Der Neue Merker

WIEN / Die Wiener Taschenoper in the MuTh / Augarten: DER KLEINE HARLEKIN

 WIEN / Die Wiener Taschenoper in the MuTh / Augarten: DER KLEINE HARLEKIN

23.9. 2017, Nachmittag – Karl Masek

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Der kleine Harlekin mit der Klarinette  – Merve Kazokoglu (C: Dimo Dimov)

Karlheinz Stockhausen und Oper für Kinder: Das hatte ich bisher nicht in Verbindung gebracht.

Doch MuTh („Musik & Theater“) am Augartenspitz schließt vorerst einmal eine musikalische Bildungslücke. Der Pionier elektronischer Musik und ‚Inspiration ganzer Künstlerzirkel von Joseph Beuys bis hin zu DJs der Techno-Generation‘, von anderen wiederum heftig abgelehnt wegen seiner exzentrisch-esoterischen Sichtweisen, hat tatsächlich auch für Kinder geschrieben.

Die Wiener Taschenoper zeigt insgesamt viermal (für Kurzentschlossene: 24.9. um 16:00 Uhr – Karten gibt‘s noch!; – dann Schulvorstellungen am 25./26.9., jeweils 10:00 Uhr) eine Koproduktion des 60-Minuten-Stücks mit dem Opernhaus Graz, der Bayerischen Staatsoper und des Natalia Sats-Theater Moskau. Diese Produktion war zuletzt 2013 in Wien zu sehen. Nach szenischen und dramaturgischen Änderungen erlebt sie nun ihre ‚Zweite Premiere‘.

Der Inhalt im Telegramm-Stil: ‚Der kleine Harlekin‘ ist ein schalkhaftes Mädchen, spielt tänzerisch anmutende Klänge auf der Klarinette und „Körperinstrumenten“, wie die Musiklehrer sagen würden (mit Bühnenpräsenz und hinreißender Pantomime: Merve Kazokoglu). Es durchstreift die Welt , begegnet einem guten Engel (‚Michael‘: Paul Hübner, Trompete) und einem bösen Engel (‚Luzifer‘: Stephen Menotti, Posaune), freundet sich mit einem ‚Jungen‘ an (Roman Schellnegger, Bratsche). Die kindlich-scheue, liebevoll-neckische Annäherung der beiden ist dem bösen Luzifer garnicht recht… In der Sequenz ‚Sirius‘ gibt es für die Kleinen und auch etwas Größeren besonders viel zu sehen: Ein Raumschiff kommt geflogen (Michael Tiefenbacher, Synthesizer, Stimme), eine Weltkugel rollt herein und gibt Luzifer nochmals die Gelegenheit zu einem effektvollen Auftritt. Ein feuerspeiender Drache liefert sich einen Kampf mit dem ‚guten Engel‘ Michael – und verliert. Michael und ein ‚Sternenmädchen‘ – der vormalige Harlekin, nun mit satt-weichen Bassetthornklängen!) – tanzen und umkreisen einander  und starten eine ‚Mission‘ in noch unentdeckte Weiten des Weltalls…

Wer‘s mit Stockhausens Esoterik nicht so hat, kriegt da (als Erwachsener) vielleicht ein „Problem“.

Doch, halt! Carlus Padrissa gibt in seiner Inszenierung den kleinen und großen Kindern viel zu schauen. Der Regisseur der katalanischen Theatertruppe La Fura dels Baus (berühmt durch bildmächtige Arbeiten von „Fausts Verdammnis“, Salzburger Festspiele 1999, den „Ring“, Valencia 2007 und die UA der Widmann-Oper „Babylon“, München 2012) zaubert eine Fantasy- und Science-Fiction-Szenerie, dass einem Augen und Mund offen bleiben. Vor allem im zweiten Teil wird an Effekten und optischen Reizen nicht gespart. So einen ‚Feuerzauber‘ hab ich bei Walküre-Aufführungen noch nicht gesehen! Das Bühnenkonzept überzeugt (Bühne: Roland Olbeter, Video: Franc Aleu, Kostüme: Chu Uroz, und wirklich toll die Pyrotechnik von Thomas Bautenbacher und das Lichtdesign von Reinhard Traub).

Stockhausen
Schlussvorhang – Tiefenbacher, Schellnegger, Kazokoglu,Hübner, Menotti (C: Andrea Masek)

Eine Kinderoper? Überhaupt eine Oper?  Ich würde sagen: Pantomimen-, Klang- und Bühnentheater trifft es eher. Stockhausen findet ohne Gesang das Auslangen – und da fehlt (dem Erwachsenen) eine nicht ganz unwesentliche Dimension: Der Gesang…

Nochmals, halt! Geschrieben ist‘s für Kinder – und die gehen über weite Strecken hinreißend mit!

Ist halt so: Kinder sind ein wunderbares Publikum, das bei jeder pantomimischen Pointe reagiert und mit Lachern ganz präzis ist! – und auch ein spontan-kritisches Publikum, welches bei Längen (musikalisch gab‘s die mitunter!) Langeweile signalisiert, dann auch halblaute Kommentare abgibt – oder einige müssen dann gaaaanz schnell aufs Klo

Theater der Emotionen war es allemal für die Kids (an diesem Nachmittag von drei Jahren aufwärts). Pauschallob für alle fünf Protagonist/innen! Und meine beiden Sitznachbarn? Der vielleicht Vier-, höchstens Fünfjährige war gebannt, konzentriert – die ganze Zeit. Der ihn begleitende Großvater gönnte sich auch ein kurzes Nickerchen.

Nach Abflug des Raumschiffs viel Zustimmung des Publikums. Heller Jubel, Pfeifen. Ein Erfolg, auf jeden Fall.

Mit dem Start des neuen Zyklus „Kinderoper in the MuTh“ seit September 2017 leisten Direktorin Elke Hesse und ihr Team  unbezahlbare Zukunftsarbeit, ein junges Publikum mit Kultur, mit klassischer Musik, Theater, Tanz, mit Crossover-Programmen im weitesten Sinne, zu begeistern.  Ein Gastspiel der Zürcher Oper mit „Hexe Hillary geht in die Oper“ (13./14.1. 2018), die neue Produktion des Oberstufenrealgymnasiums der Wr. Sängerknaben (Humperdincks Oper „Dornröschen“,  2./3.12. 2017, die Wiederaufnahme von Brittens „The little sweep“ mit den Wr. Sängerkaben, Ende Februar 2018 und vieles andere soll Gusto machen auf Besuche im MuTh! Erfreulich ist der Zustrom. Das Publikum zieht mit!

(Hier noch Kontaktdaten: Tel.: +43(0)1 347 80 80

tickets@muth.at)

Karl Masek

 

 

 

 

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