Der Neue Merker

WIEN / Albertina: POUSSIN BIS DAVID

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WIEN / Albertina / Tietze Galleries:
POUSSIN BIS DAVID
Französische Zeichnungen der Albertina
Vom 25. Jänner 2017 bis zum 25. April 2017 

Glanzvolle Ehrenrettung

Klaus Albrecht Schröder hat aus der Albertina, die bei seinem Direktionsantritt „nur“ die „größte Graphische Sammlung der Welt“ (immerhin) war, ein mit Werken aller Genres bestücktes Großmuseum gemacht, wobei die Konfrontation von Malerei und Graphik in vielen Ausstellungen besondere Berücksichtigung fand. Nun gibt es eine Rückkehr zur Kernkompetenz, und das mit einer Ausstellung, die Licht auf einen zu wenig beachteten Sektor der Albertina-Bestände werfen will. Wer „Albertina-Graphiken“ sagt, meint die Deutschen mit  Dürer, meint die Italiener, meint die Niederländer. Dass man hier auch eine ausgewählt kostbare und umfassende Sammlung von „Franzosen“ besitzt, wird nun unter dem Titel „Poussin bis David“ vor staunenden Besucher-Augen ausgebreitet.

Von Renate Wagner

Die französischen Zeichnungen der Albertina   Mit rund 2800 Zeichnungen französischer Künstler aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sind die Bestände der Albertina auf diesem Gebiet neben der Leningrader Eremitage die größten außerhalb Frankreichs und wohl auch die kostbarsten, wie 67 von Christine Ekelhart-Reinwetter ausgewählten Werke zeigen. Albert von Sachsen-Teschen hat selbst noch – in den Niederlanden, wo er Statthalter war, bei Auktionen in Paris und London – die Werke der damaligen französischen Zeitgenossen intensiv gesammelt, gut 2000 Stücke gehen auf ihn zurück. Namen wie François Boucher, Jean-Honoré Fragonard, Claude Lorrain, Jean-Antoine Watteau oder Nicolas Poussin haben den Weg in das Bewusstsein der Nachwelt gefunden, andere Künstler weniger, was angesichts des Gezeigten nicht gerecht erscheint. Die Ausstellung führt bis zu Jacques-Louis David, der als Exponent des Klassizismus eine neue Welt ankündigte. Und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte ja die französische Malerei als Impressionismus die Weltführung übernehmen…

Poussin
Nicolas Poussin: Blick auf das Tibertal mit dem Ponte Molle (Alle Fotos: Albertina)

Der Zauber der Landschaft   Die Ausstellung beginnt mit Nicolas Poussin und Claude Lorrain, die beide in Rom lebten (aber vom französischen König zurück „kommandiert“ wurden), zwei Künstler, die die italienischen Kunsterrungenschaften in ihre Arbeiten einbrachten und vor allem auch in der Graphik großartige Landschaften schufen (sehr oft in Rötel oder braun laviert). Damals schon emanzipierte sich diese Kunstform von der Malerei, ging über die Arbeitsskizze für ein Gemälde hinaus, wurde eigenständig und reagierte damit auch auf einen Kunstmarkt, auf dem große Nachfrage nach den Blättern bestand. Die „Römischen Ruinen“, die man allerdings nicht sklavisch nach der Natur gestaltete, sondern höchst bewusst für die Bilder „komponierten“, stellen hier auch einen wichtigen Themenkreis dar.

Robert
Hubert Robert: Tempelruine mit korinthischen Säulen und der Statue eines gefangenen Barbarenfürsten

Eine schöne, heile Welt    Die Zeichnung des Barocks und des Rokoko reflektierte eine höfisch-adelige Welt, deren Hauptlebenszweck darin zu bestehen schien, sich zu vergnügen. Vielleicht hat die leichtlebige Frivolität, die aus manchem Blatt spricht, die Nachwelt auch dazu gebracht, von der Thematik her die ganze Kunstepoche gering zu schätzen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat man den Werken wieder die ihnen gebührende Bewunderung zugestanden. Dass der Adel auch auf die „schnellere“ Art der Zeichnung porträtiert werden wollte, zeigen Werke von Hyacinthe Rigaud. Die traumhaften Rokoko-Szenen von Watteau sind in der Ausstellung weniger vertreten als großartige Arbeiten von Jean-Honoré Fragonard. Dabei ist sein „Mädchen mit dem Murmeltier“ aus den 1780er Jahre (Rötel über schwarzer Kreidevorzeichnung) zwar ein spätes Beispiel der Rokoko-Romantik und der damals herrschenden Schönheits- (oder Verschönerungs-) Tendenz, zeigt aber doch, dass es sich hier nicht um eine Adelige, sondern eine einfache Frau handelte, wahrscheinlich eine  savoyardische Schaustellerin, die mit ihrem Tier herumzog.

0Fragonard  Greuze
Jean-Honoré Fragonard: Das Mädchen mit dem Murmeltier (Links)
Jean-Baptiste Greuze: Kopfstudie eines lächelnden Mädchens

Die Zeitenwende     Von da an, die Französische Revolution stand vor der Tür, war der Weg zur Zeitenwende nicht weit: Die Bilder von Jean-Baptiste Greuze bieten ein gewandeltes, von der Aufklärung geprägtes Bewusstsein, wo eine Zeichnung (im Gegensatz zu früher) eindeutig eine „moralische“ Aussage haben musste (was ihn auch nicht hinderte, einen zauberhaften Mädchenkopf zu zeichnen). Und wenn Jacques-Louis Davideine mit einer überdimensionalen Feder / Pinsel / Kreide-Arbeit auf grauem Papier (mit 1,1 m mal 2,03 m schon Gemäldeformat) mit der Schlachtenszene „Die Kämpfe des Diomedes“ am Ende steht, dann ist die Ausstellung nahezu eineinhalb Jahrhunderte französischer Kunst in ihrer inhaltlichen und auch technischen Vielfalt ausgeschritten.

David
Jacques-Louis David: Die Kämpfe des Diomedes

Der Katalog    Der Katalog der Ausstellung, bei Hirmer erschienen, zeigt nicht nur jedes einzelne Werk auf einer ganzen Seite, mit genauer Beschreibung und Interpretation, sondern verweist auch auf verwandte Werke oder, dort, wo es sich um Studien handelt, auf die dazugehörigen Gemälde. Wenn die Albertina die kostbaren Blätter wieder ins Dunkel ihrer Archive versenkt, um ihren Bestand zu garantieren, kann man – ohne den Live-Effekt, aber mit Zeit für genaues Betrachten – hier die französischen Kunstwerke nachdrücklich genießen.

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POUSSIN BIS DAVID
Französische Zeichnungen der Albertina
Bis zum 25. April 2017
Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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