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WIEN/ ImPulsTanz: LA VALSE von Raimund Hoghe. Andachtsstunden im Dreivierteltakt

25.7.2017: ImPulsTanz 2017: „LA VALSE“ VON RAIMUND HOGHE – Andachtsstunden im Dreivierteltakt

Zeitgemäßes Tanztheater mit einem anderen Aspekt: Raimund Hoghe aus Wuppertal, Jahrgang 1949, als Dramaturg jahrelanger Mitarbeiter von Pina Bausch und deren stilbildendem Wuppertaler Tanztheater, ist von Geburt an ein körperlich Behinderter. Als sensibler Ästhet ist er herangewachsen, und 1994 wagte er eine erste Performance für sich selbst. Eine Reihe von Piecen mit kleinen Besetzungen folgten, und 2016 kreierte er mit „La Valse“ eine dreistündige Andachtszeremonie im Walzertakt für sein in voller Hingabe stilvoll mitlebendes achtköpfiges Ensemble.

Hoghes tiefsinniges Credo zu seiner gestalterischen Arbeit, Pier Paolo Pasolinis Worten ‚den Körper in den Kampf werfen‘ folgend:  “ …. die Erinnerung von Geschichte, Menschen, Bilder, Gefühle und die Kraft der Musik, ihre Schönheit und die Konfrontation mit einem Körper, der – in meinem Fall – herkömmlichen Vorstellungen von Schönheit nicht entspricht. Auf der Bühne auch Körper zu sehen, die nicht der Norm entsprechen, ist wichtig – nicht nur mit dem Blick auf die Geschichte, sondern auch mit Blick auf Entwicklungen der Gegenwart, an deren Ende der Mensch als Objekt des Designs steht.“

Körperdesign in purer Ausformung und in überwiegend überzogen langsamen Bewegungsfolgen bietet Hoghes „La Valse“. Maurice Ravels traumhafte Walzerphantasie in einer Klavierfassung erklingt am Beginn, und in einem quasi als eine Art in völliger Ruhe ausgesponnenen Nummernepos folgen nun der Reihe nach zu wechselnden Musikstücken – Strauß-Walzer sind mit dabei, Chansons, gefühlvolle US-Songs, nicht nur im Dreivierteltakt – kleine Tanzsequenzen oder interessante sich ähnelnde Bewegungsabläufe. Gleichsam Charakterstudien, wiederholt solistisch ausgeführte und stets sehr besinnliche, mit extrem langsamen Drehungen, sich nachtwandlerisch formierenden Gruppierungen oder mit ätherisch durch die Lüfte tänzelndem Spiel der Hände –  zum Sinnieren lädt diese gehobene künstlerische Manier ein. 

Hoghe selbst schreitet dezent geziert über die Bühne, statiert mit roten Rosen oder einem roten Tuch in den Händen, liegt ausgestreckt am Boden, macht dabei zaghafte Schwimmbewegungen. Denn die Walzerästhetik wird hier leicht überstülpt mit gelegentlichen Einspielungen von Bootsgeräuschen und Dialogen von Schiffsflüchtlingen, ohne das diese aktuellen Probleme auch handlungsmäßig klar definiert werden. 

Der in diese edle Tanzmanier Eingeweihte und ihr willig Folgende wird irgendwann einmal nach dem als Solo zelebrierten Donauwalzer zwar nicht entlassen – doch man darf sich, der eigenen Stimmung folgend und bereits ohne Kraft zur weiteren Meditation, vorzeitig und in aller angemessenen Ruhe entfernen. Charakter und Stilgefühl dieser unzweifelhaft würdigen Andachtszeremonien im Walzertakt bleiben in nachhaltiger Erinnerung.

Meinhard Rüdenauer

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