Der Neue Merker

WIEN / Burgtheater: TORQUATO TASSO

Tasso_112 er in der Kugel
Alle Fotos: Copyright: Burgtheater / Georg Soulek

WIEN / Burgtheater
TORQUATO TASSO von Johann Wolfgang Goethe
Premiere: 24. September 2016,
besucht wurde die Vorstellung am 28. September 2016  

Man dreht und wendet, man zerlegt und zerstückelt, man probiert aus, was sich nur ausprobieren lässt. Zwei (angebliche) Prinzessinnen in clownartigen Gewändern aus großen Quasten (haben so nicht einmal Fasolt und Fafner ausgesehen?) ratschen Text herunter. Einen (angeblichen) Herzog hält man in seiner Attitüde auf den ersten Blick für Nosferatu, einen Stab mit Totenkopf schwingt er immer. Ein nicht mehr ganz junger Mann druckst herum und gibt vor, Tasso zu sein. Besonders seltsam wird der Auftritt des Antonio, ein Mann, dessen kühle Distanziertheit Teil der Problematik eines gewissen Stücks wäre: Hier tritt ein hyperaktiver Clown auf, der wie ein Teufelchen aus der Schachtel entsprungen wirkt, kein normaler Ton, keine normale Geste.

Mit Goethes „Torquato Tasso“, der da am Spielplan des Burgtheaters ausgewiesen wird (Papier ist geduldig), hat das wenig bis gar nichts zu tun. Da geht es um einen Dichter, der sicherlich nicht nur gute Eigenschaften hat, aber doch dafür zu bedauern ist, dass er sich – Kunst geht nach Brot – an einem Hof (in einer Gesellschaft) einfügen muss, teils umschwärmt, ebenso angefeindet, in jeder Sekunde der Unsicherheit ausgeliefert, schon weil er sich nicht imstande fühlt, das große Spiel der allgemeinen Heuchelei mitzumachen.

Davon spricht die Inszenierung von Martin Laberenz, die viel zu sehr in ihre Mätzchen verliebt ist, nur andeutungsweise. Ihm ging es vor allem darum, die Menschen und die Sprache zu verbiegen und die Aktionen bis zu einem Grad zu radikalisieren, wie das „ka Goethe g’schrieben“ hat. Aber wen schert das schon heutzutage?

Tasso_204s das Ensemble

Diese Geschichte Tassos findet im Burgtheater in einer Art Skulpturenpark statt (Bühnenbild: Volker Hintermeier, dazu Kostümalberei von Aino Laberenz), Tasso in einem Museum der Moderne, das ihm auch ermöglicht, gelegentlich auf eine ganz große Holzkugel zu klettern und in deren Gestänge zu monologisieren. In dieser Welt ist Leonore von Este nicht mehr der Inbegriff der züchtigen Frau, die weiß, was sich schickt, im Gegenteil – sie geht Tasso regelrecht an die Wäsche, reißt sich selbst die Kleider vom Leib, Beischlaf. (Dafür muss sie sich am Ende von ihm fast umbringen lassen – man vermutet glatt, er habe sie erwürgt, als sie dann doch aufsteht und weggeht.)

Dass Tasso nach dermaßen Sex im Bühnenhintergrund die längste Zeit in der Unterhose dasteht, auch von Antonio solcherart gefunden wird, stört niemanden. Die Abneigung der beiden wurde schon bei der ersten Begegnung so penetrant überdeutlich gemacht, dass man sich nicht wundert, wenn sie dann nicht nur verbal, sondern auch handgreiflich auf einander losgehen. Hallo, Leute, wird sind nicht im späten 16. Jahrhundert in Ferrara – und überhaupt, wer weiß denn, wie die Menschen sich dort aufgeführt haben! Eben.Vielleicht hätte Leonore Sanvitale dort auch ein Schaumbad im gepardengefleckten Badeanzug genommen und sich zum Umziehen (Antonio hält ihr ein Tuch vor) erst mal nackt ausgezogen. Auch diese Dame hat ein Recht auf  ihr sexuelles Geplänkel in Richtung Publikum…

Was zu beweisen war: So wie Goethe seinen „Tasso“ geschrieben hat, funktioniert er offenbar nicht mehr richtig. Da muss man für heute schon was tun. Die Inszenierung von Martin Laberenz gibt sich so klischiert heutig, wie es nötig ist, um zum Berliner Theatertreffen eingeladen (oder für ein paar „Nestroys“ nominiert) zu werden: Und darauf kommt es heutzutage wohl an?

Was soll man zu Schauspielern sagen, die absichtsvoll nicht die Psychologie der originalen Goethe’schen Figuren suchen, sondern diese allein durch ihre Sprachbehandlung in die Flucht jagen? Die Verballhornung durch allgemeines Schnellsprechen geht so weit, dass man es oft nur mit einer Klang-Melasse zu tun hat, wobei Musikerin Friederike Bernhardt, mit Schirmmütze am Bühnenrand, an irgendeiner elektronischen Reglerbrett für die musikalische Untermalung sorgt. Da kann man dann gar nichts verstehen, aber Tasso darf auch in veits-ähnlichen Zuckungen herumtanzen…

Tasso_die beiden im Quastenkleid  Tasso_206s er

Dieser Tasso ist, bebrillt, Philipp Hauß. Warum ein Dichter von heute dem Herzog (hätte man nicht einen Verleger aus ihm machen können?) noch einen Packen Papier als Manuskript übergibt statt einer Diskette, ist eigentlich nicht einzusehen. Man wird das Gefühl nicht los, Hauß hätte einen interessanten Tasso liefern können, wenn er die Ruhe bekommen hätte, die Figur zu entwickeln. Aber gerade bei ihm ist die sprachliche Hetzjagd zum Prinzip erhoben – ein Monolog vor der Bühne wird solcherart zum Virtuosenstück, das Applaus evoziert, statt dass man den Kopf darüber schüttelt, dass dem Zuseher solcherart das Mitdenken der Goethe’schen bzw. Tasso’schen Gedanken schlechtweg unmöglich gemacht wird…

Die Damen lassen sich in Sprachverballhornung auch nicht lumpen, Andrea Wenzl als Leonore von Este mit ihrem gewissen mauligen Sprachduktus (und relativ geringer Verständlichkeit), aber großer sexueller Aktivität, und Dorothee Hartinger, die als Leonore Sanvitale mit schnarrend-scharfer Sprache Goethes Text direkt in die Alltagsverballhornung jagt.

Ignaz Kirchner war ein Herzog ohne weitere Eigenschaften, dafür hatte Wien-Debutant Ole Lagerpusch als Antonio zu viele: So künstlich verrenken musste sich schon lange niemand auf der Bühne – keine Frage, dass er es ebenso  schaurig wie sinnlos virtuos tut. Dass alle immer wieder aus den Rollen fallen und Text, Figuren und Stück verblödeln – kommt es darauf an?

Müssen wir deshalb wegen einer Todsünde gegen Goethe jammern, klagen und schimpfen? Irgendwie ist man der Sache als Zuschauer müde. Spielende Kinder haben unsere Bühnen übernommen, die Erwachsenen sind ausgestorben. Wenn beim „Zerlegen“ etwas kaputt geht – wen schert es noch? Goethes „Tasso“ ist greifbar für den, den’s interessiert: ob in der Gesamtausgabe bei Opa, ob als Reclamheft, ob im Internet. Und Goethe hat Tasso auch den schönen Satz für Kritiker in den Mund gelegt, mit dem der Regisseur das Stück enden lässt: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“

Renate Wagner

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