Der Neue Merker

WIEN / Albertina: PIETER BRUEGEL

Bruegel  Litfasssäule~1  Bruegel  Plakat Schrift~1

WIEN / Albertina / Tieze Galleries:
PIETER BRUEGEL
DAS ZEICHNEN DER WELT
Vom 8. September 2017 bis zum 3. Dezember 2017

Der Künstler und die Wirklichkeit

Wer „Bruegel“ sagt, zumal in Wien, denkt an das Kunsthistorische Museum, wo es mehr Gemälde des Künstlers an einem Ort gibt als irgendwo sonst auf dieser Welt. Und selbstverständlich wird man dort in Hinblick auf das Jahr 2019, sein 450. Todesjahr, eine Großausstellung der Gemälde zeigen. Die Albertina, im Besitz von herausragenden Bruegel-Zeichnungen und Kupferstichen, besann sich auf seine Kernkompetenz und stürmte vor: „Das Zeichnen der Welt“ bietet einen Großteil der eigenen Bestände, darunter viel Neues. Und – diese Blätter, fast ein halbes Jahrtausend alt, sind kostbar und werden ohnedies nur bei „schummrigem“ Licht gezeigt – nur kurz: Bis 3. Dezember. Nicht versäumen!

Von Heiner Wesemann

Bruegel  raum~1

Pieter Bruegel   Man nennt ihn den „Älteren“, denn er hatte zwei Söhne, die (als „Höllen“- und als „Blumen“-Bruegel) in der Nachwelt zeitweise seinen Ruhm überstrahlten, was aber längst wieder zurechtgerückt wurde. Von Pieter Bruegel, den man allzu vereinfachend auch den „Bauern-Bruegel“ nennt, weiß man biographisch wenig: Er hat – trotz seiner kurzen Lebensspanne – ein bedeutendes Werk hinterlassen, aber wenige haltbare Fakten. Selbst sein Geburtsjahr ist nicht bekannt, es könnte 1527 gewesen sein, wie jenes des Infanten Philipp, der später als König Philipp II. von Spanien die Niederlande kurz vor Bruegels Tod durch den Herzog von Alba so gnadenlos knechtete. Man kennt auch seinen Geburtsort nicht, vielleicht Breda in Nordbrabant. Als Bruegel 1569 in Brüssel starb, war er wohl nicht viel älter als 40 Jahre geworden.

Religion, Politik, Kunst   Eva Michel, die Ausstellungskuratorin, betont, dass die Literatur voll sei von widersprüchlichen Behauptungen über Bruegel, die sich alle nicht belegen lassen, aber stets irgendwie aus seinem Werk „herausgelesen“ werden. Oder aus wenigen bekannten Fakten, etwa der Tatsache, dass er am Totenbett seine Frau bat, viele seiner Werke zu verbrennen: Heißt das, dass er als glühender Protestant verhindern wollte, dass die Inquisition seine Familie ins Auge fasste? Immerhin gibt es von ihm zahlreiche Darstellungen aus der Bibel, wie zu seiner Zeit üblich – wenn auch unter dem besonderen Aspekt, dass er (was allerdings damals auch nicht unüblich war) das Ambiente des frommen Geschehens aus seiner niederländischen Gegenwart nahm. Bruegel als politischer Künstler, der in vielfältigen Anspielungen vieles versteckte – davon ist allerdings auch Eva Michel überzeugt. Nicht immer ist er in einer Aussage so eindeutig wie in seinem (zahllose Male reproduzierten) Meisterblatt „Die großen Fische fressen die kleinen“, was weniger die Versinnlichung eines Sprichworts als eine tragische sozialpolitische Tatsache ist… Auch im übertragenen Sinn war er ein Künstler seiner unmittelbaren Wirklichkeit.

Bruegel  Grosser Fisch  Bruegel  Künstler und Käufer
Diese beiden Fotos: Albertina

Die Themen des Pieter Bruegel     Die Albertina.  mit 80 Werken insgesamt (darunter auch bemerkenswerte Leihgaben), zeigt viel originalen Bruegel, allerdings flankiert von Vorgängern, Zeitgenossen und Nachfahren, wobei stets auf thematische Analogien hingewiesen wird. Im Zentrum stehen allerdings die 20 Handzeichnungen von Bruegel, ein Drittel dessen, was auf der Welt noch vorhanden ist. Sie sind natürlich – meist Federzeichnungen – unendlich zarter als die Kupferstiche, die von anderen Künstlern nach ihren Vorbildern hergestellt wurden, aber begreiflicherweise  liegt bei ihnen die besondere Kostbarkeit der Ausstellung. Was man aus seinen Gemälden kennt, lässt sich hier thematisch auch in der graphischen Kunst verfolgen. Der „Moralist“ Bruegel zeichnete die Tugenden und die Todsünden, er blickte im Sinn von Bosch auf Höllenfahrten:  Mit der „Höllenfahrt Christi“ besitzt die Albertina eine besondere (und entsprechend berühmte) Zeichnung. Aber Bruegel zeichnete auch schlichtes bzw. burleskes Landleben, die Natur in Jahreszeiten – und die Natur wohl im Ganzen viel „natürlicher“ als Kollegen, die sie im Atelier komponierten. Das tat er zwar auch, aber er ging nachweislich auch ins Freie – davon zeugen die Alpen-Ansichten.

Der Kunstmarkt   Einblicke in den Kunstmarkt gibt etwa die Tatsache, dass man den Kupferstich der „Fische“ – nach der hier vorhandenen Originalzeichnung – später unter dem Namen „Bosch“ vermarktete. Dieser war bei Bruegels Geburt mindestens zehn Jahre tot, aber sowohl inhaltlich wie auch im ökonomischen Wert seiner Werke ein Markenzeichen. Als „neuen Bosch“ hat man Bruegel bezeichnet, weil er (wie auch andere Zeitgenossen) mit ähnlicher Meisterschaft die surreale Monsterwelt des Künstlers für seine Themen beschwor. Am charakteristischsten für eine Kunstwelt, die nicht zuletzt vom Geld bestimmt wurde, das dabei lukriert wurde, ist die berühmte, immer wieder reproduzierte Federzeichnung „Maler und Käufer“, eine der größten Bruegel-Kostbarkeiten der Albertina. Meist wird der hinter dem Maler stehende Käufer mit seinem begierigen Blick (und dem schwer erkennbaren, aber vorhandenen Geldbeutel) weggeschnitten, weil man den „Maler“ für ein Selbstbildnis von Bruegel hält – eine Interpretation, der sich Kuratorin Eva Michel nicht anschließen kann. Sie sieht in dem versonnenen, fast abweisenden Blick des Malers eine Darstellung des „Künstlers an sich“, reflektierend darüber, was er hier tut. Wobei die Ausstellung, wie in allen anderen Bereichen, auch hier thematisch die „Geld“-Frage in der Darstellung anderer Künstler aufwirft. Hier findet sich dann etwa das Sujet des alten Mannes und der jungen Frau (u.a. auch in einem Kupferstich von Dürer), das für die Käuflichkeit des Menschlichen schlechthin stand.

Bruegel zum Ersten     Diese Ausstellung ist für Wien im Hinblick auf das Jubiläumsjahr bereits als „Bruegel zum Ersten“ zu werten und legt die Latte für das KHM sehr hoch. Der Katalog (Hirmer Verlag) bildet nicht nur alle gezeigten Werke ab, sondern befasst sich in den Artikeln u.a. mit damals innovativen künstlerischen Verfahren zur Zeitkritik, wie sie im Werk des Künstlers so reich vorhanden ist.

Bruegel  Kataloge~1

Albertina, bis 3. Dezember 2017, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

Diese Seite drucken