Der Neue Merker

WIEN / Belvedere: RUELAND FRUEAUF D. Ä. UND SEIN KREIS

Frueauf mit Schrift x~1
Alle Fotos: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

WIEN / Belvedere / Oberes Belvedere:
RUELAND FRUEAUF D. Ä. UND SEIN KREIS
Meisterwerke im Fokus
Vom 23. November 2017 bis 11. März 2018

Es gibt auch das Mittelalter

Die Ausstellungen großer Häuser wenden heute ihr Interesse in erster Linie der Moderne oder den Klassikern von der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert zu. Gerade das Belvedere besitzt jedoch eine großartige, in eigenen Räumen ausgestellte Mittelalter-Sammlung, in die sich – hinter der Orangerie gelegen – normalerweise nur wenige Besucher verirren. Nun hat man bedeutenden Künstlern des 15. Jahrhunderts die Räumlichkeiten links vom Eingangsbereich des Oberen Belvederes eingeräumt: In der Reihe „Meisterwerke im Fokus“ gibt es eine mehr als eindrucksvolle Ausstellung für Rueland Frueauf den Älteren, für seinen Sohn Rueland Frueauf den Jüngeren., ergänzt durch Arbeiten des Meisters von Großgmain.

Von Heiner Wesemann

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Die berühmte „Sauhatz“ des Sohnes (Ausschnitt) / Der Vater porträtierte den Kollegen Jobst Seyfrid 

Vater und Sohn     Daten für das 15. Jahrhundert sind nicht mit Sicherheit auszumachen. Anzunehmen ist, dass Rueland Frueauf – den man den „Älteren“ nennt, weil sein Sohn dann in seine künstlerischen Fußstapfen trat – um 1445 im Umkreis von Salzburg geboren wurde und 1507 in Passau starb. Sein Hauptwerk ist der „Salzburger Passionsaltar“ (um 1490) mit seinen acht großformatigen Tafeln. Sein Sohn, „der Jüngere“ gleichen Namens, mag um 1470 im Salzburger Land geboren sein und ist nach 1545 in Passau gestorben. Der Vater gehört zu den wichtigsten deutschen Malern der Generation vor Albrecht Dürer, in deren Werken die Spätgotik einen Höhepunkt erreichte, der Sohn war ein unmittelbarer Zeitgenosse Dürers (1471-1528). Beide Frueaufs sind für ihre Altartafeln berühmt geworden, wobei der Sohn besonders enge Bindung zum Stift Klosterneuburg hatte, das als großzügiger Leihgeber dieser Ausstellung auftrat. Das Belvedere ergänzt auch noch Werke des Meisters von Großgmain, von denen man kostbare Stücke besitzt.

Heiliger Ambrosius des Meisters von Großgmain (Ausschnitt)

GrogmainHl.AmbrosiusInv. ausschnitt~1 Das große Restaurierungsprojekt     Die Ausstellung im Belvedere, die Licht auf die beiden Frueaufs und als Ergänzung auf den Meister von Großgmain wirft, hat mit einem großen Restaurierungsprojekt zu tun: Die acht, aus Salzburg stammenden Altartafeln mit Passions- und Marienszenen des älteren Frueauf, die sich im Besitz des Belvedere befinden, wurden jahrelang restauriert, teilweise auch als „Schaurestaurierung“, die es Publikum möglich machte, bei der Arbeit zuzusehen. Dazu ist übrigens zu bemerken, dass die Altartafeln schon im frühesten 20. Jahrhundert vertikal zersägt wurden, damit man beide Seiten sehen und ausstellen konnte…
Darüber hinaus hat man im Belvedere in vieler Hinsicht wissenschaftlich, auch kunsttechnologisch gearbeitet und die Werke regelrecht „durchleuchtet“: Da zeigt sich etwa, wenn ein Maler auf dem Holz bereits ein Thema angeschlagen, aber später aus welchen Gründen auch immer verworfen und übermalt hat. Digitale Stationen machen dergleichen für ein interessiertes Publikum nachvollziehbar.

„Familienzusammenführung“     Inhaltlich hat in diesem Zusammenhang Kurator Björn Blauensteiner zu Frueauf dem Älteren ergänzende Werke gesucht und gefunden, wobei – wie erwähnt – die Kunstsammlungen des Stifts Klosterneuburg Werke des Sohnes beisteuern konnten, darunter die berühmte Leopoldlegende. Eine „Familienzusammenführung nach über 500 Jahren“, wie es hieß. Ein anderer großer Künstler der Spätgotik und vermutlich Zeitgenosse von Frueauf dem Älteren ist der Meister von Großgmain, dessen Werke hier ebenfalls zu Vergleich und Ergänzung herangezogen sind.

Die Welt des Mittelalters     Möglicherweise genießen Werke des Mittelalters beim breiten Publikum weniger Interesse als die späterer Epochen, weil der Eindruck besteht, es handle sich immer nur um Variationen derselben Motive der Heilsgeschichte Christi und der Marienlegende. An der Thematik gab es in der damaligen Epoche nichts zu rütteln, doch es sind die Details der Bilder, es ist der Ideenreichtum der künstlerischen Gestaltung, die hier offenbar werden und genaue Betrachtung nahelegen.

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Der restaurierte Salzburger Altar des älteren Freuauf

Die Meisterschaft des „Älteren“   Bei den Gesichtern von Jesus, Maria und den Heiligen ging die Experimentierfreude aus begreiflichen Gründen nicht weit (manchmal wurden da sogar Schablonen benutzt), aber in der Gestaltung des „Volks“ wird man als Ausstellungsbesucher in hohem Maße fündig: Da finden sich etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, in dem Altarbild von der „Kreuztragung Christi“ beim älteren Frueauf Gesichter, die in ihrer Bösheit und Verbissenheit an Bosch erinnern. Bemerkenswert als künstlerisch-formales Element ist auch die sorgliche Ausgestaltung des meist opulent vertretenen Faltenwurfs der Gewänder, gleichfalls die oftmalige Einfügung von Landschaftsszenen im Hintergrund. Der Ruhm des älteren Frueauf kam, vielleicht auch in Zusammenhang mit seiner Farbenpracht, nicht von ungefähr. Das einzig individuelle Porträt der Ausstellung, als der ältere Frueauf seinen Malerkollegen Jobst Seyfrid um 1490 malte, strahlt große Verinnerlichung aus.

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Der Meister von Großgmain

Der Meister von Großgmain   Das Belvedere besitzt vom Meister von Großgmain (dessen Daten man nicht kennt, der aber auch um 1500 tätig war) zwei seiner berühmten Heiligendarstellungen, den Heiligen Augustinus und den Heiligen Ambrosius, beide in reiche Bischofsgewänder gekleidet, beide mit Büchern befasst (Ambrosius trägt sogar eine Brille). Man konnte aus Londoner Privatbesitz noch den Heiligen Gregor hinzufügen (er ist beim Schreiben und trägt eine kostbare Tiara). Vom Großgmainer Meister bietet die Ausstellung noch ein Triptychon mit dem „Tod Mariens“ im Zentrum (sie stirbt als mittelalterliche Dame in einem mittelalterlichem Bett), und sein reich mit Gold im Hintergrund arbeitender Stil unterscheidet sich entschieden von dem der beiden Frueaufs – Mittelalter ist nicht Mittelalter, jeder große Künstler hatte (schon vor Dürer) seine Handschrift.

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Rund um den Heiligen Leopold: der jüngere Frueauf

Rueland Frueauf der Jüngere   Der jüngere Frueauf, auch er biographisch noch sehr schwer zu fassen, repräsentiert in seinen Werken spürbar schon eine nächste Generation nach dem Vater. Die Farben sind weniger kräftig, dafür schillernder, die Figuren länger gestreckt, mit einem Hauch von Manierismus, die Landschaften differenzierter. Der jüngere Frueauf schuf für das Stift Klosterneuburg nicht nur die Flügeltafeln eines Johannes- und Passionsaltars, sondern auch ein Stück für die unmittelbare Geschichte des Stiftes: Dabei ist von seinem „Leopold Altar“ vor allem die „Sauhatz“ (als rein „weltliches“ Thema, bewegt dargestellt) berühmt geworden. Die drei anderen Altartafeln zeigen Leopold und Agnes, und von dem Heiligen Leopold schuf Frueauf auch ein zweieinhalb Meter hohes Tafelbild, das ihn mit dem Modell der Stiftskirche in der Hand zeigt – im Museum entsprechend prominent aufgestellt. Neben diesen Werken, durchwegs Leihgaben aus Klosterneuburg, besitzt das Belvedere selbst noch ein Tafelbild, das Leopold inmitten von Heiligen zeigt und damit natürlich sein Prestige hoch hält.

Eine Welt der Information   Unabdingbar für Kunstfreunde, die sich für diese Epoche interessieren, ist der Katalog, ein wahres Meisterstück in der Aufarbeitung der Thematik und in der Darbietung der Werke der drei hier zentral präsentierten Künstler.

Belvedere / Oberes Belvedere:
Rueland Frueauf d. Ä. und sein Kreis
Bis 11. März 2018, täglich 9 bis 18 Uhr

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