Der Neue Merker

WIEN/ ImPulsTanz: DER GARTEN DER LÜSTE“ UND EINIGE SÜNDENFÄLLE MEHR. Eine Peepshow, durchaus ästhetisch zu genießen

10.8.2016: Finale im ImPulsTanz-Festival 2016: „DER GARTEN DER LÜSTE“ UND EINIGE SÜNDENFÄLLE MEHR

Eine Peepshow, durchaus ästhetisch zu genießen  

Letzte Angebote im dichten Programm der heurigen Wiener ImPulsTanz-Reihe, welche mit einem Final Workshop Showing am 13. August im Arsenal und einer Award Ceremony am 14. im Kasino am Schwarzenbergplatz schließt. Und mit einem Spaziergang durch den Garten der Lüste hat es jetzt noch eine amüsante Peepshow (dezenter: Körperschau) in einem interessanten Spektakel zu sehen gegeben. Der Aufhänger für die kanadische Choreographin Marie Chouinard: An den 500. Todestag von Hieronymus Bosch wird heuer mit exquisiten Ausstellungen in dessen niederländischer Heimatstadt ´s-Hertogenbosch so wie im Madrider Prado erinnert. Und dessen geniales Farbwunder-Triptychon „Der Garten der Lüste“ zählt schon zu den großartigsten Meisterwerken der europäischen Malerei der Renaissance. 

Mit Vogelgezwitscher beginnt das dreiteilige Lustgarten-Vergnügen in „Hieronymus Bosch: The Garden of Early Delights“ der zehn nackten (nicht total, doch so soll es wirken) und mit grauen Kreidefarben bemalten TänzerInnen der Compagnie Marie Chouinard. Groß wird Bosch´s Triptychon projiziert, Details der gespenstischen Visionen werden hervorgehoben. „Das Himmlische Paradies“ als erster Teil: Originell werden die rätselhaft gebliebenen Symbolismen von Boschs sich überbordender bunter Bildersprache und ihren Spukgestalten und Fabelwesen mit den Mitteln der aktuellen Körpersprache und von Verfremdungen tänzerisch, pantomimisch und mit hintergründiger Ironie gedeutet. „Die Hölle“ hierauf bietet Hysterie & schmerzhaftes Geschrei & auch übermäßig chaotisches Getümmel. Im „Garten Eden“ allerdings, dort hingegen scheint Fadesse eingezogen zu sein, dürfte sich die Phantasie verflüchtigt haben. Christliche Staffage. Und auch hier: Geschlechtertausch, ein andachtsvoll gnädiger weiblicher Gott und diverse Mutationen.

Die Moral von der getanzten Geschicht´? Wohl keine; vielleicht nur eine reizvolle bunte Luftblase. Doch klar lässt sich definieren: Nacktheit auf der Bühne, wenn gertenschlanke Figuren über die Bühne schwirren und dem Betrachter das ansprechende Gefühl einer durchaus ästhetisch zu genießenden Peepshow vermitteln, wird heute voll akzeptiert. Marie Chouinards Lüsternheits-Groteske wirkt jedenfalls nicht obszön. Und bezüglich der intensiv untermalenden Geräuschkulisse: Die Klänge der Renaissancemusik bewegen uns schon mit weit edleren Empfindungen als dieser hier intensiv eingesetzte surrende Computersound. So oder so in diesem künstlerisch feinsinnig gestalteten Sündenpfuhl: Hieronymus Bosch behauptet sich nun einmal als der Beste.

Meinhard Rüdenauer

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