WIEN / Belvedere: TINA BLAU

by R.Wagner | 18. Dezember 2016 09:53

Blau  Schrift~1

WIEN / Oberes Belvedere / Reihe: „Meisterwerke im Fokus“: 
TINA BLAU
Vom 16. Dezember 2016 bis zum  9. April 2017

Nicht nur die Praterbäume!

Blau Saal Praterbäume  x~1
Fotos: Belvedere

Vor hundert Jahren starb mit  Tina Blau eine der bedeutendsten Malerinnen in der Geschichte Österreichs. Das Belvedere, selbst im Besitz zahlreicher ihrer Werke – voran jener großformatige  „Frühling im Prater“, der sie einst über die Monarchie hinaus berühmt machte – stellt nun 49 ihrer Bilder in der Reihe „Meisterwerke im Fokus“ vor, „nur“ zwei Räume im zweiten Stock des Oberen Belvederes, aber dicht an Information und Eindrücken.

Von Heiner Wesemann

Blau  foto jung  x~1  Blau Foto alt

Tina Blau   Sie wurde am 15. November 1845 Wien geboren, und vielleicht wäre ihr Schicksal anders verlaufen, hätte ihr Vater, der Militärarzt Simon Blau, das Talent der Tochter nicht so entschieden gefördert: Denn damals stand für  Frauen keinesfalls die Ausbildung offen, die für jeden Mann selbstverständlich war. Tina Blau erhielt schon als 14jährige Privatunterricht durch den Waldmüller-Schüler Antal Hanély. Der nächste ihrer Lehrer war der Landschaftsmaler August Schaeffer, späterer Direktor des Kunsthistorischen Museums, und bereits die 23jährige beteiligte sich an der Eröffnungsausstellung des Wiener Künstlerhauses.
Emil Jakob Schindler, mit dem sie einige Zeit auch privat verbunden war, teilte mit ihr ein Atelier, sie unternahm (teilweise in seiner Begleitung) erste Reisen, darunter nach Italien. „Frühling im Prater“ (214 x 291), für ihre Verhältnisse ungewöhnlich groß, wurde 1882, von Makart hoch gelobt, bei der Internationalen Ausstellung im Wiener Künstlerhaus gezeigt und machte Tina Blau im Alter von 37 Jahren in der ganzen Kunstwelt berühmt.

Im Jahr darauf heiratete sie Heinrich Lang, berühmt als Pferde- und Schlachtenmaler, wofür sie vom jüdischen zum protestantischen Glauben wechselte. Sie lebte mit ihm in  München, wo sie erfolgreich weiterarbeitete und auch als Lehrerin an der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins tätig war. Lang starb 1891, und Tina Blau kehrte nach mehreren, künstlerisch ergiebigen Reisen (Holland, Paris, Italien) in ihre Heimatstadt Wien zurück. Auch dort war sie an der Kunstschule für Frauen und Mädchen tätig – eine Aktivistin für Frauenrechte, die auch mit den Kämpferinnen ihrer Epoche, u.a. mit Rosa Mayreder, Kontakt hielt.

Blau Belvedere~1

Sie war an vielen Ausstellungen beteiligt, darunter 1900 an der Pariser Weltausstellung. Kaiser Franz Joseph zählte zu ihren Bewunderungen, und ihr Hauptwerk „Frühling im Prater“ wurde 1899 für die Kaiserlichen Gemäldegalerie erworben. Auch das Belvedere, von dem sie Ansichten gemalt hatte (zwei aus dem Jahre 1895 sind in der  Ausstellung zu sehen, so gehängt, dass sich der von ihr gemalte Blick mehr oder minder bei dem Blick durch das Fenster daneben wiederholt), kaufte mehrere ihrer Werke. 1916 starb sie am  31. Oktober, zwei Wochen vor ihrem 71. Geburtstag, in Wien und wurde am Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Evangelischen Abteilung begraben.

Blau mit Staffelei und Wagerl

Ihre Sonderstellung in der weiblichen Kunst     Die Sonderstellung der Tina Blau – die es als Frau und als Jüdin in ihrer Epoche schwer haben musste – ergab sich aus mehreren Komponenten: Das Studium wurde ihr vom Vater ermöglicht, ihr Talent von großen männlichen Kollegen anerkannt, ihre zahlreichen „Prater“-Bilder verliehen ihr ein Markenzeichen. Das berühmte Foto, das sie noch als alte Dame auf dem Weg zu „Plein Air“ zeigt, wo sie in einer Art Kinderwagen ihre Leinwände in den Prater führt, sagt mehr als tausend Worte über die unerschütterliche Entschlossenheit, mit der sie ihr Schaffen vorantrieb. Und wie sie ihrem Prinzip, im Freien zu malen, treu blieb, um zu vermitteln, was das Licht ihr erzählte. Sie tat dies auf ganz individuelle Art und Weise.  Neben den großen „Stimmungsimpressionisten“, mit denen sie bei genauer Betrachtung wenig gemeinsam hat, hielt sie (trotz begabter, mehr oder minder gleichaltriger Kolleginnen wie Olga Wisinger-Florian und Marie Egner) ihre singuläre Stellung. Sie nahm einen Weg zwischen Biedermeier und Impressionismus, der nie lieblich, kitschig oder betulich war. Man konnte ihr „Weiblichkeit“ in ihrem Werk nicht vorwerfen, so gerne man es getan hätte.

Blau  Landschaften  x~1

Vielfalt zu entdecken      Die Ausstellung im Belvedere zeigt mit Ausnahme des „Frühlings im Prater“ nur mittelgroße und kleinformatige Werke und erweitert das Spektrum ihres Prater-Images sowohl thematisch wie formal. Natürlich war sie in erster Linie „Landschaftsmalerin“, Menschen waren meist nur Staffage, aber immerhin entdeckt man auch ein Stilleben aus dem Jahr 1872, das für die 27jährige vielleicht nicht mehr als eine Fingerübung war. Das Belvedere hat für diese kleine, aber feine Ausstellung nicht nur eigene Bestände und Werke aus dem Wien Museum zu bieten, es ist auch gelungen, einiges aus Privatbesitz hier zu zeigen. Das verleiht der Ausstellung einige Male den Reiz des Noch-nie-Gesehenen.

Dunkler und geheimnisvoller    Es gibt viele Bilder von Tina Blaus Reisen, und die Helle und Zartheit der Pinselführung bei Ansichten von Venedig steht stilistisch entschieden in Kontrast zu ihren Bildern aus Paris oder Holland, wo sie sich auch vom Stil holländischer Maler beeinflussen ließ. Überhaupt ist sie bei einem Großteil ihrer Werke „dunkler“ und damit dramatischer und geheimnisvoller als bei den hell grundierten Praterbildern. Auch findet man thematisch beim genauen Hinsehen doch Unterwartetes – dass sie 1904 ein Fabriksschlot hinter einer Nussdorf-Szene interessierte oder 1909 der Bahnbau bei Dürnstein. Und ihr Verständnis für die Natur, das auch das Wissen um die Zerstörung beinhaltete, trug ihr 1893 bei der Weltausstellung in Chicago eine Goldmedaille für das Bild „Gestürzte Größe“ ein – es zeigt in geradezu tragischer Stimmung Stamm und Wurzeln eines gefällten Baumes.

Tina Blau via Belvedere online      Es gibt, so sagte Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Pressekonferenz, heute keine endgültigen Werkverzeichnisse von Künstlern mehr, weil immer wieder Werke und auch Erkenntnisse hinzukommen, die Korrekturen verlangen. Darum druckt das Belvedere das Werkverzeichnis von Tina Blau, das Markus Fellinger (der Kurator der  Ausstellung) mit Claus Jesina für Tina Blau erarbeitet hat, nicht, sondern stellt es online (wo permanente Korrekturmöglichkeit gegeben ist). Mit 1251 Objekten ist jedes einzelne der derzeit bekannten Bilder dargestellt und beschrieben. Abzurufen unter: www.werkverzeichnisse.belvedere.at[1]

  1. www.werkverzeichnisse.belvedere.at: http://www.werkverzeichnisse.belvedere.at/

Source URL: http://der-neue-merker.eu/wien-belvedere-tina-blau