Der Neue Merker

WIEN / Blumenhof: FREIHEIT

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Foto: Igor Ripak

WIEN / Blumenhof:
FREIHEIT von Volker Schmidt
Uraufführung
Eine Produktion der new space company
Premiere: 21. September 2017

Volker Schmidt, geboren in Klosterneuburg, als Schauspieler, Regisseur und Autor Allroundmann des Theaters, hat mit der von ihm begründeten „new space company“ ein eigenes Stück zur Uraufführung gebracht. „Freiheit“ ist eine Satire auf heutige Befindlichkeiten von Intellektuellen, wobei Schmidt keine Scheu davor hat, in seinen fünf Personen quasi fünf Archetypen in all ihren Klischees auf die Bühne zu bringen.

Zusammen finden sie irgendwo im Nirgendwo, „am Land“, in einem Gebäude „aus dem 16. Jahrhundert“, und stellen sich vor – ist das „Aussteigen“ wieder „in“? – , wie herrlich man hier alternativ und gut und richtig und sinnvoll leben kann, alles, was im stressigen Alltag, der hinter Geld und Karriere nachläuft, nicht möglich ist.

Da ist Mark, der Umweltbewusste, der als Lokalpolitiker für Biotonnen kämpft. Seine Freundin Nana, für die in ihrer Agentur keine Befriedigung mehr bedeutet. Seine 16jährige Tochter, die alle Erwachsenen unerträglich findet (man kann es ihr nachfühlen) und abpascht. Da ist Sebastian, der „Freund“ der Familie (Freund von Mark und früherer Sex-Gespiele von Nana), ein Künstler, der „reines“ Schaffen postuliert und doch nur, wie alle anderen, hinter Subventionen her hetzt. Und schließlich Joy, die Schwarze aus der Karibik, auch noch lesbisch, gelegentlich aggressiv im Wissen um ihre Vorzeigefunktion für die demonstrativen Liberalen – als zusätzlicher Reibungspunkt für die Dramaturgie des Stücks eingeführt.

Ein Wochenende auf dem Lande, der Pressetext zitiert nicht ohne Absicht Tschechow, Menschen auf engstem Raum – das wird schwierig, vor allem, wenn der gegenwärtige Hang zur dauernden Selbstbespiegelung, zur eitlen Selbstanalyse, zur notorischen Selbstdarstellung ausbricht. Jeder stellt sich selbst aus, jeder will die anderen benützen, selbstverständlich flirrt sexuelles Begehren zwischen allen hin und her – und letztendlich gibt es keinen Hauch von Empathie, jeder dreht sich nur eitel um sich selbst und sucht, wenn er kann, das Weite.

Das in den Griff bekommen zu haben, mit der Prise Satire, die diese Menschen verdienen, ist der Gewinn des Stücks, das in eineinhalb pausenlosen Stunden abläuft und jede einzelne Figur desavouiert. Das ist ein Bild von Menschen, die nur nach allen vorgegebenen Zeitgeist-Schemata und gar nicht mehr schlicht individuell funktionieren.

Und Volker Schmidt als sein eigener Regisseur hat sich starke Besetzungen für alle fünf Rollen geholt: Veronika Glatzner als die ultimative Egozentrikerin Nana, die stets ihre Angstattacken bei der Hand hat, wenn sie die allgemeine Aufmerksamkeit und die allgemeine Anteilnahme einfordert, die sie selbst nie zu geben bereit ist. Die brillante dunkelhäutige Nancy Mensah-Offei (die man schon aus dem Volkstheater kennt) als die kraftvolle Joy, die versucht, mit ihrem doppelten Außenseitertum als Farbige und als Lesbe einigermaßen souverän umzugehen, der aber doch gelegentlich der Kragen platzt – vor allem, wenn sich die Rassisten (im Suff verabschiedet sich das Mäntelchen der politischen Korrektheit) damit verteidigen, die anderen spielten doch nur ihre „Opferrolle“. Maresi Riegner als Anja ist so jung und zart und dabei hintergründig, dass man ihr das halbe Kind – frühreif und doch in Nöten – jede Sekunde glaubt.

Sami Loris als Mark und Daniel Wagner als gebeutelter Künstler Sebastian mit einem Stich ins Naive haben gemeinsam, dass sie sich gegen die Frauen überhaupt nicht durchsetzen können. Wie ein Macho funktioniert, wissen die beiden nicht, die nur Unterwerfung oder Flucht kennen…

Für das Unternehmen dieser Uraufführung hat Volker Schmidt auch noch einen „neuen Raum“ zu bieten – scheinbar ideal für ein „Projekt“ wie dieses: Der Blumenhof (Blumauergasse 6) liegt im Zweiten Bezirk, unweit der Taborstraße (gleichnamige U-Bahn-Station), und ist ein seit Jahren leer stehender Industriehof aus dem Jahre 1875, der nun erstmals für eine Theateraufführung benützt wird. Nicht ganz so hoch wie das Semper-Depot, an das er entfernt erinnert, hat der Blumenhof – optisch außen und innen eine Pracht – einen klassischen Nachteil der allzu hohen Raumkonstruktionen: die Akustik. Viel zu viel „Schall“ entschwebt, man kann die Verständlichkeits-Verluste des Textes gut für ein Viertel des Gesprochenen annehmen, und das ist dann der teure Preis, den der Zuschauer für den phantastischen Raum zahlt (obwohl alle Darsteller ausgezeichnete Sprecher sind).

Alles in allem marschieren unsere Zeitgeist-Pflanzen amüsant am Zuschauer vorbei und offenbaren Sprüche klopfend ihre toten Seelen: Über die Pseudo-Ideale, die sie anbieten, darf man lachen, besonders weil sie so schlicht gestrickt sind… Großer Premierenerfolg.

Renate Wagner

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