Der Neue Merker

WIEN / Burgtheater: EIN VOLKSFEIND

Volksfeind Meyerhoff_MircoKreibich breit
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Burgtheater:
EIN VOLKSFEIND von Henrik Ibsen
Premiere: 18. November 2017,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 29. November 2017

Mit einem gewaltigen Schnauber aus der Tiefe eines Wassertanks auftauchen und sich dann, nackt und naß, ausführlich dem Theaterpublikum zu präsentieren: Das ist schon das mindeste, das man (gleich zu Beginn des Abends) von einem ersten Schauspieler verlangen kann, und wer, wenn nicht Joachim Meyerhoff, wäre ein solcher?

Warum allerdings der Schockeffekt, der heute niemanden mehr berührt? Nun, Regisseurin Jette Steckel könnte darauf bestehen, dass Dr. Tomas Stockmann, ihr „Volksfeind“, mit ganzem Körper das verschmutzte Wasser seiner Badeort-Gemeinde untersuchen musste. Zuzutrauen wäre es ihm…

Aber das ist nur eines von vielen optischen Gustostückerln, mit denen der Abend aufwartet, wobei Henrik Ibsens Stück in der Fassung von Frank-Patrick Steckel, dem Vater der Regisseurin, sich als dramaturgisch total zerstückelt erweist.

Dominierend sind auf jeden Fall die Gartenzwerge (Bühnenbild: Florian Lösche), die hier als starre Gartenriesen fungieren – das stumme Volk, gegen das Stockmann vergeblich anrennt. Wichtig ist auch, dass so gut wie alle Protagonisten mit Ausnahme Stockmanns und seiner Familie auf Schlittschuhen laufen (und das ganz ohne Eis – eine ziemliche Herausforderung für die Darsteller-Crew), und man weiß auch, warum: Das sind die Angepassten, die sich biegen können wie verlangt.

Diesbezüglicher Höhepunkt: Wenn der unaufrichtige Bruder des aufrichtigen Dr. Stockmann – und dieser andere Stockmann ist natürlich Politiker – seine quasi „Wahlrede“ vor Journalisten schwingt: Er tut es (tatsächlich mit Musikbegleitung) halb als Arie, halb aber auch als Eislaufkür, ja, ja, wir haben es schon verstanden…

Man versteht so viel an diesem Abend, der großteils im üblichen Fetzen-Look (Kostüme: Sibylle Wallum) in un-realem Raum stattfindet: Alles ist als Gleichnis gemeint, so dick und penetrant, dass es höher nicht geht. Dr. Stockmann predigt in seiner großen Rede (auch er bekommt eine), erst an die Garten-Riesen, dann ins Publikum hinein, nicht nur allgemein „Politik“, er belehrt auch über die Fehler von hier und heute (ja, Ihr seid gemeint!) … Und anschließend gibt es noch eine Video-Show über grauenvolle Naturkatastrophen, die die Öko-Aussage des Stücks knallhart unterstreichen. Ach, Ihr seid ja so blöd, Ihr da unten, wie aufdringlich müssen wir es Euch noch sagen?

Volksfeind JoachimMeyerhoff Eislaufschuhe   Volksfeind MircoKreibich Kür
In der zweiten Aufführung ohne Schlittschuhe: Joachim Meyerhoff  /
Politische Rede als Eislauf-Kür: Mirco Kreibich

Als ob die Geschichte, die Ibsen um Dr. Tomas Stockmann schrieb, nicht selbst erklärend aktuell sei. Er ist Arzt in einem Badeort, entdeckt, dass das Wasser dort verseucht ist und das Kurbad wegen Gesundheitsschädigung sofort geschlossen werden muss, hat scheinbar in seinem Kampf um die richtige Entscheidung auch die Presse auf seiner Seite – und wird von dieser schmählich verlassen und von den wirtschaftlichen Interessen der Politik natürlich in Grund und Boden gestampft. In der Steckel / Steckel-Fassung gewinnt man allerdings den Eindruck, Stockmann (der Doktor) ließe sich ja doch kaufen. Immerhin hat er bei der Premiere des Stücks irgendwann auch Schlittschuhe angezogen, mit denen der Darsteller sich dann verknöchelte (was zum Ausfall der ursprünglichen zweiten Vorstellung führte) – in der nun zweiten Vorstellung blieben die Schlittschuhe weg und gingen nicht ab, so dramaturgisch unabdingbar dürften sie also nicht gewesen sein. Und ob Stockmann, der so gegen die Gesellschaft gewütet hat, wirklich standhaft bleibt… man ist sich bei diesem Finale nicht so sicher.

Immerhin, die Situation ist jederzeit und brandaktuell nachvollziehbar. Wie kann es möglich sein, dass die EU (!) das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat (das immerhin als „wahrscheinlich“ krebserregend gilt), doch noch für weitere fünf Jahre gestattet? Wie kann es sein, dass die Grünen (!) für ein umweltverschandelndes Hochhausprojekt stimmen, das Wien vermutlich das Etikett des „Weltkulturerbes“ kosten wird? Wie viel Geld steckt da jedes Mal dahinter – oder gibt es eine andere Erklärung? Gibt es keinen Anstand? Wie sinnlos ist da Widerstand? Ibsens „Volksfeinde“ haben auch in unserer Welt keine Chance…

Wer das Stück kennt, weiß, in welch verstümmelter, man kann allerdings auch sagen „handlungsmäßig reduzierter“ Form es hier gezeigt wird. Die Aufführung hat nur den Vorteil, dass sie – vermutlich dank der Kopfmikrophone – akustisch klar über die Rampe kommt. Stellenweise ist die Argumentation (meist umgeschrieben!) auch noch original-Ibsen-verdichtet, und dann kann man die Augen zumachen und sich wie in einem guten Hörspiel anhören, was da verhandelt wird…

Joachim Meyerhoff, nackt aus dem Wasser, glatzköpfig, aber bärtig wie ein Troll (was man ja in Norwegen über bald einen seltsamen Menschen sagt), lässt seine übliche Bühnenenergie los: Die ist gewaltig, vor allem, wenn er gegen die Garten-Riesen anschreit. Wenn er dem Publikum Politisches zuflüstert, wird es peinlich. Aber das ist wohl nicht seine Schuld.

Wie schon für ihre vorige (erste) Burgtheater-Inszenierung, die „Antigone“ (2015), hat die Regisseurin wieder Mirco Kreibich mitgebracht, schlank, geschmeidig, glatt für den Politiker (dass er Meyerhoffs Bruder sein soll, glaubt man allerdings nicht), perfekt in seinem „Tanz“ auf Schlittschuhen (als ob ein guter Schauspieler einen Politiker-Arien-Tanz nicht auch – spielen könnte).

Ole Lagerpusch, der als Antonio im „Tasso“ so seltsam und doch so originell war, hätte man in der Rolle des aufschäumenden jungen Journalisten, der dann doch klein beigibt, nicht wieder erkannt. Gemeinsam mit dem auch optisch zur Karikatur verunstalteten Matthias Mosbach und dem zappeligen Peter Knaack setzt er zur Hinrichtung des Journalisten-Standes an, was hier zwar äußerst grell ausfällt, aber vermutlich in Ibsens Sinn gewesen wäre.

Die Familie Stockmann hat in Dorothee Hartinger eine eher unauffällige Ehefrau, in Irina Sulaver eine besonders hässlich gestylte Tochter und zwei pfiffige kleine Söhne zu vermelden. Ignaz Kirchner bekommt am Ende seinen Kapitalisten-Auftritt – das, man muss es sagen, überzeugte.

Was war der Abend denn nun? Sicher nicht, dass man in Ibsens Sinne (und der konnte seine Probleme wirklich präsentieren!) einen Sachverhalt gezeigt bekam, aus dem eigene Schlüsse zu ziehen wären. Vielmehr war es Holzhammer-Agit-Prop, frontal auf die österreichische Gegenwart gezielt. Nun, Ibsen zeigt es in diesem Stück an den Journalisten, wie sie sich drehen und wenden zwischen Anstand und dem Wissen, wo der Futterkorb hängt. Vielleicht realisieren sich Ibsens Erkenntnisse zwischen Idealismus und Realpolitik, zwischen Zwängen und Kapital auch noch auf anderen Ebenen… Hatten wir nicht (vor dem derzeitigen) einen Operndirektor, der perfekt mit jeder Regierung ausgekommen ist?

Renate Wagner

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