer wilden Mischung auch hier – Belgiens Theaterleute führen vor, wie es in der heutigen Szene auf unterhaltsame Weise weiter gehen kann.

Meinhard Rüdenauer 

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