Der Neue Merker

WIEN / Burgtheater: PENSION SCHÖLLER

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Fotos: Burgtheater / Reinhard Werner

WIEN / Burgtheater:
PENSION SCHÖLLER von Carl Laufs, Wilhelm Jacoby
Premiere: 22. Oktober 2016 

Warum spielten deutschsprachige Theater im allgemeinen die „Pension Schöller“ des Duos Laufs / Jacoby aus dem Jahre 1890? Der „Posse“ genannte Schwank in Reinkultur zielte darauf ab, eine Handvoll hervorragender Schauspieler und Publikumslieblinge im Komödienfach einzusetzen, in der Hoffnung, die Zuschauer würden in Massen ins Theater strömen. Was zuletzt in den Wiener Kammerspielen 1977 (mit Maxi Böhm und Alfred Böhm) und 1993 (mit Ossy Kolmann und Helmuth Lohner) hervorragend geklappt hat.

Aber die Zeiten ändern sich, und für Direktorin Karin Bergmann war die „Pension Schöller“ ein Vehikel, um Alfred Kriegenburg (den niemand als Fachmann fürs Humoristische erachtet hätte) eine Spielwiese zu bieten. Er hat sie genützt – dreieinhalb Stunden lang. So lange sollte gar nichts dauern, schon gar nicht dezidiertes Unterhaltungstheater. Aber war es ein solches? Vielleicht für jenen Teil des Publikums, der sich darauf einließ. Für die anderen war es schwere Arbeit, den Burgschauspielern bei ihren gnadenlos-unablässigen Holzhammen-Slapstick-Blödsinns-Orgien zuzusehen. Der Abend mutierte vom Schwank zum Wahnsinn, zum Wahnwitz, ohne das kleinste Fünkchen echten, menschlichen Humors zu entfalten.

Harald B. Thor baute hohe, hausartige, ziegelbestückte Blöcke auf die Bühne. Nach langem Drehen und Wenden stellte sich heraus, dass es sich um riesige Buchstaben handelte, die sich zu dem Wort „Smile“ fügten. Lächeln? Worüber, um Gottes willen?

Zwischen diesen Bühnenelementen, die des Abends totale Stilisierung ankündigten, tobt von Anfang bis zum Ende die immer gleiche Verrücktheit, beginnend mit einem Monolog der als Kellner verkleideten Sabine Haupt in einem geradezu entsetzlichen „Berlinerisch“. Die Sprechqualität des Abends ist übrigens miserabel, und es hatte nichts mit Schwerhörigkeit zu tun, wenn man nichts verstand. Nun ist das ja kein kostbarer Text, also kam es nicht darauf an. Das fand übrigens auch Kriegenburg, denn was da noch an blödsinnigen Kalauern hinzugefügt wurde (man will doch annehmen, dass der Regisseur selbst dafür verantwortlich war), ging auf keine Kuhhaut.

So wird ein kleiner Monolog des an sich schlicht-dummen Bürgers Philipp Klapproth (der die Pension Schöller für ein Irrenhaus hält) zu einer großen Tirade über die Aufgabe, Funktion und Grässlichkeit des Schauspielerberufs. Ein wenig Theater auf dem Theater hat Kriegenburg zu Beginn (mit dem Kellner-Monolog) ja angedeutet: Durchgeführt hat er dieses angeschlagene Element nicht.

Zu Beginn des Abends überwiegt die „Körperlichkeit“: Auf einer Bananenschale, die demonstrativ ausgelegt wird, rutscht gleich der Erste aus, der vorbei kommt. Danach braucht es keine Vorwände mehr, dass die Darsteller hinfallen, sich aufrappeln, wieder hinfallen, über einander kollern, Sofas um- und mitreißen, sich in den groteskesten Verschlingungen finden – Dinge, die als lustig gelten und es auch sein können, wenn man sie dosiert und nicht als ermüdende, sich selbst andauernd repetierende Methode einsetzt. Und sonst nicht viel zu bieten hat. Die Gesangseinlagen (darunter auch auf „bengalisch“) dehnen den Abend zwar noch weiter, bereichern ihn aber nicht wirklich.

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Christiane von Poelnitz, Roland Koch

Außer, dass alle übertreiben, was das Zeug hält. An der Spitze die penetrant-brillante Christiane von Poelnitz als die verrückte Schriftstellerin, die mehr Zeit auf dem Boden als darüber zu verbringen scheint (und die auch eine Szene lang mit ihrer langen Haarpracht herumalbert, dass man es kaum für möglich hält). Desgleichen Roland Koch als der schamlos von einem Exzeß ins nächste fallende Philipp Klapproth. Und schließlich in der Stotter-Rolle des Eugen Rümpel (die eigentlich nach Michael Maertens gerufen hätte) Burg-Debutant Max Simonischek: Hergerichtet, als wollte er gleich den Affen in Kafkas „Bericht für eine Akademie“ spielen, exekutierte er das Wesen der Rolle, jedes „L“ durch ein „N“ zu ersetzen, mit sprachlicher Könnerschaft, wenn auch nicht mit unschuldsvoller Leichtigkeit. Aber das wäre an einem Abend, wo metaphorisch nur mit Knüppeln hantiert wird, wohl gar nicht möglich.

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Max Simonischek / Roland Koch

Aus einer riesigen Besetzung ragt Aenne Schwarz vor allem deshalb hervor, weil der Regisseur ihren durchaus attraktiven Popo so schamlos ausstellt, dass Feministinnen die Lust zum Protestieren ankäme. (Oder hat der Tugend-Terror, wo es gerichtliche Folgen hat, den Hintern einer Kellnerin zu tätscheln, noch nicht das Theater erreicht?) Michael Masula durfte sich noch nie dermaßen entfalten wie als dümmlicher Weltreisender. Die vielen anderen waren mit Hingabe beschäftigt, die Unnatur, die Kriegenburg ihnen auferlegte, zu exekutieren.

Während des langen Abends wurde nicht besonders viel gelacht. Am Ende gab es den stürmischen Beifall auch für den Regisseur. Was wohl bedeutet, dass das Wiener Publikum für eine solche Aufführung reif ist – was immer das heißen mag…

Renate Wagner

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