Der Neue Merker

WIEN / Belvedere: LAWRENCE ALMA-TADEMA

Alma Tameda Rosen
Alle Fotos: Belvedere

WIEN / Unteres Belvedere:
LAWRENCE ALMA-TADEMA  –  DEKADENZ & ANTIKE
Vom 24. Februar2017 bis zum 18. Juni 2017

Lass es rosa Rosen regnen…

Kitsch ist es nur auf den allerersten, flüchtigen Blick. Weil alles so schön, so farbig, so herzerfreuend und auch so gestrig erscheint. Dann aber erkennt man bald, was die Ausstellung über Lawrence Alma-Tadema im Belvedere will: eine vergangene Epoche hervorrufen, mit ihren damaligen Vorstellungswelten, ihrem Geschmack, ihrem Können, ihrer historischen Gewissenhaftigkeit. Gewiß, das ist Viktorianismus, wie er parallel zu Ringstraßen-Prunk und auch schon Jugendstil-Ästhetik verläuft. Aber soll man, wenn man das eigene Gelände ausreichend beacktert hat, nicht auch den Blick über den Tellerrand werfen? Die Ausstellung im Unteren Belvedere lässt keinen Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Unternehmens.

Von Renate Wagner

 Alma Tameda  Raum xx~1

Lawrence Alma-Tadema  Er war geborener Niederländer, Friesländer, um es enger zu fassen, aus dem nördlichen Eck des Landes: Der in Großbritannien zu „Sir Lawrence“ wurde, war ein Lourens Tadema, als er 1836 in Dronrijp geboren wurde. „Alma“ fügte er seinem Namen hinzu, um mit dem „A“ stets an der Spitze von Listen zu figurieren… Er studierte in Antwerpen, lebte mit seiner ersten Frau in Brüssel, hatte Erfolge bei der Pariser Weltausstellung, wurde aber erst der Superstar der Szene, als er sich 1870 in London niederließ, wo er die Künstlerin Laura Theresa Epps heiratete. Gemeinsam reisten sie zu archäologischen Ausgrabungsstätten, die letztlich seine primäre Inspiration darstellten (Pompej war damals groß in Mode). Sein Historismus entsprach so vollkommen dem Viktorianischen Zeitalter, dass er mit seinen vor Schönheit überquellenden Genrebildern einer der gefragtesten Künstler seiner Epoche wurde: Ein Porträt, das Kollege Ignacy Jan Padrewski 1891 von ihm malte, zeigt einen jugendlichen, lockenköpfigen Rotschopf,  der zu seiner Zeit in der ganzen Kunstwelt bekannt war, nicht zuletzt, weil er das mediale Netzwerken seiner Zeit beherrschte. 1899 wurde er von Queen Victoria geadelt, und nach seinem Tod 1912 in Wiesbaden gaben die Briten ihm die letzte Ruhestätte in der St Paul’s Cathedral. Im Katalog sieht man übrigens ein Foto über die Aufbahrung seines Sarges: Er ertrankt in einem Blumenmeer, so, wie Lawrence Alma-Tadema es oft gemalt hat…

Alma Tameda  Porträt

Wechsel der Wertigkeit     Die Zeitgenossen schätzten ihn, keine Frage, dass Klimt von Alma-Tadema beeinflusst wurde. Wien erwarb 1893 dessen Gemälde „Fredegonda und Galswintha“ (jetzt im Zimmer mit „nordischen“ Themen der Ausstellung zu sehen), das man 1903 in der Modernen Galerie ausstellte. Das Gemälde ist heute im Besitz der Akademie der bildenden Künste in Wien und das einzige, das wir von Alma-Tadema besitzen. Wie viele, die so sehr in ihrer Zeit ruhten und folglich in ihr entsprechend berühmt waren, wurde Alma-Tadema spätestens mit dem Ersten Weltkrieg hinweggefegt und war lange vergessen. Erst als im späten 20 Jahrhundert die Beschäftigung mit der Vergangenheit wieder einsetzte, holte man ihn als wichtigen Zeitzeugen des Viktorianischen Zeitalters und der Antike-Rezeption hervor. Mittlerweile erzielte die „Auffindung des Moses“ 2010 bei einer Auktion 30 Millionen Euro (!). Und die Dreifach-Ausstellung, die das niederländischen Fries Museum in Leeuwarden (demnächst europäische Kulturhauptstadt), das Belvedere und das Leighton House Museum in London veranstalten, hatte in den Niederlanden in 4 Monaten 160.000 Besucher, wie Kris Callens, der nach Wien angereiste Direktor des Hauses, berichtete. Es ist anzunehmen, dass das Interesse in Wien gleicherweise stark sein wird.

Die Antike       Heute machen es Computeranimationen, sehr beeindruckend, gewiß, aber auch glatt und unromantisch: Da wachsen dann aus Ruinen Gebäude hoch, wie sie einst ausgesehen haben mögen. Für die Gegenwart eine gute Möglichkeit, wenn sie sich mit dem Glanz auch nicht vergleichen lassen, den die Gemälde von Alma-Tadema ausstrahlen. Das alte Griechenland, das alte Rom, das alte Ägypten waren seine Themen – die Wiener Ausstellung hat zwei monumentale Hauptwerke, „Die Rosen des Heliogabalus“ (gemeint war der römische Kaiser Elagabal, der es Rosen regnen ließ, in denen seine Gäste erstickten) und „Die Auffindung des Moses“ (der Pharaonentochter in der Sänfte wird ein Baby im Körbchen gezeigt) entsprechend positioniert, dass sie ihre volle Wirkung entfalten können. Zahlreiche andere, kleiner formatige Gemälde erweisen nicht nur die Detailgenauigkeit, mit der der Künstler nach intensiven Studien verfuhr, sondern auch die Lebendigkeit der Szenen: Die ferne Antike wurde durch seine Gemälde schlicht und einfach nahe gerückt, menschlich begreiflich.

Alma Tameda Moses

Inspiration fürs Kino      Kein Wunder, dass so viel „Information“, wie sie hier durch die Kunst vermittelt wurde, nicht ungenützt blieb. Schon die frühesten „monumentalen“ Filme noch vor dem Ersten Weltkrieg holten sich ihre Anregungen aus den Gemälden von Alma-Tadema, und der letzte  Raum der Wiener Ausstellung ist Szenenausschnitten von Filmen gewidmet, die sich speziell zu ihrer Abhängigkeit bekennen – darunter Regisseur Ridley Scott sowohl für seinen „Gladiator“ wie auch zuletzt für sein Bibel-Epos „Exodus“, ein Remake von „Die zehn Gebote“, deren Ausstatter ihrerseits bereits auf Alma-Tadema zurück gegriffen hatten.

Alma Tameda  Ausstell Filme xx

Die Ausstellung    Die Ausstellung in Wien, die – wie der heimische Kurator Alfred Weidinger stolz verkündet – mit ihren 136 Objekten gut 60 Prozent der Hauptwerke Alma-Tamedas bietet, ist abwechslungsreich gestaltet, zeigt auch Möbel (eine beeindruckende, weiße, antikisierende Vorzimmerwand) und eine Staffelei aus dem Besitz des Künstlers, hat eine „Kuschelecke“ errichtet, wo man sich auf weichen Pölstern niederlassen kann, um sich den Details der Werke hinzugeben, berücksichtigt auch die Gattin Laura Theresa Epps, die nicht nur als Modell und Muse, sondern auch als gesellschaftlicher Fixpunkt eine überaus wichtige Protagonistin im Leben des Künstlers war, der ja den Frauen in seinem Werk besondere Präsenz eingeräumt hat. Fotos aus dem Leben Alma-Tamedas zeigen, das er in einer Makart-Parallelwelt lebte, mit Anlehnungen an secessionistische Ornamentik. Und das alles mehr oder minder gleichzeitig zu Künstlern, die wir – wie Cezanne (1839-1906) – als vergleichsweise „modern“ empfinden. So bedeutet diese Ausstellung auch einen „parallelen Weg ins 19. Jahrhundert zurück“.

Unteres Belvedere:
„Lawrence Alma-Tadema. Dekadenz & Antike“
Bis zum 18. Juni 2917, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr
Katalog „Lawrence Alma-Tadema. Klassische Verführung“ von Elizabeth Prettejohn und Peter Trippi (hrsg.), Verlag Prestel 2016, 240 Seiten
www.belvedere.at

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