Der Neue Merker

WIEN / Belvedere: JOHANN PETER KRAFFT

Krafft  Plakat~1

WIEN / Unteres Belvedere / Orangerie:
JOHANN PETER KRAFFT
MALER EINES NEUEN ÖSTERREICH
Vom 25. Februar 2016 bis zum 5. Juni 2016

Kaiser, Faust und Landwehrmann…

Er malte die Habsburger, lebende und tote, er schuf dramatisch die großen Gestalten der Literatur und der Bibel, er konterfeite die Reichen seiner Epoche, aber er malte ebenso das „einfache Volk“ und hinterließ außerdem eine Fülle von Zeichnungen und anmutige „private“ Szenen – Johann Peter Krafft war ein Allround-Könner, dessen hervorragende Technik im Monumentalgemälde ebenso besticht wie in der Miniatur. Und er war, wie Belvedere-Direktorin Agnes Husslein bei der Präsentation der Krafft-Ausstellung in der Orangerie anmerkte, als Direktor der kaiserlichen Gemäldegalerie im Belvedere auch einer ihrer Vorgänger…

Von Renate Wagner

Johann Peter Krafft     Geboren am 15. September 1780 in Hanau (in der Nähe von Frankfurt), Sohn eines Emaillemalers, der ihn früh unterrichtete, kam Johann Peter Krafft mit seiner Familie 1799 nach Wien, wo er an der Akademie noch im Sinne des „Klassizismus“ ausgebildet wurde (die Wiener Ausstellung zeigt schöne Studien). Die Jahre 1802 bis 1804 lebte er im Paris Napoleons und lernte nicht nur den Stil der dortigen Großen (vor allem von Jacques-Louis David), sondern auch, wie die Malerei im Dienste der fürstlichen Propaganda einzusetzen ist. Wieder in Wien, betätigte er sich als Porträtist und Historienmaler und kam in das Blickfeld der Habsburger. Erzherzog Johann, den er in Graz kennen lernte, zu malen und Erzherzog Karl siegreich am Schlachtfeld von Aspern, ebnete ihm den Weg zu den Aufträgen des Kaiserhauses. Daneben wollte Adel und das wohlhabende Bürgertum von ihm porträtiert werden, aber Krafft verfolgte thematisch durchaus eigene Ambitionen. 1828 wurde er zum Direktor der kaiserlichen Gemäldegalerie und zum Schlosshauptmann des Belvederes, wo er auch lebte, ernannt: Im Revolutionsjahr 1848 gelang es ihm, die Aufständischen vom Schloß fernzuhalten (die verwüsteten Gärten, denen seine besondere Zuneigung gehörte, ließ er wieder herstellen). Krafft, der Gattin und zwei Kinder durch den Tod verlor und am Ende mit seiner als Malerin so begabten Tochter Marie zusammen lebte, starb am 28. Oktober 1856.

Krafft  Kaiser Franz x~1

Krafft und die Habsburger     Der Untertitel der Ausstellung, „Maler eines neuen Österreich“, bezieht sich auf das politisch neue Bewusstsein des Kaiserreichs zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das die mediale Darstellung der Habsburger-Dynastie in Gegenwart und Vergangenheit nach sich zog. Krafft schuf einige der berühmtesten Gemälde von Kaiser Franz, sitzend und stehend, vor allem aber als Inbegriff des repräsentativen Historiengemäldes dessen triumphalen Einzug in Wien nach dem Pariser Frieden (damals ahnte man noch nicht, dass Napoleon noch einmal für „Hundert Tage“ wiederkehren würde und die Kriege noch immer nicht ausgestanden waren). Jene Bilder, die den Kaiser als „braven Bürger“ zeigen – was sein Image auch in der Nachwelt geprägt hat -, wurden von dessen Witwe Carolina Auguste in Auftrag gegeben. Die Wiener Ausstellung zeigt auch, wie sich die Habsburger schnell ihre Vergangenheit (mit Kaiserbildnissen und Kaiserszenen) malen ließen – und sie bietet ein weitgehend unbekanntes Krafft-Gemälde des Herzogs von Reichstadt, des Sohnes von Napoleon, der auch der Enkel von Kaiser Franz war. Überhaupt hat man über die reichen Krafft-Bestände des Hauses hinaus (Schenkungen, auch von dessen Nachkommen, eigene Ankäufe) einiges aus Privatbesitz holen können, was das Bild des so vielseitigen Krafft auf eine immer noch breitere Basis stellt.

Krafft  Husslein~1
Agnes Husslein und Rolf H. Johannsen 
vor Kaiser Franz (links) und dem Herzog von Reichstadt
(Alle Fotos in der Ausstellung fotografiert von Renate Wagner)

Die Porträts   Betrachtet man die ungemein lebendigen Gesichter, die Krafft von Adeligen und Bürgern an die Nachwelt brachte (auch ganze Familienszenen, wie sie damals üblich waren, wenn man sich den gar nicht billigen Spitzenmaler leisten konnte), fällt etwa am Beispiel des Franz Wessely (1810) auf, wie meisterlich sich der Maler auch auf Stile verstand – dieses Bild könnte aus der niederländischen Schule sein, so schlicht und lapidar stellt es sein Objekt dar. Dass Damen natürlich in ihrer ganzen Anmut erschienen, war vermutlich im Preis des Bildes inbegriffen – das Belvedere konnte die zauberhafte Florentina Troclet-Fautz vor einigen Jahren in einer Auktion vermutlich günstiger erwerben, als sie der Ehemann der Dame einst bezahlt hat…

Krafft  Landwehrmann~1

Der Landwehrmann     Zu den berühmtesten Gemälden von Johann Peter Krafft gehört das Motiv des „Landwehrmannes“, wobei er dessen „Abschied“ 1813 (als noch Krieg herrschte) ohne Auftrag gemalt hat – eine große Entscheidung angesichts dieses Monumentalgemäldes, das vom Restaurierungsteam des Belvedere in konzentrierter Gemeinschaftsarbeit großartig „hergerichtet“ wurde. Auch die „Rückkehr“ des Landwehrmannes gibt es, alles in mehreren Fassungen, wobei auffällt, dass dieses Genrebild absolut nicht kriegspropagandatauglich war: Kraft hat sein Interesse bloß den einfachen Menschen zugewendet, jeglicher Hurra-Patriotismus fehlt.

Krafft  Bibel x~1
Judith und David mit den Köpfen ihrer Feinde

Bibel und Literatur     Das „Biedermeier“ war parallel auch das Zeitalter der Romantik, es gehörte für die damaligen Künstler einfach dazu, Szenen aus der Bibel zu malen (sowohl Judith wie auch David sind mit den abgeschlagenen Häuptern ihrer Feinde dargestellt), und auch die Literatur, ob Byron, ob Ariost, lieferte ihre damals allen bekannten Vorbilder für bewegte, hochdramatische Szenen, wo man gelegentlich auch dem Exotismus frönen konnte. Das letzte Gemälde des Künstlers vor seinem Tod galt 1856 Goethes Faust am Ostermorgen, die Schale mit Gift in der Hand, den Blick allerdings auf die Kirche gerichtet – die Glocken werden ihn bekanntlich vom Selbstmord abhalten…

Krafft  Faust~1

Familienidylle   Krafft lebte mit Gattin, Sohn und drei Töchtern (Frau, Sohn und eine Tochter starben hintereinander 1847) im Belvedere, wobei er vor allem Tochter Marie jenen Unterricht erteilte, der ihr ererbtes Talent zu voller Entfaltung brachte. Nicht nur Kraffts berühmtes Bild von Marie an ihrem Schreibtisch, sondern auch ihre zarten Aquarelle, die Familienszenen zeigen, sind im letzten Raum der Ausstellung zu sehen. Da hat sich Kurator Rolf H. Johannsen auch einen sinnvollen „Zeitsprung“ einfallen lassen: So, wie man zu Kraffts Zeiten in Kupferstichen blätterte, die vor der Fotografie das Mittel waren, um Kunstwerke anzusehen, so kann man heute per Touchscreen durch Kraffts Zeichnungen gleiten… Zur Komplettierung des Ausstellungseindrucks sei der Katalog angeraten, zumal er auch immer wieder Werke von Zeitgenossen abbildet und solcherart Krafft in seiner vollen Bedeutung in das Schaffen seiner Zeit stellt.

Krafft  Zeichnungen~1 
Krafft-Zeichnungen am Touch-Screen

Unteres Belvedere / Orangerie: Johann Peter Krafft. Maler eines neuen Österreich.
Bis 5. Juni 2016, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr
Katalog im Eigenverlag des Museums
Die Ausstellung geht im Herbst in die Geburtsstadt des Künstlers, nach Hanau

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