Der Neue Merker

WIEN / Burgtheater: HEXENJAGD

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Fotos: (c) Georg Soulek / Burgtheater

WIEN / Burgtheater: 
HEXENJAGD von Arthur Miller
Premiere: 22. Dezember 2016 

Als Arthur Miller – damals schon mit dem „Tod des Handlungsreisenden“ berühmt – 1953 seine „Hexenjagd“ herausbrachte, waren Aussage und Tendenz klar: Der linksliberale Meisterdramatiker hatte sein „Schlüsselstück“ zu den McCarthy-Prozessen geschrieben, indem er auf historische Ereignisse zurückgriff, die sich Ende des 17. Jahrhunderts tatsächlich in Salem (Massachusetts) abgespielt hatten. Die „Hexenjagd“ als Menschenjagd, als Massenhysterie, als Prototyp für Verhalten unter totalitärem Druck.

Und diese Aussagekraft ist dem Stück geblieben. Junge Mädchen, die etwas zu verbergen haben (dass sie ihre erotischen Gelüste in einer total repressiven Gesellschaft auslebten), merken, dass der beste Weg des Selbstschutzes darin besteht, andere anzuklagen, wobei die starke „Führerin“ Abigail Williams auf ihre Gruppe einen lange Zeit ungestört funktionierenden Druck ausübt. Eine in diesem Fall christlich-fundamentalistische Gesellschaft findet einerseits Lust an der totalen Macht, Menschen unter Vorwänden (hier ist es der so wohlfeil zu behauptende „Teufel“) zu terrorisieren und auszuschalten, nimmt andererseits die Gelegenheit wahr, die wirtschaftlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich daraus ergeben, sich seiner Feinde zu entledigen und  sich zu bereichern. Eine Grundsituation, die immer stimmt, wenn künstlich „Schuldige“ kreiert und verfolgt werden…

Miller erzählt es an einer Handvoll Schicksalen, voran Abigail, die aus Rachegelüsten die Gattin von John Proctor, die ihr im Wege steht, vernichten möchte. Eben dieses Ehepaar Proctor steht gleichfalls im Mittelpunkt, dazu einige starke Nebenfiguren unter den Betroffenen. Auf der anderen Seite der im Namen Gottes gegen den Teufel agierende Reverend John Hale, dem später Zweifel am eigenen Tun kommen, und schließlich als bewegende Kraft des zweiten Teils der allmächtige Gouverneurs-Stellvertreter Danforth, wenn es um die Gerichtsverhandlung geht (so spannend, wie einst in den Perry Mason-Krimis, wo es dann vor dem Richtertisch so richtig losging und knisterte).

Das ist ein dramatisches, auch lautes und schnelles Stück – sollte man meinen. Dass Martin Kusej es im Burgtheater ganz anders gepolt und gegen den Strich gebürstet hat, wundert bei diesem Regisseur nicht. Zwar ziehen sich zu Beginn eine Handvoll Mädchen nackt aus und beginnen, sich selbst zu befriedigen, aber das Motiv der unterdrückten Erotik wird vom Regisseur nur am Rande bedient. Unter mächtigen Holzkreuzen, die das Bühnenbild von Martin Zehetgruber bestimmen (die heutigen Kostüme stammen von Heide Kastler), geht es um den Druck, der sich in der  Gesellschaft durch eine sich abweichend verhaltende Mädchenschar aufbaut. All das findet nicht nur in extrem düsterer Atmosphäre, sondern auch (Spieldauer: volle dreieinhalb Stunden) extrem langsam und ausgewalzt statt. Die allgemeine Hysterie wird nicht ausgespielt, sondern gedämpft, auch in einem sprachlich hingenuschelten Mezzavoce, das die Dialoge schon in der 12. Reihe überaus schwer verständlich macht. Mühselig schleppt sich die Geschichte zur Pause, als wollte der Regisseur ihr jegliches (Bühnen-)Leben austreiben und nur vom grausigen Druck der Ereignisse erzählen.

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Erst nach der Pause, wenn Michael Maertens als allmächtiger Ermittler und Richter zugleich das Geschehen (auch sprachlich stark) mit der Schärfe eines Eisenmessers durchschneidet, kommt eine Spur von Dramatik auf, wobei Martin Kušej die Figur selbst nicht ganz klar macht – weder ist er ein Heuchler, noch ein felsenfest von seinem Tun überzeugter Mann, eher ein leerer, glatter Technokrat. Im Gerichtssaal spielt dann Marie-Luise Stockinger ganz faszinierend den Zwiespalt der Mary Warren, die nicht mehr lügen will, aber begreifen muss, dass es um ihre eigene Haut geht, wenn sie auf der Wahrheit besteht – und wahnwitzig in die Gruppe zurückkehrt, um sich selbst zu retten.

Für eine der interessantesten Figuren des Stücks, weil sie zu Erkenntnissen kommt und sich diesen stellt, hat man sich aus der Josefstadt (schon wieder) Florian Teichtmeister ausgeborgt: Dieser Reverend John Hale ist entschlossen, aber nicht geifernd auf den Spuren des Teufels, bis ihn keine Überzeugung der Welt mehr von dem Blut rein wäscht, das an seinen Händen klebt. Philipp Hauß (gerade noch Tasso, wenn auch nicht sehr überzeugend) zappelt hier sehr eindringlich als Reverend Parris verzweifelt angesichts einer Situation, der er nicht gewachsen ist und der er nichts entgegen zu setzen hat.

Weniger überzeugend die anderen, die eigentlich die „großen“ Rollen sind: Andrea Wenzl muss die Abigail Williams so starr verkörpern, dass sie fast leblos wirkt, nur selten blitzt das absolut Böse auf, das sie verkörpert. Für den John Proctor hat man Steven Scharf aus München geholt, der zweifellos ein interessanter Typ ist, aber für den aufrechten, kämpfenden Mann viel zu wenig stark, viel zu wenig geradlinig auch. Und Dörte Lyssewski muss die Elisabeth Proctor dermaßen künstlich „zerspielen“, dass gar keine greifbare Figur übrig bleibt (auch sie ist ja bei Miller eine Art Heldengestalt).

In Nebenrollen sieht man Barbara Petritsch, Sabine Haupt und die für Wien neue Barbara de Koy (es sei denn, man erinnert sich an ihre Tante in Kusejs „Hedda Gabler“-Inszenierung, die auch in Wien gastierte), Martin Schwab, Ignaz Kirchner und Daniel Jesch. Das Regiekonzept engt alle jedoch dermaßen ein, dass der Abend nicht auf den darstellerischen Leistungen, sondern auf den Bildern und Stimmungen beruht. Beklemmend düster, ja, aber im Grunde nicht so stark und wirkungsvoll, wie das Stück sein kann.

Selbstverständlich gab es viel Beifall, und Regisseur Kusej hatte auch sehr viel Prominenz in den Zuschauerraum dieser Premiere gebracht. Wer weiß, vielleicht ist er ja doch einmal der nächste Burgtheater-Direktor, da macht man am besten rechtzeitig seinen Kotau.

Renate Wagner

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