Der Neue Merker

WIEN: GYPSY und weitere zwei Musical-Premieren in Wien

Drei Musical-Premieren zum Saisonauftakt in Wien – FENDRICH & POLANSKI ‘RELOADED‘

Reloaded. Neu geladen – nachgeladen – wieder geladen – umgeladen. ‚Reloaded‘ ist ein neues Modewort in der Musikszene, weltweit. ‚Mozart reloaded‘ oder ‚Verdi reloaded‘ und so ähnlich ist zu hören. Mozart frisch aufgeladen. Dabei muss es gar nicht so weit bis in die Klassik der Musikgeschichte zurück gehen. Wie etwa für diese drei Musical-Premieren, welche zu Saisonbeginn in Wien zu erleben sind – ‘reloaded‘ mag hier auf ironisierende Weise durchaus zutreffend sein. 

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„Tanz der Vampyre“. Copyright: Herwig Prammer

Die Vereinigten Bühnen Wien laufen auf dieser Schiene. Reloaded wird nach 20 Jahren die erneute Einstudierung von Roman Polanskis Erfolgsinszenierung von „Tanz der Vampire“, damals originell seinem Kultfilm folgend und fein untermalt mit der Musik von Jim Steinman (Premiere: 30. September im Ronacher). Reloaded werden auch die vielen guten Hits – die Besten aus den 80er Jahren – des Rainhard Fendrich in der Musical-Fassung „I Am From Austria“ (ab 16. September im Raimund Theater). Hier werden nach dem auf ganz leichte Kost hinzielenden Buch von Titus Hoffmann und Vereinigten Bühnen Wien-Intendant Christian Struppeck echte Schlager wie „Macho Macho“, „Es lebe der Sport“ oder „Tango Korrupti“ in einer (nicht von Fendrich erstellten) musikalischen Bearbeitung zu hören sein. Auch wenn Fendrich, nun in reiferen Jahren, sich ein kleinwenig distanziert zeigt. Im O-Ton kommt es aus ihm heraus: „Im Seichten kann niemand untergehen“. Doch das Seichte bietet dem Großteil des Publikums ein leicht begehbares, leicht zu reflektierendes Niveau. Somit sei bereits mit aller Sicherheit vorausgesagt: Alle der knapp zwei Dutzend Fendrich-Hadern sind starke Nummern geblieben.

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Maria Happel. Copyright: Wiener Volksoper/ Michael Pöhn

Auch die Erstaufführung von „Gypsy“ in der Volksoper ist ganz und gar keine Novität, sondern ein gefällig aufbereitetes älteres Broadway-Spektakel. Dieses relaodete „Gypsy“ ist durchaus ein interessanter Fall. Als ein New Yorker Erfolgsstück aus dem Jahr 1959 reüssierte es allerdings nur in den englischsprachigen Ländern. Broadway-Granden sind die Schöpfer von „Gypsy“ gewesen: Stephen Sondheim schrieb die Liedtexte für Hit-Garant Jules Styne (Evergreens wie „Diamonds Are Forever “ oder „Drei Münzen im Brunnen“), Jerome Robbins choreographierte. Allerdings,  die Story hat in der jetzigen deutschsprachigen Fassung ihre Längen. An Turbulenzen in einer bunten Bilderfolge und an originellen Show-Szenen mangelt es nicht. Doch zu viele, zu lange Dialoge lassen kaum Spannungsbögen entstehen.

Dies mag  auch an der nicht besonders beglückenden Gesangskunst einiger der Mitwirkenden liegen. Dirigent Lorenz C. Aichner versteht, den guten Schauspielern ihre stimmlichen Bemühungen nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Absolut perfekt: die Körpersprache, der Spielrhythmus, alle Bewegungsabläufe in den burlesken Szenen (Regie: Werner Sobotka, Choreographie: Danny Costello). Und Stephan Prattes hat locker wechselnde originelle Bühnenbilder hingestellt. Maria Happel wirft sich mit all ihren überzeugend starken Emotionen in die Partie der von ungutem Ehrgeiz zerfressenen Mama Rose, welche ihre beiden Töchter (Marianne Curn, Lisa Habermann) mit allen Mitteln zu Showstars trimmen möchte. Funktioniert nicht so ganz. Im Gegenteil, beide entkommen der Fuchtel ihrer Mutter. Hat auch Tiefgang, wirkt aber auf nette Art eine kleine Spur zu spekulativ aufgezäumt.

Meinhard Rüdenauer

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