Der Neue Merker

WIEN/ ImPulsTanz/ Aula der Akademie der bildenden Künste: DER MENSCH – A L L E I N. Liz King und Catherine Diverrès als Performerinnen

Liz King und Catherine Diverrès als Performerinnen bei ImPulsTanz: DER MENSCH  –  A L L E I N

Es ist eine besonders interessante Gegenüberstellung zweier hochsensibler tanzender/performender reiferer Damen gewesen: ImPulsTanz präsentierte knapp aneinander folgend Liz King in der weiten Aula der Akademie der bildenden Künste und hierauf die Französin Catherine Diverrès im Odeon. 

LIZ KING und „Out of Life“: Ja, die kurzlebige Kunst des Tanzes ist allzu schnell wieder vergessen. Die seit vier Jahrzehnten in Österreich lebende Engländerin Liz King ist eine der ganz wesentlichen Choreographin und Mitgestalterin in den Aufbruchsjahren des heimischen Modern Dance gewesen. Ihr Tanztheater Wien hatte in den 80er Jahren in dem kleinen Kreis dieser Szene Furore gemacht. Sie leitete dann das Ballett Heidelberg, war vier Saisonen Chefin des Balletts der Wiener Volksoper, welches in dieser Zeit ausschließlich auf zeitgenössische Kreationen ausgerichtet war. In das Burgenland ist sie hierauf gezogen, hat  2005 das Choreografische Zentrum Pinkafeld gegründet, welches nun von ihr als D.ID Dance Identity  geleitet wird.

„Out of Life“ ist typisch für Liz King: Es ist kein richtiges Stück. King achtete zwar immer auf elegante tänzerische Sequenzen und Spannungsbögen, offensichtlich aber kaum auf zwingende Dramaturgie. Zu freier und phantasievoller Bewegungsentfaltung hat sie ihre Tänzer hingeführt, und so ist auch Wirkung diese einstündige Performance mit ihr – sie selbst sehr distinguiert einleitend im Prolog posierend – und fünf TänzerInnen gewesen. Ihre Intention: „Es ist ein Versuch, all die Motive und Symbole, die im aktuelle Tanz verwendet werden, zu verstehen.“ Und: „Wo steht der Tanz heute? Wie möchten Menschen sich bewegen? Es liegt eine große Freude im Entdecken natürlicher Bewegungen und der einzigartigen menschlichen Verbundenheit mit diesem angeborenen Vermögen.“ Nun, solche Worte passen auch zu nicht wenigen Angeboten der ImPulsTanz-Veranstaltungsreihe.

Hier in der Akademie der bildenden Künste, in der die korrekte Kunst des Aktmalens gepflegt wurde, studierte Liz King mit ihrer kleinen Schar unterschiedliche Bewegungsstudien ein. Zumeist Soli und Selbstdarstellungen, wiederholt ganz ohne Action, schließlich auch einige ästhetische Gruppierungen. Quasi improvisierend, zumeist ruhig und mit langem Atem ausgeführt, mit gewundenen Körpern, nachdrücklich formenden Attitüden der Händen, untermalt von wechselnden Musikpiecen von romantisierendem Operngesang bis zu schmissigem Sound. Eine Stunde tänzerischen Freistils – aber völlig ohne Brutalität.

CATHERINE DIVERRÈS hat in faszinierender Weise, in Perfektion und Hingabe, zwei ihrer halbstündigen anspruchsvollen Solopiecen präsentiert. Nicht so leicht verständliche für weniger Eingeweihte, doch es sind von einem unglaublich sensiblen wie einfallsreichen Darstellungswillen geprägte Charakterstücke. Jede der sich sehr oft blitzschnell ändernden Posen, Positionierungen, Situationswechsel ist penibel ausgeklügelt. In dem Solo „Stance II“ (Ausführende: Pilar Andrès Contreras) assoziiert Diverrès zu einem Gedicht von Pier Paolo Pasolini – seine Stimme ertönt vom Band – und spröder Klaviermusik über Kontraste zwischen Armut, Leid italienischer Landbevölkerung und ästhetisierendem Verlangen. „O Sensei“ (Meister) ist ihrem Vorbild Kazuo Ohno, dem Mitbegründer des japanischen Ausdruckstanzes Butho (‚Tanz der Finsternis‘), gewidmet. Zuerst im Alleingang Katja Fleig, total maskulin, als der  Meister, das Vorbild, hierauf folgend Diverrès, die ihn Verehrende, den eigenen Weg Findende. Alles ist extrem expressiv und dicht durchgestaltet, lässt an die tanzenden Einzelgänger der Jahre des Expressionismus denken. Kein Freistil hier, sondern glasklare Präzison in der Darstellung. Aber auch: Der Tänzer, der Mensch – er muss sich allein durch den Raum bewegen.     

Meinhard Rüdenauer  

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