Der Neue Merker

WIEN / Burgtheater: SCHLECHTE PARTIE von Alexander Ostrowskij . Premiere

Schlechte_Partie_Gellschaftsszene 2~1
Fotos: Copyright Reinhard Werner/Burgtheater

WIEN / Burgtheater:
SCHLECHTE PARTIE von Alexander Ostrowskij
Premiere: 21. Oktober 2017,
besucht wurde die öffentliche Voraufführung

Im Gegensatz zu Tschechow, vergleichsweise aber auch mit Gorki oder Turgenjew, zählt Alexander Ostrowskij (1823-1886) hierzulande zu den wenig gespielten unter jenen Dramatikern, die Russland im 19. Jahrhundert so reich und qualitätsvoll hervorgebracht hat. Gelegentlich sieht man von ihm „Der Wald“ oder auch „Wölfe und Schafe“, das „Gewitter“ ist die Geschichte von Katja Kabanova, und „Eine Dummheit macht auch der Gescheiteste“ kennt man als Titel.

Doch von den meisten seiner 48 Stücke, hauptsächlich Gesellschaftskomödien, weiß man kaum etwas. Und die „Schlechte Partie“, die das Burgtheater nun bietet, war hierzulande gänzlich unbekannt. Anzunehmen angesichts der neuen Übersetzung wäre, dass es sich dabei um das Stück handelt, das sonst unter dem Titel „Die arme Braut“ oder „Mädchen ohne Mitgift“ gespielt würde, aber da stimmte das vom Burgtheater als Uraufführung angegebene Datum (1878) nicht. Egal – Ostrowskij ist bei seinem Thema, den Reichen, den Armen, den Fängen der Gesellschaft – und den entsetzlich ekelhaften Menschen, die es da gibt.

Kurz gesagt: Da mag ein junges Mädchen noch so schön sein, dass den Männern jeden Alters das Wasser im Mund zusammen läuft, wenn sie keine Mitgift hat, die Familie arm ist, ist sie eine schlechte Partie und hat keine Chance, sich aus der miesen Partie von Männern, die sich um sie scharen, eine gute Partie herauszupicken… Dies geschieht Larissa Dmitrijewna, die man zusammen mit ihrer Mutter Charita Ignatjewna Ogudalowa zwar in einer doch recht aufwendigen Großbürgerwohnung kennen lernt, aber Mama muss doch – es ist unglaublich peinlich – jeden reichen Besucher anschnorren. Wieso die offenbar vaterlose Familie so verarmt ist, weiß man nicht (in einer Szene erfährt man nur, dass eine andere Tochter mit Gatten im Kaukasus verschollen ist, wieder eine andere mit ihrem ausländischen Gatten mit Schulden in Monte Carlo gestrandet). Nur, dass die Mama noch alles tut, um reiche Männer ins Haus zu laden… in der verzweifelten Hoffnung, irgendjemand könnte anbeißen.

Anfangs fächert Ostrowskij bei einem Geburtstag von Larissa die Besucher auf – Mokij Parmenowitsch Knurow, uralt, tattrig, durchaus bereit, Geld springen zu lassen, aber natürlich verheiratet; Wassilij Danilowitsch Woschewatow, ein eisern rechnender Kaufmann; dann treibt sich, von allen verachtet, der Postbeamte Julij Kapitonowitsch Karandyschew herum, der tief in Larissa verliebt ist; und dann erscheint der Hoffnungsträger – Sergej Sergejewitsch Paratow, der Mann mit den vielen Schiffen und vermutlich viel Geld. Larissa kann sich vor Entzücken und Verliebtheit nicht fassen, er mischt hochmütig die Gesellschaft auf, „charmiert“ auf seine grobe Art herum – aber als er ein Telegramm bekommt, das ihm von Geschäftsproblemen berichtet, dreht er sich um und verschwindet auf Nimmerwiedersehen…

Die Bühne des Burgtheaters dreht sich (davon wird noch mehr zu berichten sein), und ein Jahr ist vergangen. Larissa hat nichts mehr von Paratow gehört, die Mutter in ihren aussichtslosen Verhältnissen ist fuchsteufelswild, die Tochter beschließt verzweifelt, den einzigen zu nehmen, der sie will – den Postbeamten. Dem kleinen Mann schwillt die Brust. Die Frauen verzweifeln…

Wenn es dann kommt, wie es kommen muss, zieht das Stück gnadenlos die Schrauben des Verhaltens an, das menschliche Abgründe offenlegt. Paratow ist kurz mal wieder hier, pleite, aber mit einer so reichen Braut verlobt, dass er sich durch diese Partie sanieren wird. Larissa bedeutet ihm eigentlich nichts – aber dass sie diesen Postbeamten heiraten wird, der in der Gesellschaft der Besitzenden in ihren Augen überhaupt kein Recht hat, sich zu ihnen zu erheben… da muss nun der Vernichtungskampf beginnen, und er wird mit atemberaubender Bösheit geführt.

Parallel gibt es ein zweites Schicksal, das einen Menschen zum Spielball der Willkür seiner Umwelt macht – aus dem einfachsten aller Gründe, weil er kein Geld hat, weil er als Bittsteller und Schmarotzer bei ihnen leben will und sich solcherart alles gefallen lassen muss. Dieser Schauspieler, der sich stolz „Robinson“ nennt und den Paratow mitbringt, wird zum Schoßhündchen von Woschewatow, als Paratow das Interesse verliert – er muss ja rasch mit der immer noch verliebten Larissa ins Bett gehen, um den Postbeamten eins auszuwischen. Sie nachher sitzen zu lassen… na, das muss sie doch einsehen, seine gute Partie wartet.

Natürlich ist Alvis Hermanis der Meisterregisseur, diese Ostrowskij-Menschen in Abgründe zu stoßen – und die Zuschauer mit ihm. Dabei liebt er optisch (das hat er vor allem vor nun auch schon wieder sechs Jahren bei „Platonov“ gezeigt) das russische Ambiente der Zarenzeit, das er sich selbst in schier unerträglicher Detailfreude auf die Drehbühne stellt. Wie sich hier mit jeder Drehung neue Räume eröffnen (ein Kompliment dem technischen Personal des Hauses), das ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Inszenierung, die so kleinteilig die Figuren zeichnet, wie sie irgendwelche Bilder an die Wand hängt – oder die Hauptfigur (wenn auch nicht die größte Rolle) zu einer russischen Puppe macht: Larissa, von Kostümbildnerin Kristine Jurjane mit ununterbrochen wechselndem verrücktem Folklore-Kopfschmuck versehen und vor allem immer wieder in jene typischen roten russischen Tücher mit großen Blumen gehüllt, in dem sie wohl das „geschenkverpackte“ Objekt der Begierde aller Männer darstellt…

Hermanis zaubert Wesen und Wert (vielmehr in den allermeisten Fällen Unwert) der Figuren mit schrecklicher Deutlichkeit hin. Er arbeitet dabei hauptsächlich mit den Schauspielern, die er am Burgtheater schon kennt und die seine Intentionen auch umsetzen können, was keinesfalls leicht ist. Was infolge der Namen durchaus ein Schauspielerfest des Hauses ist, steht dennoch im Dienst dieses scheinbar so bunten, dabei so abgrundtief schwarzen Bildes der russischen Gesellschaft der Zarenzeit, das Alexander Ostrowski hier zeichnet.

Schlechte_Partie_Stockinger~1  Maerten Ofczarek 4

Nur zwei Frauen stehen auf der Bühne: Dörte Lyssewski als Larissas Mutter, die mit jedem Wort, mit jedem Satz ums Überleben kämpft, während die Larissa der hübschen jungen Marie-Luise Stockinger eigentlich immer Opfer ist. Nur, wenn sie mit Paratow im Bett erwacht, ist sie kurzfristig glücklich, überschwänglich, wahnsinnig glücklich, weil sie glaubt, dass ihr nun eine glückliche Zukunft bevorsteht… welch ein Irrtum. Diese Larissa muss auch – an einem Abend, den Hermanis verschwenderisch mit Musik bestückt hat (da für diese Funktion niemand im Programm steht, war er es wohl selbst) – exzessiv viel tanzen, den Männern etwas vortanzen: Die symbolische Aktion mischt sich immer wieder mit der hoch realistischen, niemand jongliert die Ebenen eines Theaterabends so virtuos wie dieser Regisseur, der einen auch von einer Erkenntnis in die nächste schleudert.

Natürlich ist Karandyschew, der arme, gedemütigte Postbeamte, der so beharrlich seinen Platz in der Gesellschaft sucht und mit Larissas Hand auch meint beanspruchen zu können, der Star des Abends: Michael Maertens spielt solche gedemütigte, unschuldige Unglücksvögel mit einer geradezu selbstverständlichen Virtuosität, man weiß gar nicht, wohin mit seinem Mitleid, weil man doch klar sieht, was ihm angetan wird – und er begreift es die meiste Zeit nicht einmal.

Ähnlich stark das zweite Opfer, Fabian Krüger als jener Schauspieler Robinson, den er zwar gelegentlich zu überdrehen scheint, aber er hat als Existenz ohne Rückgrat, durch das Leben fließend, das er nicht gestalten kann, atemberaubende Momente, wie er so vor sich hintänzelt…

Der Schlimmste unter den Tätern ist Nicholas Ofczarek als Paratow in der gebieterisch-angeberischen Pose dessen, der jede Gesellschaft sofort dominieren wird, sich für den Nabel der Welt hält, mit aller Rücksichtslosigkeit über alle hinwegtrampelt und mit strahlender Rücksichtslosigkeit agiert.

Peter Simonischek als der alt-tattrige Knurow und Martin Reinke als der eiskalte Woschewatow sollten – vor allem in ihren Szenen im Kaffeehaus – vielleicht ein böses Komikerpaar ergeben, aber Alvis Hermanis widmet sich ihnen nicht als Karikaturen, sondern Charaktere, wobei nur herauskommt, dass sie mit ihrem Geld und ihrem Standesdünkel am Ende auch verdammt unglücklich sind.

Das „Personal“, das hier sonst keine Funktion hat, wird in zwei Kellnern im Café-Restaurant eingebracht: Hermann Scheidleder und Hans Dieter Knebel, faul darauf wartend, dass jemand kommt, buckelnd vor den reichen Herren, und natürlich auch – wie alle – aufs Geld bedacht.

Nur darum geht es in diesem seelisch brutalen Stück, aber wenn man das Burgtheater verlässt, nach dreieinhalb Stunden trotz der nur scheinbar beschwichtigenden Buntheit der Szenerie regelrecht gebeutelt, fragt man sich ganz ehrlich, ob es heute eigentlich anders ist…

Renate Wagner

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