Der Neue Merker

WIEN / Belvedere: INSPIRATION FOTOGRAFIE

Belvedere  Fotograafie Plakat 2~1

WIEN / Unteres Belvedere / Orangerie: 
INSPIRATION FOTOGRAFIE
Von Makart bis Klimt
Vom 17. Juni 2016 bis zum 30. Oktober 2016

Ohne Kontakt mit der Seele…?

Wahrscheinlich kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, was es bedeutet hat, als im Jahr 1839 die Meldung kam, dass man in Paris etwas ganz Neues erfunden hatte: die Fotografie. Möglicherweise war die Revolution so groß wie jene, die eineinhalb Jahrhunderte später mit der Digitalisierung über die Welt hereinbrach – ein verändertes Bewusstsein. Damals, im 19. Jahrhundert, gab es zum ersten Mal die Möglichkeit, schnell und in unbegrenzt vielen Kopien „Bilder“, Abbilder von etwas herzustellen – was bis dato den Malern und Graphikern vorbehalten war. Für die Künstler eine Katastrophe? Auf Anhieb sah es so aus. Aber in relativ kurzer Zeit wandelte sich die Bedrohung in die „Inspiration Fotografie“. Das zeigt nun eine Ausstellung in der Orangerie des Unteren Belvederes.

Von Renate Wagner

Belvedere  Ausstellungsraum Matsch

Fortschritt durch die „Maschine“   Das 19. Jahrhundert war das Maschinenzeitalter, Erfindungen auf allen Gebieten waren nicht aufzuhalten, und intelligente Menschen – auch wenn sie, wie  Fürst Metternich beispielsweise, als konservativ galten – erkannten schnell die Möglichkeiten des neuen Mediums und wandten den Daguerreotypien, wie sie damals noch hießen, ihr Interesse zu. Den Künstlern allerdings erschien es anfangs als blanker Horror, dass „Maschinen“ ihre Aufgaben übernehmen sollten, Menschen und Dinge abzubilden. Doch die von Monika Faber kuratierte Ausstellung zeigt, wie schnell das neue Medium – bei allen Vorbehalten – angenommen und auch für die eigene Arbeit benützt wurde. Das Photoinstitut Bonartes, das von ihr geleitet wird, hat besonders viele der historischen Fotografien beigesteuert.

Angst um das „Künstlertum“   Die Ausstellung, die aus eigenen Beständen und aus Leihgaben ungemein spannende Bezüge zwischen Malerei und Fotografie herstellt, hat zahlreiche eindrucksvolle Beispiele dafür zu bieten, wie die Fotografie – anfangs eher schwierig und nur von „gelernten“ Fotografen zu handhaben, nach und nach so einfach, dass sie von jedermann ausgeführt werden konnte – schnell für die Künstler Verwendung fand. Josef Kriehuber etwa (1800-1876), den man gerne noch im „Biedermeier“ verankert, weil er schon in dieser Zeit die wichtigsten Künstler und Prominente der Epoche porträtiert hatte, nahm gerne Hilfe an: Erzherzog Johann musste 1858 nicht mehr viele Stunden Porträt sitzen, wenn ein Fotograf ein Bildnis in der erwünschen Haltung von ihm angefertigt hatte. Und die danach entstandene Lithographie hat dann vergleichsweise immer noch die „künstlerische Aura“. Um die ging es ja wohl, und sei es nur als Vorwand, um den Vorrang der bildenden Künstler zu fixieren. So hat Emil Jakob Schindler (der selten ohne Kamera unterwegs war!) ohne weiteres anerkannt, welchen Nutzen „das Lichtbild“ hatte, zum Aufsammeln von Material, als Aufschluß in Bezug auf Bewegungen zum Beispiel, schränkte aber doch ein, dass Fotos, die mitunter ausgezeichnet sein konnten, „ohne in Kontakt mit unserer Seele zu treten…“

Belvedere  Pettenkofen 2 x x~1

Von Makart bis Klimt      Der Untertitel der Ausstellung bezieht sich auf Künstler, die ganz schnell lernten, wie viel Arbeit sie sich in der Erstellung von Vorlagen ersparen konnten (die vorbereitenden Skizzen gingen der Kunstgeschichte natürlich verloren …). August von Pettenkofen mit seinen Tierbildern kam es besonders zugute, dass er sich nicht mehr „mühselig“ mit Pferden und Ochsen als Modellen, die nicht still halten, abgeben musste, sondern bezog sich auf eine  Fülle fotografischer Bewegungsstudien der Tiere, die er mit genauen Vorgaben von den Fotografen bestellte. Hans Makart ließ für seine historischen Monumentalgemälde Damen in historischen Kostümen abfotografieren und bezog sie dann in seine Malerei ein. Wenn der „Orient“-Müller ein später so berühmtes Gemälde wie etwa den „Marktplatz in Kairo“ schuf, so hatte er selbst viele Fotos zu Studienzwecken „geschossen“. Und besonders deutlich wird die zeit- und ersparende Methode etwa bei einem Gemälde von Franz von Matsch, der seinen kleinen Sohn im Gewand eines ungarischen Prinzen porträtierte (es ziert das Ausstellungsplakat), für das der Junge aber nicht viele Stunden (Tage, Wochen?) Modell stehen musste: Das Foto, das dem Papa als Vorbild diente, ist in der Ausstellung zu sehen. Gustav Klimt verzichtete zwar nicht auf seine Modelle, aber auch er wählte den Blick des fotografischen „Ausschnitts“ für seine Landschaftsgemälde. Dass er und Emilie Flöge sich oft und gern fotografieren ließen (von ihr gibt es von 1913 schon Fotos in Farbe), zeigt, wie sehr die Fotografie bereits in den Alltag eingezogen war.

Belvedere  Kairo Foto  x x~1 Belvedere  Marktplatz in Kairo  Foto

Belvedere  Müller Orient

„Positive“ Nebeneffekte     Die Fotografie erschloß die Welt schneller, ausführlicher und billiger, als es der Künstler je vermochte – der Fotoapparat wurde auf Reisen unabdingbar. Und nicht nur die Künstler sahen die Zukunft. Selbst die als so konservativ verfemte Akademie sammelte ab 1855 in großem Ausmaß Fotografien (nicht zuletzt als Dokumentation historischer Fassaden), und wenn man die Kunst des Fotografierens anfangs auch noch nicht als eigenes Studium anbot, so lehrten es die Lehrer ihre Schüler. Es dauerte vergleichsweise nicht mehr lange, bis die handliche „Kamera“ den Siegeszug antrat, der in gewissermaßen logischer Entwicklung heute zu den Milliarden Selfies per Handy geführt hat… Und schließlich hat die Möglichkeit, von jedem Bild zahllose Abzüge zu machen (während jedes Gemälde ein Unikat war, jede Graphik auf eine bestimmte Zahl der Abzüge begrenzt), dem Geschäft der Nacktfotos für lüsterne Betrachter ungeahnte Möglichkeiten eröffnet…

Reichhaltigkeit und Originalität     Die Reichhaltigkeit und vielfach auch Originalität des Themas, das im Belvedere mit Gemälden, Zeichnungen, Druckgraphiken, rund 250 Fotos und zwei Kameras aus dem 19. Jahrhundert aufbereitet wird, spiegelt sich auch im Katalog. Er ist nicht, wie üblich, ein fest gebundenes Buch, sondern erscheint in Form einer voluminösen Spiralbindung, was die Möglichkeit bietet, etwa auch alte Zeitungsseiten einzuheften oder im Fall des Erzherzog Johann-Bildes das Vorlagen-Foto von Gustav Prückner über die Lithographie von Kriehuber  zu legen. Das spielerische Element, das oftmals bei der Beschäftigung von Künstlern mit der Fotografie zu bemerken ist, reflektiert sich hier im Katalog.

INSPIRATION FOTOGRAFIE
Von Makart bis Klimt
Orangerie, Unteres
Belvedere
Bis 30. Oktober 2016, täglich 10 bis 18 Uhr, M bis 21 Uhr

Diese Seite drucken