WIEN / Durchhaus: BASH

by R.Wagner | 19. März 2017 23:41

Bash x~1

WIEN / Durchhaus:
BASH von Neil LaBute
Premiere: 16. März 2017,
besucht wurde die Vorstellung am 19. März 2017 

Zuerst erstaunt wie alt das Stück ist, genauer gesagt die drei Einakter von Neil LaBute, die unter dem Titel „Bash“ zusammen gefasst sind. 1999 uraufgeführt, von Peter Zadek 2001 zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht, hat man „Bash“ schon im gleichen Jahr bei den Wiener Festwochen gesehen – mit der erschütternden Wirkung, die der Abend auch heute wieder erzielt. Wobei man sich gut vorstellen könnte, dass der Autor brandaktuell Menschen aus Trumps Amerika zeichnet…

Drei Monologe, ein Dialog. Peter Gruber hat für seine Produktion, die im „Durchhaus“ in der Werdertorgasse gezeigt wird (ein reizvoll verrotteter Spielraum), dramaturgisch eingegriffen. An sich ist vorgesehen, dass der Mann in „Iphigenie in orem“ seine Geschichte erzählt, dann das Paar mit „eine Meute von Heiligen“ kommt, am Ende die Frau ihr „Medea redux“-Schicksal ausbreitet. Iphigenie und Medea – es geht um Eltern, die ihre Kinder morden. Und interessanterweise finden die Täter (wie ihre antiken Vorbilder übrigens, deren Motivationen sie interessant genau folgen!), dass sie recht hatten und nicht anders handeln konnten… In dieser Aufführung erzählen Mann und Frau ihre Geschichte nebeneinander, abwechselnd, ohne dass sie sich allerdings dramaturgisch verstricken. Andererseits hat die Erfahrung gezeigt, dass der Frauenmonolog allein am Ende nach den zwei anderen Stücken abfällt. Insofern ist es auch eine für den Autor günstigere Lösung…

Worum geht es? Dass der Autor uns scheinbare Durchschnittsmenschen hinstellt, deren „Normalität“ man anfangs glatt auf den Leim gehen würde. Der Geschäftsmann, der erzählt, wie hart das Berufsleben ist. Wie tragisch der Tod seiner kleinen Tochter war. Welch ein Unglück. Aber wie bei einer Zwiebel schält sich Schale um Schale von der Geschichte, und je näher man dem Kern kommt, umso unbehaglicher wird man gewahr, wem man da gegenübersteht. Mit der Frau, die berichtet, dass sie als Teenager von einem Lehrer verführt und von ihm sitzen gelassen wurde, als sie schwanger war, liegt der Fall ähnlich: Fast möchte man sie bedauern, bis man merkt, wozu sie fähig ist.

Und das junge Paar nach der Pause auch – scheinbar so glücklich, scheinbar so fröhlich, und trotzdem hat er lustvoll in einem Pissoir im Central Park einen Schwulen erschlagen, weil er ihn so abstoßend fand. Und alle, alle sind eigentlich ganz zufrieden mit sich, kein Hauch von Selbsterkenntnis oder gar Reue trübt das Wissen, dass sie doch schließlich ganz recht haben, nicht wahr?

Das Entsetzen muss aus der Normalität wachsen, und das schaffen die beiden Darsteller Eric Lingens und Lilian Jane Gartner: So ein sympathischer, offenbar seelisch bedrängter junger Mann, eine so bedauernswerte junge Frau… Wenn sie dann nach der Pause auf einer anderen Spielebene des Durchhauses zum Paar mutieren, gelingt es der Darstellerin, in hektisch-überdrehter Fröhlichkeit einen gänzlich anderen Menschen auf die Bühne zu stellen, während Lingens in beiden Rollen mehr oder minder dasselbe sprachliche und gestische Repertoire abspult.

Die Wirkung bleibt. Neil LaBute macht klar, wie den Menschen die Erkenntnis von Gut und Böse, Recht und Unrecht abhanden gekommen ist. Das ist ein Dramatiker, der Entsetzen zu erregen vermag. Und das will er wohl auch.

Renate Wagner

Vorstellungen Do, Fr, Sa, So 19,30 Uhr,
Anti-Galerie DURCHHAUS, Werdertorgasse 17,1010 Wien

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